einer lebendigen Person machte . Hier ward nun mein Entzücken laut , ich konnte mich nicht satt sehen an diesem Toben und Wesen , und sagte , das sei das wahre , große Naturschauspiel , wenn die Kräfte so besonders und für sich aufträten , und doch so innig zusammenhingen . Denn Seitenspalten und Nebenkanäle verknüpften diese Söhne des Gebirgs , die Elementargeister reichten einander die silberweißen Arme . Die Knabenerinnerung soll eine parabolische Antwort sein auf die Frage , warum ich statt der Familiengeschichten nicht Welt- und Zeitgeschichte geschrieben habe , und warum ich sie vermutlich niemals schreiben werde . Mir erscheint ihr Geist nur in großen Männern , nur die Anschauung eines solchen vermöchte mir den Sinn für irgendeine Periode aufzuschließen . Wir besitzen aber keinen , haben seit Friedrich keinen besessen . Napoleon schien sich eine Zeitlang dazu anzulassen , aber es fehlte ihm die letzte Weihe , das organisierende Genie . Er hat nicht einmal vermocht , einen originalen französischen Staat zu schaffen , seine Institutionen sind schon jetzt veraltet . Im Laufe der Jahrhunderte wird er nur wie ein Attila und Alarich , die Vorläufer Karls des Großen , dastehn , und diesen zweiten Karl , diesen Erneuer des mürbe gewordnen Weltstoffs werden unsre Augen leider nicht mehr erblicken . Was ist also das politische Leben unsrer Zeit ? Eine große , weite , wüste Überschwemmung , worin eine Welle sich zwar über die andre erhebt , aber gleich darauf von ihrer Nachfolgerin wieder umgestürzt und zerschlagen wird . Ich kann daran nichts Schönes erblicken . Leider haben die Beherrschten mehr Geist als die Herrscher , deshalb vermag nicht einer dieser feste Gestalt zu gewinnen , und jener sind viele , so daß sie sich gegenseitig aufheben . Ich fühle mich daher immer versucht , von der Ebne , in welcher diese Wogen als Revolutionen , Thronstreitigkeiten , Kongresse und Interventionszüge sich brausend mischen , aufwärts nach dem Gebirge emporzusteigen , welches durch seine hinabgesendeten einzelnen Fluten jene allgemeine Wasserwüste erschafft . Nie sind die Individuen bedeutender gewesen , als gerade in unsern Tagen , auch der Letzte fühlt das Flußbette seines Innern von großen Einflüssen gespeist . Dort also , auf entlegner Höhe , an grüner Waldsenkung , zwischen einsamen Felsen , im Rücken der politischen Ebne , wachsen und springen meine Geschichten . Jeder Mensch ist in Haus und Hof , bei Frau und Kindern , am Busen der Geliebten , hinter dem Geschäftstische und im Studierstübchen eine historische Natur geworden , deren Begebenheiten , wenn wir nur das Ahnungsvermögen dafür besitzen , uns anziehn und fesseln müssen . In diesem Sinne reicht die Gegenwart oder die jüngste Vergangenheit dem , welchem das besondere , gegliederte Leben mehr gilt , als der unentschiedne Strudel , in welchen die verschiednen Strömungen der Lebenstätigkeiten endlich zusammenrinnen , wenn sie in den Konflikten des Öffentlichen einander begegnen , des Stoffes die Fülle dar , und es ist nicht nötig , in die Zeiten der Kreuzzüge , oder der Jesuitenherrschaft , oder des Dreißigjährigen Kriegs zurückgehn , um bedeutsame Anschauungen zu gewinnen . Man hat unsre Tage mit denen der Völkerwandrung verglichen . Das Römische Reich zerfiel in jenen , und die Germanen traten an dessen Stelle . Auch wir hatten so ein Römisches Reich an der Autokratie der Fürsten oder gewisser allgemeiner Begriffe . Beides neigt sich zu seinem Untergange , und die Individualitäten in ihrer schrankenlosen Entbindung stehn als die Germanen der Gegenwart da . Noch haben sie nur zerstört , nicht das geringste Neue ist von ihnen bisher erfunden und gebildet worden . Mein Sinn , in welchem etwas Dichterisches sich nicht austilgen lassen will , neigt sich mit Wehmut und Trauer dem Verfallenden zu , denn die Musen sind Töchter der Erinnrung ; aber eine Tatsache läßt sich nicht ableugnen , nicht verschweigen . V. Derselbe an Denselben Nachschrift um Nachschrift . Dieser Brief soll nämlich eine sein . Daß Hermann bei seiner Rede an die Herzogin im Feuer der Emphase sich an der Chronologie versündigt , und daß der falsche Demagoge behauptet hat , von neununddreißig Tyrannen verfolgt zu werden , ist historische Tatsache , welche mir der Held noch vor wenigen Wochen bestätigte . Dagegen ließ sich also nichts machen . In betreff des Amtmanns vom Falkenstein bin ich unschuldig . Sie haben die Bleistiftkorrektur an der Seite übersehen , nach welcher der Satz so lautet : » Unter den Hausbeamten , welche bei diesen Zurüstungen mitwirkten , bemerkte er wieder seinen Jagdgenossen , den Amtmann vom Falkenstein , einen Mann von unangenehmen Manieren , dessen Wesen etwas Aufdringliches hatte . Hermann erfuhr usw. « Sollten Setzer und Korrektor gleichfalls den Bleistift übersehn , so diene dieser Brief zur dereinstigen Berichtigung . Über Orthographie und Interpunktion hege ich meine Grillen . Alles in der Welt hat sein individuelles Leben bis zu den Buchstaben , bis zum Kolon , bis zum Punkte hinunter . Inkonsequenzen machen erst das Dasein aus ; warum mißgönnt man es den kleinen Schelmen , zuweilen außer der strengen Regel der Feder zu entschlüpfen , und sich auch wohl einmal in krauser Willkür zu emanzipieren . Ein Komma will sich in der Spalte des Kiels bilden , plötzlich aber überkommt den Narren ein Stolz , und zum Semikolon avanciert , erscheint er auf dem Papiere . Im Gegenteil : Ein großer Buchstabe bekehrt sich , da es eben noch Zeit ist , vom Hochmut , und siehe , als demütigfrommer kleiner steht er da . Zusammensetzungen geraten in Zank und Hader , häuslichen Zwist , flugs rücken sie auseinander , wie grollende Eheleute , um vielleicht auf der nächsten Seite schon wieder in der schönsten Eintracht verbunden zu sein . Das spitzige , giftige ß stößt das gute , runde s über den Haufen , und was dergleichen Vorfälle mehr sind , von denen Adelung und Wolke nichts gewußt haben . Eigentliche Grammaticalia begehe ich wohl nicht , da ich , wie Sie richtig vermuten , in meiner