sich der Leidenschaft für die Wahrheit an . Lassen Sie sich denn die Wahrheit gefallen , daß ich mich bei Empfang Ihres ersten Briefs wirklich Ihrer und unsrer Unterredung nicht erinnerte . In meinem Zimmer drängen sich der Menschen viele . Auf mein Fach , und wenn ich sonst noch ein Buch zur Hand nehme , auf die Engländer mich beschränkend , kannte und kenne ich Ihre Schriften nicht . Es ist besser , daß ich als Fremder Ihnen gegenübertrete , und daß unsre Bekanntschaft auf eine solide Art vermittelt wird , als daß ich mich gegen Sie mit faden Komplimenten abfinde , die in der Regel nachmals sich auf die eine oder andre Art bestrafen . Der Zeitabschnitt , in welchen unsre Entwicklungskrankheiten fielen , denn so möchte ich die Geschicke , welche uns betrafen , nennen , war vor vielen geeignet , ein deutsches Sitten- und Charakterbild hervorzubringen . Es war Friede im Lande geworden , die alten Verhältnisse schienen hergestellt , das Neue war auch in seinen Rechten anerkannt , alle Bestrebungen hatten eine feste , naive Färbung , während die neuesten Weltereignisse jegliche Richtung an sich selbst irre gemacht und in das Unsichre getrieben haben . Die Gefühle und Stimmungen jener Periode - der letzten acht oder neun Jahre vor der Julirevolution - liegen fast schon als mythische Vergangenheit hinter uns . Der Adel suchte sich mittelalterlich zu restaurieren , das Geld glaubte treuherzig , wenn es nur den privilegierten Ständen den Garaus machte , so werde die Welt den harten Talern gehören , der Demagogismus wollte studentenhaft die Festung stürmen , die Staatsmänner meinten nach Ideen regieren zu können , es gab Schriftsteller , welche mit großer Macht die Einbildungskraft beherrschten ; ein Denker stand unter seiner weit sich breitenden Schule und katastrierte den Geist . Was ist von allem dem übriggeblieben ? Die französische Thronverändrung hat abermals das Antlitz der Welt verändert , und sowenig ich in weichliche Klagen über dieses Ereignis und seine Folgen auszubrechen geneigt bin , so muß ich doch sagen , daß die Jahre , welche ihr vorangingen , an geistigem Gehalt und an einer gewissen Dichtigkeit des Daseins die Gegenwart übertrafen . Man könnte Ihnen also Dank wissen , daß Sie es unternommen , ein Zeugnis jener verschwundnen Zeit aufzustellen . Aber zwei Fragen möchte ich an Sie richten . Wenn Sie die Neigung so unwiderstehlich zur Betrachtung der menschlichen Schicksale treibt , warum schreiben Sie nicht lieber Geschichte selbst ? Da hätten Sie die volle Traube am Stocke vor sich , und könnten uns einen gesunden reinen Wein zubereiten , während Sie in der Sphäre , welche Sie wählten , notwendig mischen müssen , und also auch nur einen Zwittertrank hervorbringen . Die zweite Frage ist : Was soll das Publikum mit diesen Büchern anfangen ? Die Hauptperson wird die Menschen schwerlich interessieren , da sie keine » Tendenzen « hat . Und was ist daran wichtig , daß ein Bürger mit einem Fürsten über dessen Güter prozessierte , daß wir ein Caroussel veranstalteten , daß es in den Häusern des Mittelstandes noch hin und wieder häuslich herging , daß an unsrem Sitze der Intelligenz allerhand Liebhabereien und Theoriewirtschaften getrieben wurden ? Meine Meinung über den Wert dieser Zustände habe ich oben angedeutet , aber sie ist nicht die Meinung der Menge . Sie wird auf solche Geringfügigkeiten mißschätzend herabsehn . N.S. Auf einige Fehler : ... quas aut incuria fudit , Aut humana parum cavit natura ... muß ich Sie doch aufmerksam machen . Hermann will als Neunjähriger die Einverleibung seiner Vaterstadt Bremen in das französische Kaiserreich erlebt , und als Siebenzehnjähriger in den Donnern von Lützen gestanden haben . Da aber jenes Ereignis im Jahre 1810 stattfand , und die Schlacht von Lützen nur drei Jahre später vorfiel , so widerspricht seine Rede aller Chronologie . Der Jude aus Hameln , der falsche Demagoge , behauptet , von neununddreißig Tyrannen verfolgt zu werden , was nach der deutschen Verfassung völlig unmöglich ist . Der Amtmann vom Falkenstein tritt schon im ersten Teile als Jagdgenosse Hermanns auf , und doch wird im zweiten so getan , als ob der Held erst bei dem Caroussel die Bekanntschaft dieses Mannes gemacht habe . Die Interpunktion und Orthographie steht nicht recht fest . Es sind mir sogar Grammaticalia aufgestoßen , die freilich wohl mehr dem Abschreiber zur Last fallen ; denn von Ihnen setze ich voraus , daß Sie ihren Schulkursus durchgemacht haben . Ob aber alle Leser , und besonders diejenigen , welche sich Kritiker nennen , diesen guten Glauben teilen werden , steht dahin . IV. Der Herausgeber an den Arzt Ich bin an der Elbe geboren , und erinnre mich aus meinen Kinderjahren einer großen Überschwemmung dieses Stroms . Weit über die Ufer , ja über die niedrigeren Dämme hin , wogte die graugelbliche Wassermasse mit weißkräuselnden Wellenhäuptern , Landstraßen und Fluren waren verschwunden , nur in der Ferne deuteten Turmspitzen und Waldsäume das Feste noch an . Man führte mich auf die Brücke , von welcher man in dieses wogende Getöse hinabsah , und meine Begleiter forderten mich auf , über das große Naturschauspiel zu erstaunen . Ich aber konnte an dem wüsten Einerlei , an dem Unabsehlichen , Nichtzuunterscheidenden keine Größe entdecken , und blieb in meiner Seele ganz ungerührt . Die andern schalten mich verstockt , fanden aber gleichwohl auf meine Frage : ob Millionen Tonnen Wassers , zusammengegossen , eben mehr wären , als Wasser ? nichts zu erwidern . Gleich darnach reiste ich in unser Oberland , in den Harz , welcher einen Teil der Fluten aus seinen von Schnee und Regengüssen geschwellten Wässern dem Strome zugesendet hatte . Wild und hastig stürzten die Flüsse , Flüßchen und Bäche dem ebnen Lande zu , aber jedes Bette hatte seine eigentümliche Gestalt , die Wände faßten noch das Gerinne , welches hier rasch und tosend fortschoß , dort sich um Baumstücke oder Felsblöcke brausend wirbelte , und jegliche dieser schäumenden Adern gewissermaßen zu