das zu allem hintreibt und alles entschuldigt , es sei noch so gemein und noch so schlecht : genießen wollen ! gefallen wollen ! Der Ekel vor ihr hat mich recht eigentlich damals aus Europa vertrieben , als ich mein Gegengewicht gegen ihren furchtbar verderblichen Einfluß mit der Hoffnung auf häusliches Glück verlor . Aber das öffentliche Leben in Europa , das Leben der Staaten und Völker , die große allgemeine Gesellschaft , die wollte ich in ' s Auge fassen , wollte beobachten , was es denn sei , das die Menschen treibt und bewegt auf der ungeheueren Flut einer rast- und ruhelosen Anstrengung , die augenscheinlich , wie aus unsichtbaren geöffneten Schleusen , den Weltteil so gewaltsam überstürzt , wie die Menschheit es noch nie erlebt hat . Ähnlich war es bei dem Untergang des alten Römerreiches vor den nordischen Barbaren . Ähnlich auch , tausend Jahre später , als Byzanz vor dem Islam fiel . Aber nur ähnlich im kleinen Maßstab . Nicht zu einer solchen Ausbreitung über Weltteil und Erdball hatte sich das tausendgliederige Wesen , welches man Civilisation nennt und welches doch keine ist , zerdehnt . Nicht brauchte sie ein China und ein Kalifornien , den Hindu und die Rothaut zu ihrer Tätigkeit ; nicht ein Netzwerk von Eisenschienen zu ihrer Bewegung ; nicht einen Flug des Gedankens mit Blitzesschnelle über Länder und Meere zu ihrer Mitteilung , wie sie das alles jetzt hat und jetzt braucht . Aber zu welchem Zweck hat die menschliche Gesellschaft diese unerhörte Bewegung zu einem so wichtigen Faktor ihres Bestehens gemacht ? welche Bildung wird durch sie errungen , welche Wahrheit durch sie verbreitet , welche Tugend durch sie gepflegt , welche sittliche Größe durch sie erlangt ? welche Würde bringt sie in die Verhältnisse des Menschen , welchen Adel in seine Gesinnung , welche Grundlage in seine Handlungen ? - - Null , lieber Onkel , unter Null ! Wenn man sich einen Kreis denkt , ausgeweitet bis zur äußersten Spannung , und Millionen von Radien schießen aus der Mitte dem Umkreis zu und drängen und treiben ihn immer noch mehr und mehr auseinander - aber der Punkt , von dem sie auslaufen , hat keine Schwerkraft , um sie zu halten und zu binden , ist kein Centrum , ist Nichts , ist Null : sieh , lieber Onkel , das ist ein Bild der Zeit . Die Radien aber blitzen und schießen und spielen in tausend Farben , wie ein Nordlicht , blendend , überraschend , fort und fort dem Umkreis zu und ziehen alle Blicke von der Leere des Mittelpunktes ab - und auf sich . Und die Blicke lassen sich fesseln durch dies Sinnenschauspiel und das , was es bietet - und die Augenlust zieht die Gier nach Genuß und die Gier nach Besitz nach sich - und das ist das Ende der hochgepriesenen Civilisation ! da sinkt sie zusammen im Moder ihrer eigenen Zersetzung . Wenn sie etwas Höheres zu geben vermöchte , so würde ja nicht eine so kolossale Lüge , wie wir sie erleben , das öffentliche Leben beherrschen . Alle Zustände sind hohl . Die Verhältnisse von Staat zu Staat , von Fürst zu Volk , von Volk zu Fürst - sind hohl , sind ohne gegenseitiges Vertrauen , sind ohne Wahrheit , stehen im Kreise jener Radien ohne Centrum . Alle fühlen es , jeder weiß es von sich selbst und von dem anderen , und keiner will es sich merken lassen . Daher wird denn jetzt eine Komödie aufgeführt , die in der Welt umsonst ihres Gleichen sucht - eine Komödie , an der Europa untergeht ; die Komödie vom Fortschritt . Ich kann sie nicht mitspielen ! ich kann und kann nicht für und durch die Lüge leben und sterben ! Schau ' auf das Völkerleben , ob je so große Worte im Schwange waren , und so wenig - ja , das Gegenteil , hinter ihnen steckte ! Freilich , das große Wort führen die großen Herren in den Kammern , die , in Parteien geteilt , herrliche Reden halten über alles Gute und Vortreffliche - die einen , was sie bereits tun , die anderen , was sie tun wollen . Da grünt und blüht Friede und Gerechtigkeit , Bildung und Betriebsamkeit ; da geht alles am Schnürchen , von der Dorfschule bis zum Staatshaushalt . Aber schau ' auf den gemeinen Mann , wie ihm die Schuldenlast des Staates , die man dessen Reichtum zu nennen beliebt , seine paar Pfennige abquält , die er im Schweiß seines Angesichtes mühselig verdient hat und gern sparen möchte für schlimme Zeit oder seine alten Tage . Wie er , während die großen Herren in Papieren spekulieren und mit einem Bankerott so leicht fertig werden , als mit einer Flasche Champagner , und endlich denn doch den geliebten Mammon erschwindeln - wie er an diesen Eisenbahnen , an diesen Fabriken , die den Spekulanten , den Besitzer mit Gold mästen , seine Gesundheit opfern , sein Leben wagen muß für geringen Tagelohn , der für die knappsten Bedürfnisse nicht ausreicht ; wie er seine Kinder in die Fabriken schicken muß , wo sie entarten an Leib und Seele , aber dafür doch einige Kreuzer heimbringen und ihre armselige Existenz fristen helfen ; wie er dabei beständig zittert vor Stockung im Handel und Wandel , vor Krankheit , vor Herabdrücken des Arbeit- oder Tagelohnes , vor Erhöhung der Preise der gewöhnlichen Lebensbedürfnisse . Schau ' ihn an , wie er marklos wird vom unausgesetzten Kampf gegen die bitterste Not , die ihn täglich aus den hohlen Augen von Weib und Kind , aus ihren Lumpen , von ihrem Strohlager , von ihrem kalten Herde angrinst ; wie er in leiblicher Schwäche und seelischer Ermattung diese stumpfe Folter nicht mehr erträgt - und zum Branntwein greift , in Ausschweifung hineintaumelt , die Arbeit haßt , Vernunft und gesundes Urteil verliert und die ungeheuere Zahl der Betörten vermehrt ,