die lacht und weint , weil sie schon getroffen ist . Können Sie sich denken , daß ich eine Passion für solche Spielereien habe ? Es ist noch ein Nachklang aus meinen Kopenhagener Tagen her . Der alte Graf war ein leidenschaftlicher Sammler . « Bei diesen Worten hatte sich Hansen-Grell an einen auf den ersten Blick nicht wahrnehmbaren Schrank gemacht , der in einer der dicken Wände mittendrin steckte , und suchte hier nicht bloß nach der versprochenen Meißner Tasse , sondern behufs besserer Repräsentation auch nach einer Zuckerschale , die er auf einem der Bretter oben oder unten gesehen zu haben sich deutlich entsann . Er persönlich hatte das Tütenprinzip . Lewin war inzwischen der Aufforderung seines in halber Verlegenheit immer weitersprechenden Wirtes gefolgt und hatte , die Gardinen zurückschlagend , in einer der tiefen Fensternischen Platz genommen . Hier standen zwei Binsenstühle , auf deren einem ein paar aufgeschlagene Bücher lagen , und während Hansen-Grell - der die Zuckerschale noch immer nicht entdeckt hatte - sein mehr und mehr in bloße Verwunderungsausrufe sich auflösendes Gespräch fortsetzte , nahm Lewin eines der kleinen Bändchen zur Hand und sah hinein . Es waren Hölderlins Gedichte . Auf einer der aufgeschlagenen Seiten standen vier Zeilen . In jüngeren Tagen war ich des Morgens froh , Des Abends weint ich ; jetzt , da ich älter bin , Beginn ich zweifelnd meinen Tag , doch Heilig und heiter ist mir sein Ende . Lewin empfing einen bedeutenden Eindruck von diesen Zeilen , aber es war dafür gesorgt , daß er sich ihm nicht lange hingeben konnte . Hansen-Grell hatte mittlerweile alles gefunden , was ihm wünschenswert erschien , und präsentierte jetzt , nachdem er , ängstlich die Diele haltend , den weiten Weg zwischen Ofen und Fenster zurückgelegt hatte , seinem Gaste eine bis an den Rand hin gefüllte Tasse Kaffee . Dieser nahm , schlürfte und lobte und sagte dann : » Ich bin überrascht , Sie bei Hölderlin zu finden . Nach dem Bilde , das ich mir von Ihnen gemacht habe , mußten Sie mit der ums Morgenrot fahrenden Lenore für dieses und jenes Leben verbunden sein . Ich kann Ihnen auch allenfalls den Wilden Jäger oder die Chevyjagd gestatten , aber Hölderlin ? Nein . « Hansen-Grell hatte sich auf den gegenüberstehenden Binsenstuhl gesetzt und sagte , während er seine beiden Hände auf das bequem übergeschlagene Knie legte : » Sie berühren da einen feinen Punkt , wenn Sie wollen , einen Widerspruch in meiner Natur . Vielleicht auch in mancher andern . Es ist ganz richtig , daß ich meiner Empfindung und , wenn ich von so Unbedeutendem sprechen darf , auch meiner Dichtung nach ganz in die neue Schule hineingehöre ; ich halte es wohl oder übel mit den Romantikern und werde nie von etwas anderem träumen als von nordischen Prinzessinnen und siegreichen Schlangentötern . Und wird es mir gelegentlich des romantischen Apparates zuviel , so pfleg ich mich , nach der Lehre vom Gegensatz , mit einer Art Passion auf Rokokodinge zu werfen und vor Puder und Reifrock nicht zu erschrecken . Aber etwas Klassisches nie , weder nach Form noch Inhalt . « Lewin lächelte und wies auf das zwischen ihnen liegende Buch . » Ich komme darauf « , fuhr Hansen-Grell fort , » das ist es ja eben , was mich von einem Widerspruche sprechen ließ . Ich werde nie klassisch empfinden , nie auch nur den Versuch machen , einen Hexameter oder gar eine alkäische Strophe aufzubauen , und doch , wo immer ich mit dieser Welt des Klassischen in Berührung komme , fühl ich mich in ihrem Banne und sehe , solange dieser Zauber anhält , auf alles Volksliedhafte wie auf bloße Bänkelsängereien herab . Ich habe dann plötzlich aller naiven Dichtung gegenüber ein Gefühl , als ob ich hübsche Dorfmädchen auf einem Hofball erscheinen sähe ; sie bleiben hübsch , aber die Buntheit und die Willkürlichkeit ihres Aufputzes läßt selbst ihren wirklichen Reiz als untergeordnet erscheinen . « » Ich kann Ihnen darin nicht zustimmen « , erwiderte Lewin , » Sie sprachen schon selbst das Wort aus , auf das es mir anzukommen scheint , solange der Zauber anhält . Da liegt es . Auch in der Kunst gilt das Toujours perdrix , und jedes Zuviel weckt das Verlangen nach einem Gegenteil . « » Möglich , daß Sie es mit dem Toujours perdrix getroffen haben « , sagte Hansen-Grell , » aber nach meiner eigenen persönlichen Erfahrung muß ich es doch in etwas anderem suchen . Vielleicht haben Sie Ähnliches beobachtet . Unsere dichterische Produktion , und das ist der Punkt , auf den ich Gewicht lege , entspricht unserer Natur , aber nicht notwendig unserem Geschmack . Dieser kann sich über jene erheben . Wollen wir einen Einklang herstellen , soll unser Geschmack , der unsere Lektüre bestimmt , auch unsere Produktion bestimmen , so läßt uns die Natur , die andere Wege ging , im Stich , und wir scheitern . Wir haben dann unseren Willen gehabt , aber das Geborene ist tot . « Lewin wollte antworten , Hansen-Grell indes fuhr in Entwickelung seines Gedankens mit Lebhaftigkeit fort : » Im übrigen , was unseren schwäbischen Hyperion angeht « , und dabei schlug er mit dem Finger auf das vor ihm liegende Bändchen , » so löst sich der Widerspruch , den ich Ihnen anfänglich zugestand , auf eine vielleicht viel einfachere Weise . Hölderlin , aller Klassizität seiner Form unerachtet , ist Romantiker von Grund aus . Darf ich Ihnen meine Lieblingsstrophen vorlesen ? « » Ich bitte darum . « Es dunkelte schon . Da Hansen-Grell aber die Strophen so gut wie auswendig wußte , so genügte jede Beleuchtung , und er las : » Nur einen Sommer gönnt , ihr Gewaltigen , Und einen Herbst zu reifem Gesange mir , Daß williger mein Herz , vom süßen Spiele gesättiget , dann mir sterbe ! Die Seele , der im Leben