den großen Hausschlüssel , ein altes Stück Arbeit , welches ihr Lys in der Zerstreuung anstatt mir zugesteckt hatte . Sie trug den Schlüssel fest umschlossen in dem dunklen Gefühle , daß Lys ihr das kalte , rostige Eisen gegeben ; es war doch etwas , das von ihm kam , sonst hatte er heute nicht viel an sie gewendet . An dem Festmahle hatte sie beinahe nichts genossen , und das wenige , mit dem sie seither etwa ihre Lippen erfrischt , war von mir besorgt worden . Als wir vor dem Hause angelangt , stand sie schweigend und rührte sich nicht , obgleich ich sie wiederholt fragte , ob ich die Glocke ziehen oder vielmehr mit dem zierlichen Meerfräulein des Türklopfers Lärm machen solle , und erst als ich den Schlüssel in ihrer Hand entdeckte , aufschloß und sie bat hineinzugehen , legte sie langsam beide Arme mir um den Hals und fing an , erst wie im Traume zu stöhnen , dann mit den Tränen zu ringen , die nicht fließen wollten . Ihr Mantel sank von den Schultern ; ich wollte ihn aufhalten , umfing sie aber statt dessen brüderlich und streichelte ihr den Kopf und den Hals , denn den Wangen konnte ich nicht beikommen . In der feinen Silberbrust , die an mir lag , fühlte und hörte ich die Seufzer sich heraufarbeiten und das Herz klopfen ; es war wie das Murmeln eines verborgenen Quells , den man im . Walde an der Erde liegend etwa zu hören bekommt . Ihr heißer Atem strömte in mein Ohr , es wurde mir zu Mute , als ob ich ein selig trauriges Märchen , wie es in alten Liedern steht , wirklich erlebte , und ich seufzte unwillkürlich auf . Endlich konnte das ärmste Wesen zum Weinen kommen , und es begann ein bitterliches Schluchzen . Die klagenden Naturlaute , keineswegs schön , aber unendlich rührend , wie der Kummer eines Kindes , drängten und brachen sich in der feinen Kehle und in der nächsten Nähe meines Ohres . Sie warf den Kopf herum auf meine andere Schulter , und ich legte meinen Kopf in absichtsloser Bewegung auch darauf , wie um ihren Schmerz zu bestätigen . Da zerstachen ihr die Distelblätter und Stechpalmen an meiner Kappe Hals und Wange , sie fuhr zurück , erwachte und erkannte plötzlich , mit wem sie war . Hilflos stand das doppelt getäuschte Mädchen da und sah weinend zur Seite . Ich gab ihr den Mantel auf den Arm , nur um sie mit etwas zu beschäftigen , führte sie sanft zur Treppe und ging darauf hinaus , die Türe zuziehend . Alles war noch still in dem Hause , die Mutter schien fest zu schlafen , und ich hörte nur , wie Agnes stöhnend die Treppe hinaufstieg und sich wiederholt an den Stufen stieß . Endlich ging ich weg und kehrte langsam in den Festsaal zurück . Vierzehntes Kapitel Das Narrengefecht Die Sonne ging eben auf , als ich in den Saal trat . Alle Frauen und älteren Leute waren schon weggegangen ; die Menge der Jüngeren aber , von höchster Lust bewegt , wogte durcheinander und schickte sich an , eine Reihe von Wagen zu besteigen , um unverzüglich , ohne auszuruhen , ins Land hinauszufahren und das Gelage in den Forsthäusern und Waldgärten fortzusetzen , welche an den Ufern des breiten Bergflusses gelegen waren . Rosalie besaß in jener Gegend ein Landhaus , und sie hatte die fröhlichen Leute der Mummerei eingeladen , sich am Nachmittage dort einzufinden , bis wohin sie als bereite Wirtin ebenfalls dasein würde . Insbesondere waren dazu noch einige Frauen gebeten , und diese hatten ausgemacht , da es einmal Fasching sei , in der alten Tracht hinauszufahren ; denn auch sie wünschten so lang als möglich sich des glänzenden Ausnahmezustandes zu erfreuen . Erikson war in seine Wohnung gegangen , um sich in seine gewohnten Kleider zu werfen , die er nur etwas sorgfältiger als sonst auswählte . Da auch Rosalie später in moderner Toilette erschien , wie sie der Jahreszeit und dem Tage einfach angemessen war , ließ sich denken , daß hierin entweder eine Verständigung stattgefunden oder ein übereinstimmendes Gefühl waltete , beides schlichte Anzeichen , die von ruhigen Beobachtern nicht übersehen wurden . Auch Lys war nach Hause geeilt , doch in entgegengesetztem Sinne . Er hatte seinerzeit zu Studien für das Bild mit dem Salomo versuchsweise ein altorientalisches Königskostüm anfertigen lassen ; das lange Gewand war von weißem feinem Batistleinen , in viele Falten gelegt und mit purpurfarbigen , blauen und goldenen Borten , Troddeln und Fransen besetzt . Kopf- und Fußbekleidung entsprachen ebenfalls dem ungefähren vorderasiatischen Stile des Altertums . Die betreffende Studie hatte er in der Ausführung zwar nicht benutzt ; jetzt aber schien ihm das Kleid tauglich , um darin einen Scherz vorzubringen und am Hofe der Liebesgöttin sich als gestriger Jagdkönig im Hofgewande einzufinden . Dazu ließ er Haar und Bart mit Brenneisen und duftenden Ölen formieren und kräuseln und legte schließlich um die nackten Vorderarme abenteuerliche Spangen und Ringe . Das alles beschäftigte ihn reichlich bis zur Mitte des Tages , nachdem er in der leidenschaftlichen Verirrung , die ihn befallen , wenig genug geschlafen haben mochte . Meinerseits hatte ich gar nicht geschlafen , sondern fuhr gleich in der Morgenfrühe mit der Hauptschar hinaus . Große Wagen , mit Landsknechten beladen und von deren Spießen starrend , rasselten voraus und ihnen nach eine lange Reihe von Fuhrwerken aller Art in die helle Morgensonne hinein , am Rande der schönen Buchenwälder , hoch auf den Uferhängen des Stromes , der in glänzenden Windungen um die Geschiebe- und Gebüschinseln rauschte . Es war ein milder Februartag und der Himmel blau ; die Bäume wurden bald von der Sonne durchschossen , und wenn ihnen das Laub fehlte , so glänzte das weiche Moos auf dem Boden und auf den Stämmen um so grüner , und in der Tiefe leuchtete das blaue Bergwasser