; er netzte nur manchmal mit der Zunge die heißen , ausgetrockneten Lippen , und immer wieder rann ihm ein heftiges Zittern durch die Hände , die auf den Armlehnen des Sessels lagen . Über eine Stunde währte die Untersuchung . Man wollte das grausame Votum in schonende Worte kleiden . Graf Egge schnitt alle tröstenden Umschweife mit der scharfen Frage ab : » Wollen Sie mir kurz die Wahrheit sagen ? - Blind ? « » Blind ! « » Und keine Rettung mehr ? « » Keine ! « Graf Egges Arme streckten sich , und langsam schlossen sich die Fäuste . Dann fragte er : » Wäre eine Heilung möglich gewesen , wenn ich früher der Berufung eines Konsiliums zugestimmt hätte ? « » Nein , Herr Graf ! Unser Collega stand , als er Ihre Behandlung übernahm , bereits einem vollendeten Prozeß gegenüber . Die mit gärenden Aasteilchen vermischten Exkremente der Raubvögel enthielten eine ätzende Säure , die innerhalb weniger Stunden die Augen zerstört haben muß . « » Ist noch weitere Behandlung nötig ? « » Nein , Herr Graf ! Die Entzündung der Lider ist zurückgegangen . Etwas anderes war nicht zu erreichen . « » Moser ! Stütze mich ! « Graf Egge richtete sich auf und verneigte sich . » Ich danke den Herren ! Mein Hausarzt wird alles weitere ordnen ! « Er streckte die zitternde Hand . » Ich danke Ihnen ! « Wortlos empfing er die Händedrücke der Herren und blieb aufrecht stehen , bis er hörte , daß die Tür geschlossen wurde ; dann fiel er stöhnend in den Sessel zurück und schlug die Hände vor das Gesicht . Moser stand hinter dem Lehnstuhl und wagte sich nicht zu rühren . Vom Dorfe scholl das Geläut der Glocken . Graf Egge ließ schwer die Hände fallen . » Warum läutet man ? « » Die Kirch muß aus sein . Man läutet zum Wettersegen . « » Also Morgen ? Und draußen scheint die Sonne ? « » Nein , Herr Graf ! Der Tag is trüb , alles hängt voll Wolken . « Dem Alten versagte die Stimme . » Es wird bald schütten , mein ' ich . « Wieder Stille in der Stube . Nur die fernen Glocken sangen . Plötzlich hob Graf Egge das Gesicht und stammelte : » Moser ! Reiß mich am Bart ! « » Aber um Gotts willen , Herr Graf - « » Tu es ! « befahl Graf Egge mit gereizter Schärfe . Moser gehorchte . » Richtig ! Ich spür ' es . Alles ist wahr . Ich wache . Und vor meinen Augen bleibt ' s schwarz . Moser ! Moser ! « Das klang wie Schluchzen ; doch keine Träne netzte die starren , glanzlosen Augen . » Moser ! Meine Lichter sind hin ! Jetzt hat ' s ein Ende mit der Jagd ! « Da war es auch mit Mosers Selbstbeherrschung vorüber . » Mar ' und Joseph ! Mar ' und Joseph ! So an Unglück ! « » Was tu ich jetzt ? Wofür leb ' ich noch ? Ich soll keinen Berg mehr sehen ? Keinen Wald und keinen Baum ! Keinen Hirsch in der Brunft ! Keinen Gamsbock im Gewänd ! Keinen balzenden Hahn auf seinem Ast , wenn er den schönen Morgen ansingt , und wenn ihm die Rosen leuchten ! Nichts mehr ! Nichts , Moser ! Daran sterb ' ich ! Das ertrag ' ich keine Woche . Keinen Tag ! Lieber eine Kugel in den Kopf ! « Graf Egge wankte keuchend gegen die Mauer und tastete mit den Händen . Stotternd suchte Moser ihn zu beruhigen und zog ihn wieder auf den Lehnstuhl zurück . Mit gebeugtem Rücken , zitternd an allen Gliedern , saß Graf Egge zwischen den Kissen und bohrte die Nägel in das mürbe Leder der Armlehne . Mühsam atmend , mit erloschener Stimme , begann er zu sprechen : » Alles schwarz vor den Augen ! Und das immer so ! Einen Tag um den andern ! Das vermag ich nicht auszudenken . Es ist unmöglich ! Es muß noch Hilfe geben ! Es muß ! Die gelehrten Pfuscher haben in hundert Fällen schon einen Menschen aufgegeben . Und dann hat ihm ein Hausmittel geholfen , ein altes Weib . Moser ! Moser ! Es muß auch für mich noch eine Hilfe geben ! Ich will meinen Engel haben , wie der alte Tobias ! Moser ! « Mit beiden Händen umklammerte Graf Egge den Arm des Büchsenspanners . » Moser ! Da fällt mir was ein ! Bei Schloß Eggeberg - mein ganzes Leben hab ' ich an den Menschen nimmer gedacht , und jetzt auf einmal weiß ich seinen Namen - Haneeter hat er geheißen - und ich seh ' ihn vor mir , ganz deutlich , mit dem blauen Kittel und der langen Schippe . Moser ! Bei Schloß Eggeberg hat in meiner Jugend ein Schäfer gelebt . Der war berühmt in der ganzen Gegend . Der hatte für alles ein Mittel ! « Lallend schlug er die Hände ineinander und hob das Gesicht mit den starren Augen gegen die Stubendecke . » Herrgott im Himmel , gib mir , daß mein Haneeter noch lebt ! « Wieder tappte er nach dem Arm des Büchsenspanners . » Moser ! Man muß hinaufschicken zur Hütte . Schipper soll kommen . Nein ! Der nicht ! Der hat den verfluchten Horst gefunden . Und damals im Herbst den abnormen Bock ! Der hat meine Augen auf dem Gewissen . Und meinen lieben Buben ! - Nein ! - Den Hornegger laß kommen ! Meinen braven Franzl ! Der soll mir den Haneeter herschaffen . Auf den Franzl kann ich mich verlassen . Der spart noch am Reisegeld und läuft sich für mich die Füße krumm . Er soll nach Eggeberg fahren . Er soll mir den Haneeter schaffen -