« Schweigend sah Malimmes das entfärbte Gesicht an , das die Hand des Todes schon berühren wollte . Und da wurde er ganz ruhig , setzte sich neben seinen Herrn , zog ihm die gepanzerten Fäustlinge herunter und faßte die feuchten , erkaltenden Hände . Langsam drehte Runotter den Kopf . » Dich hab ich auch mit hineingerissen in meine Not . Verzeih mir ' s ! « » Geh , Narr , was redest du denn da ? « Malimmes lachte . » Ich bin ein Einschichtiger . Du bist mein Herr . Ich bin dein Knecht . Und bleib ' s. « Auch Runotter , den der Rotschein der Fackel umzüngelte , fand ein mattes Lächeln . » Die Leut lügen , die auf die Menschen schelten . Auf der Welt ist Treu . Weil du lebendig bist . Bleib , wie du sein mußt ! Wo einer Untreu übt , geht Feuer nieder , daß ihm die Hand verbrennen . « Mühsam hob er die geschienten Arme , streckte sie gegen den Schein der Fackel , drehte die von trockenem Blut umkrusteten Hände hin und her - und nickte - und sah immer diese Hände an . Dann ließ er sie fallen . » Mein Kind ist ohne Schuld . Gott muß gerecht sein ! - Gelt , Malimmes ? Und du bist da ? Jetzt , wenn Fried wird , kann ' s ja noch allweil werden . Zwischen meinem Maidl und dir . « » Ui , Bauer , da ist mir der Ofen kalt worden . « Wieder lachte Malimmes . Aber es klang nicht froh . » Dein Maidl braucht mich nimmer . Jetzt ist ein andrer da . Der jung Someiner . Nie hast du mir glauben wollen . Heut in der Nacht ist ' s Wahrheit worden . Die zwei , die mögen einander . « Nach langem Schweigen murmelte der Sterbende heiter vor sich hin : » Der jung Someiner ! Schau ! Der jung Someiner ! « Seine Stimme wurde kräftiger . » Das ist ein fester und grader Mensch . Der wird ' s anders machen als sein Vater . Da möcht ich wieder leben . « Ein Aufzucken und Flackern des Lichtes . Die Fackel neigte sich , fiel aus der Baumgabel heraus , kollerte über den Waldboden und erlosch . Die zwei Männer saßen in der Finsternis . » Malimmes ! Tu mich auf lupfen ! Ich möcht die Welt nochmal anschauen - von so hoch herunter , wie ein Mensch seinen Kopf aufheben darf . « Der Söldner schlang die Arme um die gepanzerte Brust seines Herrn und zog ihn vom Boden auf . Immer drehte Runotter den Kopf hin und her und sah in die Nacht hinaus . » Mensch , wie schön ist alles ! « Der schwere Mann begann zu taumeln . Er wollte noch sagen : » Gott soll mir gnädig sein ! « Aber nur die zwei ersten Worte wurden noch laut : » Gott soll - - « Das andere erlosch in der Finsternis . Malimmes , während er den Entseelten auf den Boden niederlegte , sprach in das schwarze Schweigen hinein : » So ! Wenn jetzt der Herrgott nit selber weiß , was er tun soll , nachher sagt ' s ihm keiner mehr . « Er blieb bei dem Toten sitzen , bis das Gesicht und die Hände kalt waren . Dann sprach er , auf beiden Knien liegend und mit hoch gefalteten Händen , laut und langsam ein Vaterunser - wie die Fußknechte beten vor einer Schlacht . Nach dem Amen legte er dem Toten einen großen Moosballen über das Gesicht , um die gebrochenen Augen vor den Vögeln des Morgens zu schützen . Mit schweren Schritten tappte Malimmes durch den finsteren Wald hinunter . Vom Moorland dampfte der Nebel schon dick über das Lager her . Eine Ronde rief den Malimmes an . Weil er nicht antwortete , wurde er festgenommen . Das versetzte den Erwachenden in so rasenden Zorn , daß er mit den Fäusten losschlug . Einem anderen wäre es übel ergangen . Diesen Liebling des Herzogs ließ man laufen . Lange saß er am Waldsaum und sah den Schanzknechten zu , die seit Mitternacht an einer großen Grube arbeiteten . Dann schritt er langsam an einer Reihe der Kaltgewordenen hin und sagte zu einem Wächter : » Da droben im Wald , wo ' s zum Herzog hinaufgeht , da liegt noch einer . Dem müßt ihr ein gutes Plätzl geben . « Unter den ziehenden Dünsten waren alle Sterne schon erloschen . Malimmes ging auf das Lager zu und kehrte wieder um ; wanderte gegen den Wald hinüber und kehrte wieder um ; suchte das leere Hauptmannszelt und kehrte wieder um ; er wußte nimmer , wohin . Als der kühle Herbstmorgen matt zu grauen anfing , trat Malimmes in eines der lustigen Zelte , wo man Durchnacht machte bei Saitengedudel , Pfeifengetriller und lustigem Dirnengekreisch . Über dem wüsten Bilde hing ein dicker Schleier des Qualmes , mit dem eine brennende Pechpfanne den großen Raum erfüllte . Hinter einem Schanktisch , den man aus Karrenwänden aufgeschlagen , verzapfte ein flinkes , mageres Weib den Wein . Auf dem Schanktisch saßen auch die drei Musikanten , deren hurtiges Gequiekse halb unterging in dem Stimmengebrüll der Betrunkenen . An die dreißig oder vierzig - Gepanzerte und Ungewaffnete , Sieger und Ausgeklopfte - saßen auf Bänken und leeren Fässern oder lagen auf dem Boden umher , grob mit den halbnackten Weibern scherzend . Malimmes trat zum Schanktisch : » Einen Stutz Wein ! « Bei seinem Anblick kreischten die Dirnen , vor Lustigkeit die einen , vor Schauder die anderen . Der neue Gast sah grauenvoll aus mit dem kalkig verzerrten Gesicht , mit dem Moorschlamm bis über die Hüften herauf und in dem roten Blut , das droben im Wald seine Hände , seine Arme und seine Brust überrieselt hatte .