gar keine Vermuthung hegte , die auf irgend eine Spur zu leiten vermocht hätte , wurde die Kriegsräthin nicht müde , es immer zu wiederholen , mit welcher Voraussicht und Sorgfalt sie gehandelt , wie sie allein daran gedacht habe , dem geschehenen Unheil vorzubeugen , und wie nur der widerspänstige Charakter des Knaben , den er von seiner Mutter habe , sie um die Früchte jahrelanger Opfer gebracht , alle ihre Plane zerstört , die Baronin von Arten auf das Krankenlager geworfen und dem Freiherrn die übelsten Begriffe von der Erziehung gegeben haben müsse , welche Paul genossen . Sie verlangte Anerkennung , Trost und Zuspruch von ihrem Manne und von den Andern zu erhalten , und nicht ein einziges Mal fiel es ihr ein , welchen Antheil sie an der traurigen Gemüthsverfassung des armen Knaben hatte , und kein Vorwurf in ihrem Innern sagte ihr , daß sie und ihre unheilvollen Aufklärungen ihn aus dem Hause getrieben , in welchem sie , die Trostbegehrende , nie eine Aufwallung der Liebe , nie ein Herz für ihn gehabt hatte . Während sich bei Seba und bei den Männern mit den fortschreitenden Stunden die Hoffnung , daß Paul freiwillig wiederkehren werde , verminderte , und die Sorge , daß er ein unglückliches Ende genommen habe , sich steigerte , gab die Kriegsräthin , als sie sich ermüdet zu fühlen begann , immer zuversichtlicher sich der Erwartung hin , Paul werde nach Kinder-Art von selbst nach Hause kommen , wenn Hunger und Müdigkeit ihn dazu trieben , und wenn man nur aufhören wolle , so ängstlich auf seine Wiederkehr zu achten . Er sei fraglos ganz in der Nähe , er warte nur auf die Gelegenheit , sich unbemerkt in seine Schlafkammer zu schleichen . Und stets bereit , die Umstände so anzusehen , wie es mit ihren Wünschen am besten zusammenstimmte , nannte sie es das Gerathenste , die Ruhe zu suchen und nicht um eines Knabenstreiches willen das Haus , die Nachbarschaft oder gar , wie es in Folge eines Schreibens , das der Freiherr dem Kriegsrathe für den Polizei-Director übergeben , geschehen war , die Stadtbehörden in Bewegung zu setzen . Indeß weder der Schlaf , dem die Einen sich überließen , noch die Herzensangst , mit welcher Seba in ihrem Zimmer wachte , änderten das Geschehene ; - Paul blieb aus . Gegen den nächsten Mittag , als die Kammerjungfer der Baronin sich entfernt hatte , um aus dem Hotel verschiedene Gegenstände herbeizuholen , deren man für die Kranke bedurfte , hatte Seba deren Stelle an dem Lager eingenommen . Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein , durch die geöffneten und leicht verhängten Fenster stieg der Duft der Reseda aus dem Garten in das Gemach . Man hörte das leise Säuseln der Blätter , der linde Windhauch bewegte die Vorhänge , und hier und da schlich sich ein gedämpfter Sonnenstrahl hinein , seinen Schimmer über Angelika ' s bleiche Stirn und über ihr goldblondes Haar verstreuend . Es waren schwere Stunden gewesen , der Tag und die Nacht , die hinter ihr lagen . Sie hatte kein Auge geschlossen . Als sie am verwichenen Nachmittage von ihrer Erschöpfung zu sich gekommen war , hatten ihre ersten Worte Paul gegolten . Unfreiwillig habe ich seine Mutter getödtet , unfreiwillig giebt er mir den Tod ! sagte sie zum Freiherrn , der düster brütend an ihrem Lager weilte . Sie verlangte nach Paul , sie wollte ihn sehen ; man stellte ihr die Anordnung des Arztes dagegen auf , und sie verzichtete auf die Erfüllung ihrer Forderung . Aber ihre Gedanken blieben mit ihm beschäftigt , und selbst als die verwirrenden Nebel des Fiebers ihren Sinn überwältigten , sah sie ihn vor Augen . Bald rief sie , daß er sie ergreife , daß er sie morde , bald klagte sie sich an , daß sie ihm die Mutter nicht ersetzt habe , und gelobte ihm , es künftig zu thun . Dann wieder mußte sie ihn im Kampfe mit Renatus wähnen , denn sie schrie auf und beschwor den fremden Knaben , ihres Sohnes zu schonen , der schuldlos an all dem Unheil sei . Noch am Mittage , als Seba an ihr Lager gekommen war , hatte sie gewacht , und erst unter Seba ' s Obhut , die mit so brennenden Erinnerungen an ihrer Seite saß , hatte sie Schlaf und Ruhe finden können . Seba hatte die Baronin zuerst gesehen , als man sie , eine Bewußtlose , in dieses Zimmer brachte . Sie hatte es bis dahin geflissentlich vermieden , ihr zu begegnen , aber sie kannte dieses Antlitz . Sie kannte diese hohe , weiße Stirn , diese schmale , feine Nase , den kleinen Mund mit seinen weichen , vollen Lippen . Gerade so zogen an der Schläfe sich die blauen Adern unter der durchsichtigen Haut des Grafen hin , gerade so bogen seine leichten Brauen sich in der Mitte ihrer Wölbung aufwärts . Jeder Zug dieses schönen Antlitzes war ihr vertraut , und sein Anblick wendete ihr das Herz im Busen um . Alles , was sie seit Jahren durchlebt und durchlitten , es drängte sich in ihr in diese Stunde zusammen ! Sie mußte es noch einmal erleben und erleiden , sie konnte kaum der Hast ihrer eigenen Gedanken , der wilden wechselnden Gewalt ihrer Empfindungen folgen . Gerhard ' s Schwester lag in ihrem Vaterhause , eine zum Tode Erkrankte , vor ihren Augen da . Es war des Grafen Schwester , über der sie wachte , von deren Schlummer sie jede Störung fern zu halten strebte , - und Jahre lang hatte sie die Nächte im grimmen Schmerze durchwacht , in Verzweiflung durchweint , in Scham durchseufzt - um Gerhard ' s willen ! Mit welcher Stirn würde er da stehen , wenn die Baronin einst Seba ' s Namen vor ihm nennen würde , den Namen des vertrauensvollen Mädchens , dessen Glück und Liebe er