in welchem er nach wenigen Schritten das Kirchlein erreichte , dessen niedrige Pforte mit einem großen Kreuze bezeichnet , und von einem halb verwitterten Fliederbaume dürftig beschattet war . Schon hatte die Spinne ihr Gewebe über die Öffnung des Schlosses gezogen , schon hatte der Rost sich in die Angeln gesetzt , daß sie knarrten wie Räder , als der Mönch die Pforte aufthat . - » Was macht Ihr da , frommer Herr ? « fragte eine Stimme über die Brustwehr der Hofmauer aus dem Zwinger herüber , leise und mit Theilnahme . Ein Knecht guckte herüber , der gerade vier Stunden lang die Rundwache hatte , und auf dem Mauergänglein einherschlenderte . - » Ich gehe beten ! « versetzte der Mönch ohne eine Betroffenheit zu verrathen , die ihm hätte Schaden bringen können . - » Ei Herr , « sprach wieder der Knecht , ein junges Blut mit treuen Augen : » darf man denn beten , wo der Bannfluch haust ? « - » Warum nicht ? « redete der Mönch : » Gott ist überall , und seine Mondesscheibe sieht die Gebannten an , wie die Freien . « - » Ach , wie dank ' ich Euch , würdiger Herr , « versetzte der Knecht : » ich habe mich gescheut , den englischen Gruß zu beten , seit ich auf der Veste bin , während ganzer drei Wochen , und war doch daheim gewohnt , nie ohne Gebet einzuschlummern . « - » Bete Du auch hier ! « versicherte ihn der Mönch ; » fromm seyn bringt Segen überall . Behüte Dich Gött ! « - » Und Euch ; « flüsterte dankbar der Knecht : » so Ihr etwas Geheimes da drinnen zu verrichten habt , habe ich Euch nicht gesehen . Ave Maria , Herr ! « - Ohne weitere Störung trat der Mönch in die Kapelle , und es wurde ihm seltsam um ' s Herz , da er das kleine Gotteshaus in so ganz anderm Zustande antraf , als man es wohl an solchen Gebäuden gewohnt seyn durfte . In einem Winkel aufgethürmt lagen Betschemel , Bahre und Abendmahlbänke , umflort von Staub und Spinnenfäden . Die Hälfte des Kirchleins war angefüllt mit Laubhaufen und Strohbündeln , wie mit einem Heuvorrath , welchen zu ergänzen oder wegzunehmen die Burgknechte den bequemsten und kürzesten Weg gefunden hatten , nämlich durch das an die Zwingermauer stoßende Fenster der Kapelle , wo die Leiter lehnte , welche diese Geschäftsgänge zu erleichtern bestimmt war . Die hölzernen Stufen des Altars waren zertrümmert ; der Altar selbst in dem traurigsten Zustande . Der Burgpfaffe hatte die Monstranz mit sich genommen , und das Tabernakel stand offen und verödet . Das Bild unsrer lieben Frau neigte sich dem Beschauer von der Höhe entgegen , äber seines Schmucks entkleidet , und von dem Haupte des Bildes hingen noch wenige verwelkte und vertrocknete Blumen , die einst eine fromme Hand zu einem Kranze für dasselbe gewunden hatte . Der Priesterornat , wie die Gefäße des Altars lagen in dem Schrein , dessen Thüre weit offen stand , so wie der Zufall und neugierige Finger sie unter einander geworfen hatten . Die Fetzen eines alten Kirchenpaniers flatterten im Zugwinde traurig von der bestaubten Stange , und die Lampe , die ewige genannt , nunmehr aber auch erloschen , bewegte sich , von einer Kette losgerissen , blos noch von der andern emporgehalten , klirrend im Luftstrome hin und her . Der Besucher dieser Öde hatte nicht lange Muße , alle Gegenstände genau zu betrachten , die sich ihm in finstrer Unordnung in diesem engen Raume , aufdrängten . Bald vernahm er die Schritte eines näher kommenden Menschen , und er hatte kaum noch Zeit gefunden , sich in den Beichstuhl zu setzen , den man zur Herberge alter und verdorbener Satteldecken gemacht hatte , als die Pforte wieder leise aufging , und eben auf diese Weise zugemacht wurde . Wallrade trat ein , in dichte Gewänder und einen trüben . Schleier gewickelt , warf im Vorübergehen gegen den Altar einen Blick in den Stuhl der Reue , und nickte dem Darin sitzenden langsam zu . Alsdann warf sie sich vor den Stufen des Altars nieder , und Thränen , seltne , seit Langem ungewohnte Gäste , heute schon einmal erschienen , besuchten die Erschütterte zum Zweitenmale . Ihre Lippen beteten , wie ihre Augen weinten , heftig , stürmisch , und ihr Flehen stieg leise aber dennoch stürmisch wie das vom Orkan gepeitschte Meer , wenn man es aus der Ferne sieht , zum Himmel empor . - » Herr der Erde und aller Welten ! « stammelte ihre Empfindung in unhörbaren Worten : » Wie ist doch mein Herz heute erfaßt worden auf wunderbare Weise , und bist Du es , oder einer Deiner strafenden Ellgel , der also zu mir redete durch den Mund der aberwitzigen Alten ? O gib mir doch einen Wink , daß Du es bist , oder verrathe mir , daß es der Geist der Ohnmacht allein gewesen , der über mich kam , und mich schwächer machte , denn ein unbeholfenes Kind ! ... Ha , wie dieses Wort mich ergreift . Warum hasse ich den Namen des Kindes , warum verachte ich den der Mutter , und warum dennoch ergriff mich so allgewaltig das mährchenhafte Beispiel der Grausamkeit einer Mutter , des Leidens eines Sohns ? Warum klang es wie mit metallnen Schlägen an mein Herz , daß auch ich .... o weh mir ! Wer hilft aus diesem Wirrsal ! Wer sagt mir , was ich thun soll , und ob ich recht thue , indem ich meinem entsetzten Gewissen folge , und zur Buße schreiten will , die mich vielleicht verwirft , die ich vielleicht verwerfen sollte , wenn meine Kraft noch die alte wäre ? Heilloses Schwanken ! traurige Furcht vor den Gespenstern meiner Einbildung ! Ich habe ja nicht gemordet ! was will ich