auf den Sonnenstrahlen , im Glase oder nur in meiner Phantasie schwebte . Wenn ich die Scheibe bewegte , so verschwanden die Engel auf Augenblicke , bis ich sie plötzlich mit einer anderen Wendung wieder entdeckte . Ich habe seither erfahren , daß Kupferstiche oder Zeichnungen , welche lange , lange Jahre hinter einem Glase ungestört liegen , während der dunklen Nächte dieser Jahre sich dem Glase mitteilen und gleichsam ihr dauerndes Spiegelbild in demselben zurücklassen . Ich ahnte jetzt auch etwas dergleichen , als ich die fromme Schraffierung altdeutscher Kupferstecherei und in dem Bilde die Art van Eyckscher Engel entdeckte . Eine Schrift war nicht zu sehen und also das Blatt vielleicht ein seltener Probedruck gewesen , der in diese Täler auf ebenso wunderbare Weise gekommen , als er wieder verschwunden war . Jetzt aber war mir die kostbare Scheibe die schönste Gabe , welche ich in den Sarg legen konnte , und ich befestigte sie selbst an dem Deckel , ohne jemandem etwas von dem Geheimnis zu sagen . Der Deutsche kam wieder herbei ; wir suchten die feinsten Hobelspäne , unter welche sich manches gefallene Laub mischte , zusammen und breiteten sie zum letzten Bett in den Sarg ; dann schlossen wir ihn zu , trugen ihn in den Kahn und schifften mit dem weithin scheinenden weißen Gerät über den glänzenden stillen See , und die Frauen mit dem Schulmeister brachen in lautes Weinen aus , als sie uns heranfahren und landen sahen . Am folgenden Tage wurde die Ärmste in den Sarg gelegt , von allen Blumen umgeben , welche in Haus und Garten augenblicklich blüheten ; aber auf die Wölbung des Sarges wurde ein schwerer Kranz von Myrtenzweigen und weißen Rosen gelegt , welchen die Jungfrauen aus der Kirchgemeinde brachten , und außerdem noch so viele einzelne Sträuße weißer duftender Blüten aller Art , daß die ganze Oberfläche davon bedeckt wurde und nur die Glasscheibe frei blieb , durch welche man das weiße zarte Gesicht der Leiche sah . Das Begräbnis sollte vom Hause des Oheims aus stattfinden , und zu diesem Ende hin mußte Anna erst über den Berg getragen werden . Es erschienen daher eine Anzahl Jünglinge aus dem Dorfe , welche die Bahre abwechselnd auf ihre Schultern nahmen , und unser kleines Gefolge der nächsten Angehörigen begleitete den Zug . Auf der sonnigen Höhe des Berges wurde ein kurzer Halt gemacht und die Bahre auf die Erde gesetzt . Es war so schön hier oben ! Der Blick schweifte über die umliegenden Täler bis in die blauen Berge , das Land lag in glänzender Farbenpracht rings um uns . Die vier kräftigen Jünglinge , welche die Bahre zuletzt getragen , saßen ruhend auf den Tragewangen derselben , die Häupter auf ihre Hände gestützt , und schaueten schweigend in alle vier Weltgegenden hinaus . Hoch am blauen Himmel zogen leuchtende weiße Wolken und schienen über dem Blumensarge einen Augenblick stillzustehen und neugierig durch das Fensterchen zu gucken , welches fast schalkhaft zwischen den Myrten und Rosen hervorfunkelte im Widerscheine der Wolken . Wir saßen , wie es sich traf , umher , und selbst mich rührte jetzt eine große Traurigkeit , so daß mir einige Tränen entfielen , als ich bedachte , daß Anna nun zum letzten Mal und tot über diesen schönen Berg gehe . Als wir ins Dorf hinuntergestiegen , läutete die Totenglocke zum ersten Mal ; Kinder begleiteten uns in Scharen bis zum Hause , wo man den Sarg unter die Nußbäume vor die Tür hinstellte . Wehmütig gewährten die Verwandten der Toten das Gastrecht bei dieser letzten Einkehr ; es waren nun kaum anderthalb Jahre vergangen , seit jener fröhliche Festzug der Hirten sich unter diesen selben Bäumen bewegte und mit bewundernder Lust Annas damalige Erscheinung begrüßte . Bald war der Platz voll Menschen , welche sich herandrängten , um der Seligen zum letzten Mal ins Angesicht zu schauen . Nun ging der Leichenzug vor sich , welcher außerordentlich groß war ; der Schulmeister , welcher dicht hinter dem Sarge ging , schluchzte fortwährend wie ein Kind . Ich bereute jetzt , keinen schwarzen ehrbaren Anzug zu besitzen , denn ich ging unter meinen schwarzgekleideten Vettern in meinem grünen Habit wie ein fremder Heide . Die Kirche war ganz mit Leuten angefüllt , obgleich es im Felde viel zu tun gab . Nachdem die Gemeinde den gewohnten Gottesdienst beendigt und mit einem Choral beschlossen , scharte man sich draußen um das Grab , wo die ganze Jugend , außergewöhnlicherweise , einige sorgfältig eingeübte Figuralgesänge mit heller und reiner Stimme sang . Ich hatte mich dicht an den Rand des Grabes gestellt , während die übrigen Verwandten mit dem leidvollen Vater in der Kirche blieben . Jetzt ward der Sarg hinabgelassen ; der Totengräber reichte den Kranz und die Blumen herauf , daß man sie aufbewahre , und der arme Sarg stand nun blank in der feuchten Tiefe . Der Gesang dauerte fort , aber alle Frauen schluchzten . Der letzte Sonnenstrahl leuchtete nun durch die Glasscheibe in das bleiche Gesicht , das darunter lag ; das Gefühl , das ich jetzt empfand , war so seltsam , daß ich es nicht anders als mit dem fremden hochtrabenden und kalten Worte » objektiv « benennen kann , welches die deutsche Ästhetik erfunden hat . Ich glaube , die Glasscheibe tat es mir an , daß ich das Gut , was sie verschloß , gleich einem in Glas und Rahmen gefaßten Teil meiner Erfahrung , meines Lebens , in gehobener und feierlicher Stimmung , aber in vollkommener Ruhe begraben sah ; noch heute weiß ich nicht , war es Stärke oder Schwäche , daß ich dies tragische und feierliche Ereignis viel eher genoß als erduldete und mich beinahe des nun ernst werdenden Wechsels des Lebens freute . Der Schieber wurde zugetan , der Totengräber und sein Gehilfe stiegen herauf , und bald war der braune Hügel aufgebaut . Judith ließ sich nicht sehen am Grabe ; in einem demütigen und entsagenden