Jetzt war für ihn das Schlimmste vorbei ; wenn sie im ersten Augenblick des Zorns den Gekanken von sich wies , ihn seiner Strafe anheim zu geben , dann war sie bei ruhiger Fassung auch dahin zu bringen , seine Flucht zu unterstützen . „ Ernestine , “ sagte er nach einiger Überlegung : „ Jedes Deiner Worte hat Kohlen auf mein fluchwürdiges Haupt gesammelt , selbst in Deinem gerechten Zorn warst Du noch edel und milde . Du willst mir gestatten zu fliehen . Aber kannst Du glauben , daß ich von hier fortginge ohne Dich ? Daß ich es ertrüge , Dich in Armut und Not zu wissen , ohne für Dich sorgen und arbeiten zu können ? Ich hätte Dich durch alle die langen Jahre mit der Ängstlichkeit einer Mutter gehütet , um Dich jetzt , wo Du meiner mehr denn je bedarfst , Deinem Schicksal preiszugeben ? Mädchen , wenn Du das von mir denken könntest , es wäre ein schweres Unrecht ! “ Ernestine blickte ihn überrascht an . „ Entweder Du fliehst mit mir — oder ich bleibe und stehe meinem Geschick , “ sagte Leuthold mit heldenmütiger Entschlossenheit . Ernestine schrak zurück : „ Ich mit Dir gehen ? Nein , so tief kann ich mich nicht entwürdigen . Unsere Wege sind getrennt von dieser Stunde an . “ Leuthold sah mit innerem Bangen ihren Abscheu . Er war verloren , beharrte sie bei dieser Weigerung . Denn wenn es ihm auch gelang , ohne sie zu entfliehen und Möllner für den Augenblick zu täuschen , so kam es doch sehr bald zu Tage , daß Ernestine ihres Vermögens beraubt , mittellos von ihm zurückgelassen war , und der erbitterte Gegner würde ihn dann um so hartnäckiger verfolgt haben . Man hätte Ernestine gerichtlich vernommen und bei ihrer unerschütterlichen Wahrhaftigkeit war es sicher , daß sie ihn durch ihre Aussagen gänzlich bloßstellte . Nur in seiner Nähe unter seiner Obhut war sie unschädlich , nur mit ihr war er geborgen . „ Du hassest mich und das ist natürlich , “ sagte er . „ Ich will mich nicht auf alle Opfer an Zeit und Kraft berufen , die ich Dir seit Deiner Kindheit gebracht , nicht auf alle Geduld , mit der ich Deine tausend Launen ertrug , noch auf die Liebe , mit der ich Dich trotzdem , daß Heim Dich aufgab , am Leben erhalten und groß gezogen habe . Du hast ihrer vorhin erwähnt — und Du findest sie genügend belohnt durch den großmütigen Entschluß , Deinen Oheim nicht in das Zuchthaus zu schicken ; — Du mußt am Besten wissen , was sie Dir wert ist ! — Aber , Ernestine , Du solltest mich wenigstens nicht mehr hassen als Deinen Vater , dem Du längst verziehen , dessen Du stets so mitleidsvoll gedenkst , denn ich darf kühn die Augen aufschlagen und sprechen , ich habe edler an Dir gehandelt , als er . — Er war ein Trinker , eine zum Tier entartete , gemeine Natur . Er hat Dich nicht erzogen , ich hab ’ s getan . Er hat Dich kaum gekleidet , kaum ernährt , ich habe Dich mit Allem umgeben , was Dein Herz erfreuen konnte . Er hat Dich stets gehaßt , ich habe Dich von Klein auf geliebt . Du wirst Dich wohl erinnern , wie oft ich Dich vor seinen Mißhandlungen schützen mußte , und das einzige Mal , wo ich nicht zugegen , schlug er Dich fast tot . Er hätte nie als Vater für Deine Zukunft gesorgt , wenn er es nicht in der Angst über sein Vergehen an Dir getan . — Das Vermögen , Ernestine , um welches ich Dich gebracht , hatte ich erworben , es war zu zwei Dritteilen sogar mein gesetzliches Eigentum , es war der Lohn , den mir Dein Vater für meine Dienste schuldete . — Er hat es Dir vermacht und ich fand mich schweigend darein . Ich verzichtete , ohne Dich nur je meine gerechten Ansprüche ahnen zu lassen . Ich trennte mich von meinem Kinde , damit es so erzogen werde , wie es seiner bescheidenen Zukunft angemessen war — der beste Beweis , daß ich nie die Absicht hatte , Dein Eigentum anzutasten . Ich forderte für alle diese Entsagung keinen anderen Lohn als den Genuß , den unermeßlichen Genuß , einen jungen Geist , wie noch keiner in einem Frauentopf geboren war , zur vollen Entfaltung zu bringen . Du wirst mir das Zeugnis geben , daß ich Dich nichts Schlechtes gelehrt , daß ich Dir das Auge geöffnet für alles Gute und Schöne , daß ich Dir das Buch der Natur entziffern half , worin nichts steht als das Erhabenste , was der menschliche Geist zu fassen vermag . An dem Abscheu , mit dem Du Deinen tiefgesunkenen Lehrer betrachtest , magst Du erkennen , wie rein seine Lehren Dein Herz erhalten haben ! Ich gebe Dir zu bedenken , Ernestine , ob dies Alles mir nicht wenigstens das gleiche Anrecht an Dein Mitleid erwirbt wie das , welches Du Deinem Vater zu ­ gestehst ? “ Ernestine hatte ihm mit steigender Bewegung und Teilnahme zugehört . Sie begrub das Gesicht in die Kissen des Sofas und brach in Tränen aus . Leuthold sah es mit Befriedigung , er wußte , daß ein Weib , welches weint , entwaffnet ist . Er fuhr fort : „ Du überzeugtest mich , daß ich von Deinem Haß nichts zu fürchten brauche . Du hast es ausgesprochen , daß Du auf die Rache verzichtest und ein Charakter , wie der Deine , hält , was er verspricht . Aber , Ernestine , das genügt mir nicht . Ich finde nicht Ruhe für mein gefoltertes Bewußtsein , bevor Du mir gestattest , für Dein Schicksal zu sorgen . Laß mich doch wenigstens versuchen , mein Verbrechen zu sühnen , gönne mir diese einzige Erleichterung der Last , die