dieser Universitäts- und Handelsstadt auszukundschaften . « » Ich werde mich langweilen zum Sterben , guter Junge . Ich kenne Leipzig und weiß , was es dem Fremden für interessante Seiten zu bieten hat , wenn er nicht Handlungsreisender oder Weinbeflissener ist . Und nun gar dieses Wetter ! Man kann keinen Fuß aus dem Hause setzen . « » Es ist ja die Saison , Herr Kapitän ! Da gibt es Concerte alle Abende . Am Tage laufen wir die Kaffeehäuser und Weinkeller durch oder grüßen die hübschen Mädchen , die in Leipzig alle so verliebte Augen haben . « » Gilbert ! « » Verzeihung , Kapitän ! Man sagt so und mich dünkt eine Nachrede solcher Art bringt dem schönen Geschlecht der Stadt keine Schande . Mädchen ohne Liebesblicke , ich bitte Sie , Kapitän , wie soll es ein vernünftiger Mann mit solchen Geschöpfen aushalten ? Uns schräg gegenüber im Erker wohnt ein neugieriges Lockenköpfchen - ich hab ' es gleich bemerkt . Morgen früh bei Zeiten werd ' ich der schönen Nachbarin mit Ihrer gütigen Erlaubniß auf Matrosenart meine Reverenz machen . « Der Kellner erschien wieder und legte dem Kapitän das Fremdenbuch zur Einzeichnung seines Namens vor . Aurel machte die Förmlichkeit kurz ab und verlangte nochmals den Thee . » Kapitän am Stein nebst Pflegesohn ! « las der Kellner mit einiger Verwunderung . » Vermuthlich ein schiffbrüchiger Kapitän , der sich auf ' s Festland geflüchtet hat , um daselbst auszuruhen und bessere Zeiten abzuwarten . « Eine Stunde später wußte die gesammte Dienerschaft im Hotel , daß ein Seekapitän aus Hamburg angekommen sei und auf seinem Zimmer Thee trinke , stark wie Braunbier . Da er auch das Abendessen auf dem Zimmer zu servieren befahl und mit den Kellnern gar nicht sprach , wurde er stillschweigend entnationalsiirt und zu einem Engländer verwandelt . Am andern Morgen war das Wetter etwas erträglicher . Die Sonne schien ab und zu durch fliegende Wolken und gestattete wenigstens einige Spaziergänge . Aurel verbrachte den Tag ziemlich nach Gilberts Vorschlag und dieser knüpfte nicht blos mit seinem hübschen Gegenüber durch Gruß und Blick eine oberflächliche Bekanntschaft an , die zwar nicht geradezu erwiedert aber doch bemerkt und nicht unfreundlich aufgenommen wurde , sondern wußte auch so geschickt zu manövriren , daß er bereits um die Mittagsstunde sich für wohlunterrichtet halten durfte . Aurel schloß von der Heiterkeit des Jünglings auf die guten Nachrichten desselben und eilte davon Kenntniß zu erlangen . » Bist Du im Klaren ? « fragte er nach Tische bei Kaffee und Cigarre . » Ich kenne das Fahrwasser , aber nicht den Curs . « » Wie das ? « » Weil sich drei ehemalige Grazien damit abgeben , dem Neugierigen aus Hand und Karte die Zukunft zu enthüllen . « » Verdammt ! Und wer steuert uns ? « » Ich habe schon einen Lootsen gefunden , der mir zuverlässig scheint . Es ist ein alter ve rschmitzter , kupfriger Lohnbedienter , eingeweiht in alle Heimlichkeiten und heimisch auf jedem verbotenen Wege . Dieser Mentor hat mir versprochen , uns gegen doppelte Bezahlung zu der jetzt berühmtesten und namentlich bei den Damen in größtem Ansehen stehenden Sibylle zu geleiten . Bei nur einigermaßen glücklichem Winde müssen wir in den rechten Port kommen , wenn der Musiker in der Mohrentaverne uns nichts aufgeheftet hat . « Aurel lobte die Vorkehrung Gilberts und schrieb während des Nachmittags , um nur die Zeit hinzubringen , mehrere Briefe . So kam der Abend heran , der minder regnerisch zu werden versprach . Um sieben Uhr meldete Gilbert , daß der Geleitsmann ihrer harre . Aurel schob sogleich Alles bei Seite , warf seinen Mantel um und verließ , von Gilbert und dem Lohndiener begleitet , das Hotel . Dieser führte die Fremden zum Petersthore hinaus , über den Roßplatz nach der Johanisvorstadt , dem Stadttheil , wo der ärmere Theil der Bevölkerung Leipzigs wohnt . Durch schmuzzige finstere Gassen , von kleinen , schlecht gebauten Häusern gebildet , schritten Aurel und Gilbert dem Führer nach bis an das äußerste Ende der Stadt . Ein paar zweistockige Häuser schlossen hier die schmale Gasse , die ungeachtet des scharf wehenden Windes von übelriechender Luft erfüllt war , welche selbst bis in das Innerste der Häuser drang . In einem dieser Häuser war eine Schenkwirthschaft . Man hörte es an dem Durcheinander der vielen laut sprechenden Männerstimmen . Das zweite etwas sauberer aussehende Haus schien unbewohnt zu sein . Die Thür war verschlossen , an keinem der kleinen Fenster schimmerte Licht . Der Lohndiener wußte jedoch Bescheid . Er bat die Fremden etwas zurückzutreten und sich ruhig zu verhalten . Dann hustete er leise und schnalzte dreimal mit der Zunge , indem er zugleich an der Thür klinkte . Bald darauf erschien hinter schneeweißen Vorhängen ein wanderndes Licht im ersten Stock . Man hörte klappernde Pantoffeln , ein Schlüssel klirrte im Schloß und die Thür ward geöffnet . » Ein gutes Zeichen , « flüsterte Gilbert dem Kapitän zu , als er das rosige Gesicht eines jungen Mädchens an dem Spalt der behutsam geöffneten Thür gewahrte . » Die Weiber haben uns bisher immer Glück gebracht , es wird uns auch heute nicht fehlen , mögen sie uns nun Gutes oder Böses prophezeihen ! Ha , der alte Schelm unterhandelt mit der niedlichen Kleinen ! Wär ' ich doch an seiner Stelle ! Ich wollte das plappernde Mündchen so geschickt küssen , wie Thysbe ihren Pyramus durch den Spalt in der Mauer ! « Aurel stand auf Kohlen , denn die Unterhandlung dauerte etwas lange und ward äußerst bedächtig und förmlich geführt . » Es sind Fremde , zuverlässsge und vornehme Leute , « sagte der Lohnbediente . » Ein Kapitän aus Hamburg , wie ich im Fremdenbuch gelesen habe . « » Und sein Begleiter ? « fragte blinzelnd das Mädchen , mit gebogener Hand das flackernde Licht gegen den Luftzug schützend . » Sie wissen ,