Unkenntnis hatten es herunter gebracht — ich , der das Ganze kannte wie jede Falte seines Herzens — ich konnte es von Neuem die Höhe bringen , wenn ich die Mittel hatte , es zu kaufen . Ich widerstand lange . Da erschien die Anzeige zum zweiten , zum dritten Mal . Ich sprach mit einem Geschäftsmann in Neapel darüber , von dem ich zufällig hörte , er reise nach Deutschland . Er bot mir an , den Kauf in meinem Namen abzuschließen , er redete mir zu . Die Gelegenheit war so günstig , das Kapital lag müßig in meiner Kasse — ich war so gewiß , es verdoppeln , meine und meines armen Kindes Zukunft sichern zu können ; ich war so gewiß , daß Du mir es nicht zum Vorwurf machen würdest , wenn Du später erfuhrst , wie ich unterdessen Dein Geld wuchern ließ . Zehnmal stand ich auf Deiner Schwelle mit dem Entschluß , Dir Alles ehrlich zu sagen und Dich um die Erlaubnis zu bitten , über Dein Vermögen zu verfügen . Ich wußte ja , Du würdest es mir nicht verweigern . Aber die krankhafte Angst , Dich zu verlieren , sobald Du erführst , daß Du mündig seist , hielt mich immer wieder davon ab ! Ich nahm das Kapital mit dem festen Vorsatz , es Dir einst auf Heller und Pfennig zurückzugeben ! So weit die Geschichte meines Unrechts , nun die meines Unglücks ! Was ich anfing , schlug mir fehl . Ich hatte die Fabrik mit bedeutenden Kosten vergrößert , da zeigten sich unvorhergesehene Terrain-Schwierigkeiten . Vorräte , die ich teuer gekauft , sanken , noch ehe sie verarbeitet waren , im Preise und ich mußte die Ware mit fünfzig Prozent Verlust absetzen . Dies und anderes Mißgeschick mehr traf mich Schlag auf Schlag . Es lag ein Fluch auf Allem , was ich ergriff — ich bekenne es , der Fluch der Selbstüberschätzung — denn ich hätte einsehen sollen , daß ein tüchtiger Gelehrter eben kein Kaufmann ist und daß ich mit den technischen Kenntnissen , die ich als Chemiker erfolgreich in einem kleinem Unternehmen verwertete , noch kein so großartiges Geschäft zu führen im Stande war . Was hilft nun alle Reue , alle Selbsterkenntnis ? Die furchtbare Lehre , Ernestine , ist mit Deinem Vermögen bezahlt . Ich kann Dir nichts zurückgeben als das Reisegeld nach New York — kann Dir keine Entschädigung bieten als die Rache , die ich durch dieses offene Geständnis in Deine Hand lege . Beschließe , verhänge nun über mich , was Du willst ! Aus Deiner Hand will ich mein Schicksal empfangen — aus keiner sonst . “ Der Heuchler sank wie zermalmt zu ihren Füßen und drückte ihre kalten Fingerspitzen an die Lippen . „ Oheim , “ begann Ernestine und ihre Stimme bebte . „ Steh auf ! Es ist mir ein widerlicher Anblick , einen Menschen , den ich zu fürchten gewohnt war , sich zu meinen Füßen winden zu sehen wie eine zertretene Schlange , deren Zuckungen mehr Abscheu als Mitleid hervorrufen . Steh auf , um aller Menschenwürde willen , steh auf ! “ Sie wandte sich von ihm , um ihn nicht mehr sehen zu müssen . „ Ernestine , “ rief Leuthold erschrocken , „ Du bist von Stein ! “ „ Ich bin , wozu Du mich gemacht hast . “ Er hatte eine andere Wirkung seiner Rede erwartet , er blickte mit Todesangst auf Ernestinen , die nochmals den Brief überflog und dann mit verhülltem Gesicht auf das Sofa sank . „ Ernestine , fasse Dich , “ rief er mit der ihm eigenen Frechheit , die immer wieder hinter der kriechenden Larve vorblickte . „ Strafe mein Vergehen , räche Dich , wie Du willst , aber laß mich Dich nicht so klein sehen , um den schnöden Mammon zu verzweifeln ! “ „ Glaubst Du , gewissenloser Mann — ich klagte um den Mammon ? “ sprach Ernestine außer sich , aber würdevoll . „ Hättest Du das Geld in ehrenhafter Weise von mir gefordert und durch Unglück eingebüßt , sterben würde ich eher , als Dich mit einer Träne , einem Vorwurf kränken . Daß ich aber den einzigen Wüschen , an den ich ein Anrecht habe , verachten muß , daß Alles , was ich besaß , einem Verbrechen zum Opfer fallen mußte , das ist mehr als meine Langmut erträgt . Du weißt am Besten , was an dem toten Metalle hängt , das Du mir geraubt : Freiheit des Denkens und des Handelns , die edelsten Güter des Lebens . Um dieser Güter willen hast Du es mir genommen , denn Du bist kein Dieb , der mir Geld stiehlt . Du weißt auch , was sein Verlust für ein Weib bedeutet : Abhängigkeit , vielleicht Dienstbarkeit ! O , Dienstbarkeit einer Seele , die sich keiner irdischen , keiner überirdischen Macht beugen wollte , die sich in ihrem Stolze als den Mittelpunkt einer selbstgeschaffenen Welt empfand , zur Maschine werden , die wahl- und fraglos den Willen Anderer vollführt ! — Du ahnst den Tod , den ich in diesem Gedanken sterbe — und Du wagst es , mich zu schelten , daß ich klein genug sei , um den schnöden Mammon zu trauern ? Sieh , ich vergesse auch in diesem furchtbaren Augenblick nicht , was Du seit meiner Kindheit an mir getan , welch unermeßliche geistige Schätze Du mir für den irdischen gegeben , den Du mir nahmst . Und eingedenk dessen verzichte ich auf die Rache , die Du in meine Hand gelegt . Wenn Du Dich retten kannst , so tu ’ s , aber fordere nicht auch noch , daß ich mich zu der < < Größe > > erhebe , Dir zu verzeihen ! “ Leuthold atmete auf . Das war es ja nur , was er hören wollte , daß sie ihn nicht dem Gericht überantworte .