junge Goethe und der junge Schiller suchten , ist hier gefunden , wie unsre Gewährsleute versichern . Auch sollen sich Scenen von gradezu überwältigender Schönheit in diesem Erstlingswerk eines großen Dramatikers finden . - Nun , das läßt sich ja an , als ob unserem Berliner Shakespeare Herrn v. Alvers , der mehr und mehr für das naive Volkstheater der Vorstädte zu arbeiten scheint , ein gefährlicher Rivale erstanden wäre , der im Voraus gesiegt hat . Der gräfliche Dichter , welcher schon durch seine herrlichen Gedichte so sehr in Mode kam , dürfte demnach einem großen Triumphe entgegengehn . « Leonhart warf das Zeitungsblatt auf den Boden und sich der Länge nach aufs Sopha . Ein krampfhaftes Lachen schüttelte sein Zwerchfell . Er lachte sich einmal gründlich aus über die Posse des Lebens . So war es denn also wirklich gelungen . Nun galt es das Weitere abzuwarten . Vor einigen Monaten hatte Leonhart einen Brief aus Venedig , der alten Residenzstadt malerischen Farbensinns , erhalten . Kein Geringerer als jener große Verschollene , der lyrische Tenorist Francis Henry Annesley , beehrte ihn von dort mit einem längeren Handschreiben . Den Anlaß dieser überraschenden Kundgebung bot die seit Kurzem erschienene Anthologie realistischer Lyrik , welche auf Annesleys Kosten von Erich von Lämmerschreyer herausgegeben wurde und zu welcher Leonhart ebenfalls Beiträge beisteuerte . Zwar hatte Francis Henry weidlich den Krämpfen neidischer Großmannssucht gegen den unangenehmen Niederdrücker Luft gemacht und über Leonhart eine Reihe anonymer Recensionen geschmiert , des Inhalts , daß dieser eigentlich kein Dichter , sondern ein » Denker « sei - ein Titel , gegen den die Dichterlinge unsrer Zeit bei ihrer schrecklichen Gedankenarmuth eine besondere Animosität nähren . Allein , da ihm Leonharts Einfluß doch unumgänglich für Förderung seiner Interessen nöthig schien , erklärte er plötzlich diesen » Volldichter « für » eine zum Höchsten berufene Natur « . In diesem Sinne schmetterte er ihm auch jenen überschwänglichen Brief aus Venedig , worin er vor allem bat , sein neuestes Werk : » Cypressen « , symphonischer Cyklus für Kammermusik von Gregor Waschuppsky ( Opus 22 ) in allen zur Verfügung stehenden Blättern anzupreisen . Sodann sprang er auf die Anthologie seines Freundes Lämmerschreyer über und bat die Beiträge des p. p. Haubitz und Edelmann zu vermöbeln , da diese undankbaren Zigeuner ihm angeblich schon 5000 Mark Pumpgebühren gekostet hätten . Nach diesem reizvollen Thema kam er auf Venedig zu sprechen , da er in dem Palazzo , wo Richard Wagner gestorben , wohne und den Geist des todten Meisters in sich einathme . Er versuchte dann in unbeholfener Weise Venedig zu schildern , blieb aber bei den Blumenmädchen von San Marko hängen und erprobte einige Genialitätsallüren , indem er das liebliche » bona sera « gefälliger Freundinnen und sich daranschließende nächtliche Gondelfahrten schilderte . Der Stil und die Handschrift verwirrten sich zusehends , unvermittelte Cynismen sprengten sich ein und der ätherische Jünger der heiligen Cäcilia verbreitete sich über gewisse Stühle in Italien . Diese seien von Marmor , aber so niedrig , daß Niemand sich darauf setzen könne . Daher die Unreinlichkeit . Dies sei die wahre Völker-Psychologie , vom Standpunkt des Verdauungsthrones aus - - Hier brach der Brief plötzlich ab , der dem Psychiater vielleicht ein interessantes Dokument geboten hätte , und es folgten einige Zeilen von fremder Hand . Die Tante Annesley ' s hatte nämlich die Nachschrift darunter gesetzt : Sie sende den nicht ganz vollendeten Brief , für den bereits das beschriebene Couvert dagelegen habe , da sie aus dem Inhalt ersehe , es handle sich um wichtige künstlerische Dinge . Sie bäte den unvollkommenen Zustand des Schreibens zu entschuldigen , da ihr unglücklicher Neffe , urplötzlich wiederum von einem Nervenleiden befallen , in einer Kaltwasserheilanstalt Linderung suche u.s.w. - - Leonhart zuckte mitleidig die Achseln . Zugleich aber fühlte er , wie diese verworrenen Andeutungen über Venedig ihm das Bild der Lagunenstadt mächtig vor Augen bannten , so daß es seine Phantasie nicht wieder loßließ . Am andern Tag verschaffte er sich Daru ' s Geschichte von Venedig aus der kgl . Bibliothek und vertiefte sich darin . Immer mehr wuchs und reifte in ihm der Gedanke , ein paar bronzene Charakterköpfe aus der venetianischen Staatsgeschichte herauszuschneiden . Bald darauf war er von Xaver Krastinik bei einer merkwürdigen Beschäftigung überrascht worden . Dieser , geräuschlos eingetreten , fand seinen Freund über allerlei Karten und Mappen gebeugt , einen Zirkel und Nadeln mit farbigen Knöpfen in der Hand , ringsumher selbstgezeichnete Pläne und Tabellen mit allerlei Berechnungen . » Zum Teufel ! Was machen Sie denn da ? « rief der Ex-Militair erstaunt , nachdem er einen scharfen Blick auf all diese Gegenstände geworfen . » Ich - ich - « Leonhart suchte verlegen die Sachen zusammenzupacken , Jener hinderte ihn aber daran . Mit sachkundigem Blick griff er einen Hauptplan auf : » Wollen Sie mir einmal erlauben ? Was seh ich da ! Das sind ja seltsame strategische Studien . Wie sie wissen , war ich früher ein sogenannter gelehrter Militair . Die Sache interessirt mich und ich verstehe ' was davon . « Leonhart verbeugte sich stumm und ging langsam auf und ab , die Hände auf dem Rücken gekreuzt , in tiefem Nachdenken . Krastinik schwieg ebenfalls lange Zeit , indem er die Pläne verglich , die Tabellen zu Rathe zog und mehrere sauber geschriebene Papiere durchlas , die schematisch geordnet und » Dispositionen « überschrieben waren . Plötzlich drehte er sich um und fragte : » Sie waren auf keiner Kriegsschule ? « » Nein . « » Sie treiben diese heimlichen Studien auf eigene Hand ? Wer brachte Sie darauf ? « » Meiner Treu , Niemand . Es rumorte in mir seit frühster Jugend . « » Nun , dann ist das wieder eins jener Wunder des Genies , die unerklärlich bleiben . - Warum ergriffen Sie nicht die militairische Carriere ? « » Warum verließen Sie dieselbe so früh ? « Krastinik biß