Tage , « schluchzte die Alte , » nicht einmal seinen Geburtstag hat er noch erleben dürfen . « » Woran ist er gestorben ? « » Ich weiß es nicht , und keiner weiß es ; Doctor Balthasar sagt ja , er könne es nicht begreifen ; er ist nicht wieder gesund gewesen , seitdem Du fort warst , und es ist schlechter geworden und immer schlechter , obgleich er es nie zugeben wollte . Heute vor vierzehn Tagen hat er sich gelegt und hat immer so still vor sich hingeblickt und nur manchmal in seinem Hausbuch geschrieben , noch am Abend vorher , und als ich am Morgen kam , ist er todt gewesen und das Buch hat auf seiner Bettdecke gelegen . Ich habe es an mich genommen , und es auch Niemand gezeigt , als sie kamen und Alles versiegelten ; ich meinte immer , ich müsse es für Dich aufheben , er hat manchmal Deinen Namen so vor sich hingesagt , wahrend er schrieb ; was er geschrieben weiß ich nicht , ich kann ja nicht lesen . Ich will es Dir holen . « Sie öffnete dienstwillig die Thür nach des Vaters Stube . Es war sauber dort , wie immer , peinlich sauber , aber noch unwohnlicher , - die weißen Streifen über den Schlüssellöchern des Secretairs und des alten braunen Spindes in der Ecke blickten mich geisterhaft an . » Weshalb brennt die Lampe auf dem Tisch ? « fragte ich . » Sie wollen ja heute Abend kommen . « » Wer will kommen ? « » Sarah und ihr Mann und die Kinder , glaube ich . Weißt Du es denn nicht ? « » Ich weiß von Nichts , von Nichts ! Und da liegt ja auch mein letzter Brief - unerbrochen ! nicht einmal den hat er noch gelesen ! « Ich ließ mich in dem Stuhl nieder , der vor dem Schreibtische stand . Ich hatte nie in diesem Stuhl gesessen , kaum ihn zu berühren gewagt - eines Königs Thron würde mir minder ehrwürdig erschienen sein . Das fuhr mir jetzt durch den Kopf und viele , viele andere schmerzliche Gedanken , und mein Kopf sank in die Hände ; ich hätte gern geweint , aber weinen konnte ich nicht . Da stand die Alte neben mir mit dem Buch , von dem sie gesprochen . Ich kannte es wohl ; es war ein dickes Buch in Quart , mit Ledereinband und Haken zum Schließen , und ich hatte es oft in des Vaters Händen gesehen , des Abends , nachdem er seine Arbeit gethan ; aber nie hatte ich gewagt , einen Blick hineinzuwerfen , selbst wenn ich es einmal gekonnt hätte , was freilich nicht oft der Fall gewesen war , denn der Vater pflegte es sorgfältig zu verwahren . Jetzt lag es geöffnet vor mir ; eines nach dem andern wandte ich die Blätter des groben , rauhen Papiers um , deren Seiten mit der überaus sauberen , pedantisch gradlinigen , mir so wohlbekannten Hand meines Vaters bedeckt waren . Die Hand hatte sich nicht verändert , trotzdem die Aufzeichnungen über vierzig Jahre reichten und die Tinte auf den ersten Seiten bereits vollständig vergilbt war . Nur auf den letzten schien diese rüstige Kraft gebrochen : die Schriftzüge wurden immer eckiger , machtloser ; es waren nur noch traurige Ruinen von dem , was sie einst gewesen ; das letzte Wort kaum noch lesbar . Es war mein Name . Und wie häufig auf den Blättern , die den letzten sieben und zwanzig Jahren gehörten , war mein Name ! » Heute ist mir ein Sohn geboren - ein derber Junge , die Hebamme sagt , so derb hat sie ihr Lebtag keinen gesehen , der sei ja wie der heilige Georg . Und so soll er auch Georg heißen und soll eine Freude werden meines Lebens und eine Stütze meiner alten Tage . Das walte Gott ! « » Georg schlägt gut ein , « stand auf einer andern Seite ; » er ist schon größer als des Herrn Steuerraths Arthur , der doch auch nicht klein ist , und scheint einen guten Kopf zu haben : er hat mit seinen drei Jahren Einfälle , daß es zum Verwundern ist . Er wird wohl bald in die Schule müssen . « Und wieder auf einer andern : » Küster Volland ist voll Lobes über meinen Georg ; mit dem Lernen könnte es vielleicht besser sein ; aber das Herz , sagt der alte Herr , sitzt dem Jungen auf dem rechten Fleck ; das wird einmal ein braver Mann werden ; ich werde es nicht erleben , aber Sie werden es , und dann denken Sie daran , daß ich es Ihnen gesagt habe . « So ging es noch über manche Seite ; » Georg ! - mein Prachtjunge ! - der Hauptkerl , der Georg ! « Dann kamen andere Zeiten ; Georg war nicht mehr sein drittes Wort , und Georg war nicht mehr sein Prachtjunge und sein Hauptkerl . Georg wollte nicht gut thun , nicht in der Schule und nicht im Hause und nicht auf der Straße und nirgendwo . Georg war ein Taugenichts ! Nein , nein , das wäre zu viel , er hätte nur besser sein können , sein müssen ; und er würde sich gewiß noch bessern , ganz gewiß ! Und dann kamen viele Seiten , und Georgs Name war nicht mehr darauf . So manches Familienereigniß war notirt , der Tod der Mutter , die Schreckensnachricht von dem Tod des Bruders , und daß die Tochter Sarah wiederum - zum dritten - zum vierten Male - ihm einen Enkel , eine Enkelin geboren habe , und daß er zum Rendanten befördert und Zulage und hin und wieder eine Gratification erhalten ; - aber Georgs Name war und blieb verschwunden . Blieb verschwunden , selbst auf den letzten Blättern , die sich