Leben lang . Das wollte er nie wieder von eines Menschen Munde vernehmen ; er wollte hin , wo Niemand ihm das sagen konnte , wo Niemand es wußte , Niemand ihn kannte - fort ! Er nahm seine Mütze und ging . - In der Unruhe und Aufregung , welche das Erkranken der Baronin veranlaßt hatte , beachtete man es nicht , daß Paul nicht um die gewohnte Stunde zum Vesperbrode kam . Als die Kriegsräthin ihn später vermißte , meinte sie , daß Schrecken und Furcht vor einer Strafe ihn abhalten möchten , vor ihr zu erscheinen , da sie ihm verboten , sich seinem Vater in den Weg zu stellen , und da er jetzt erlebt habe , welch ein Unheil er damit angerichtet . Indeß es war nicht seine Weise , ohne Erlaubniß fortzugehen oder sich feige einer Strafe zu entziehen , und als eine Stunde um die andere verging , als der Abend hereinbrach , als die Dämmerung der Nacht zu weichen begann , fing man unruhig zu werden an , und vor Allen zeigte sich Seba besorgt . Man hatte Paul ' s Büchertasche unten auf dem Zahltische liegen gefunden ; der Lehrling hatte ihn eine Weile im Laden stehen und dann fortgehen sehen . Man schickte zu den Knaben , mit denen er Verkehr hielt , er war aber bei keinem von ihnen gewesen ; man fragte in der Straße , ob man ihn bemerkt , aber Niemand wußte sich dessen zu erinnern , und wer achtet auch an einem schönen Sommerabende , an dem die Leute alle draußen sind , auf das Kommen und Gehen eines Knaben ? Um elf Uhr , als Angelika ruhiger geworden war und als der Freiherr das Haus verlassen wollte , um sich in seinem Gasthofe zur Ruhe zu begeben , trat er in die Wohnstube der Flies ' schen Familie ein . Er fand nur Seba in derselben , und nachdem er gebeten , ihn augenblicklich zu benachrichtigen , wenn der Zustand der Baronin seine Anwesenheit erheischen sollte , fragte er : Wer war der Knabe , Mademoiselle , der sich in Ihrem Laden aufhielt , als die Baronin von dem üblen Anfalle betroffen ward ? Wie er das fragen kann ? dachte Seba . Sie hätte ihm sagen mögen : Es ist Ihr Sohn , und Sie wissen das . Indeß sie überwand sich und antwortete : Es ist der Pflegesohn des Kriegsraths Weißenbach , der hier im Hause wohnt . Sein Name ? Paul Mannert , sprach sie nachdrücklich , und wie fest das Auge Seba ' s auch auf den Freiherrn gerichtet war , sie konnte keine Veränderung in seinem ernsten Gesichte lesen . Das empörte sie , und , hingerissen von der Angst um ihren Schützling , voll Abscheu vor der Ruhe seines Vaters , die mit ihrer Sorge in so grellem Widerspruche stand , rief sie : Er ist aber nicht mehr da , der Knabe ! Er ist fort , der Paul , und wir suchen ihn vergebens ! Gott gebe , daß er in seiner Verzweiflung nicht wie seine Mutter geendet hat ! Wie ein Blitz zuckte es durch die Gestalt des Freiherrn , es zitterte in seinen Mienen , und mit bebender Lippe fragte er : Was wissen Sie von ihm , Mademoiselle ? Er mußte sich niedersetzen ; Seba war über ihr eigenes Thun erschrocken , aber der Grimm gegen diese vornehmen Männer , die Alles unter die Füße treten zu können glaubten , die Empörung über die Herzenskälte des Freiherrn , die Erinnerung an die Schmach des eigenen Geschickes hoben sie über sich hinaus , und kalt und stolz , wie der Freiherr eben erst vor ihr gestanden hatte , sagte sie : Ich weiß wer der Knabe ist , weiß , daß seine Mutter in Verzweiflung ihren Tod im Wasser gesucht , und Gott gebe , daß er ihr ' s nicht nachgethan hat , denn er fühlte sich verstoßen ! Der Freiherr fuhr auf . Er wollte die unberechtigte Anmaßung dieses Judenmädchens zurückweisen , aber das harte Wort erstarb ihm auf der Lippe , und wie im Schmerze schloß er die zornfunkelnden Augen . Das währte indeß nicht lange , dann hatte er seine Wahl getroffen , seine Entscheidung schnell gefaßt , und während Seba in ihrem Herzen noch darüber triumphirte , daß es ihr gelungen war , einen dieser Edelleute , den Freiherrn von Arten , der seines Kindes vergessen konnte , der Herbert beleidigt , der Adam gekränkt , der kein Herz hatte , so wenig Graf Gerhard ein Herz gehabt , unter ihrem Blicke zusammenbrechen und vor ihrem Worte zittern und leiden zu sehen , erhob der Freiherr sich und sagte mit schonender Herablassung : Ihre Aufregung macht Ihrem guten Herzen Ehre , Mademoiselle Flies , und der Unerfahrenheit muß man selbst den Mangel an der nöthigen Delicatesse nachsehen ! Ich hoffe , daß man nichts versäumt , den Knaben aufzufinden , an dem Sie so viel Antheil nehmen ! Der Vorsicht wegen will ich selbst dafür Schritte thun lassen ! Leben Sie wohl , Mademoiselle ! Seba stand und blickte ihm nach . Sie biß die Zähne auf einander , um die laute Verwünschung zurückzudrängen , welche ihr aus dem Herzen auf die Lippen stieg . Sie hörte , wie der Baron leise mit ihrem Vater sprach , dem er im Hause begegnete , und zornig das Haupt schüttelnd , rief sie : Es giebt keine Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden , wenn nicht einst der Tag der Vergeltung für sie Alle kommt , wenn sie nicht ernten müssen , was sie säeten ! Aber es blieb ihr nicht lange Zeit für ihre Gedanken . Ihr Vater , der Kriegsrath und die Kriegsräthin kamen herbei ; sie sollte noch einmal Alles erzählen , was sie gestern von Paul gehört , was sie mit ihm gesprochen , und während sie im Grunde nur wenig zu sagen hatte , während sie