was dabei vom Volke ausgehen sollte , erschien ihm wie Rebellion , und er verkündigte oft , daß alle Gräuel der französischen Revolution eintreten müßten , wenn den lauten Aeußerungen der Bürger und vor Allen der Jugend nicht Einhalt gethan würde . Es war vergeblich , daß der Graf ihn darauf aufmerksam machte , wie der außerordentliche Druck , unter welchem das Vaterland seufze , auch außerordentliche Mittel nothwendig mache , und wie man , wenn man künftig hoffen wolle , durch die Hülfe Aller das beinah unmöglich Scheinende zu erreichen , auch die Stimmen Aller hören müsse . Aus Achtung für den Grafen schwieg dann wohl der Obrist , aber er zeigte bei nächster Gelegenheit seinen Abscheu nur um so lauter . Unter solcher Umständen war es natürlich , daß ihm der Aufenthalt in Berlin unerträglich wurde , und er sehnte sich nach der Stille des Landlebens und nach einer Umgebung zurück , die mehr Rücksicht auf sein Alter nahm und , wenn sie auch seine Ansichten nicht immer theilte , ihm doch nicht mit so großer Heftigkeit widersprach , wie er es sich zu seiner Verwunderung in Berlin von ganz jungen Leuten mußte gefallen lassen . Der Graf Robert hatte sich mit Eifer der Landwirthschaft gewidmet , und es war zu bemerken , daß er die Angelegenheiten des Vaterlandes etwas aus den Augen verlor und jeden Tag mit zärtlicher Sehnsucht die blühenden Wangen , die leuchtenden Augen und die schlanke Gestalt seiner Braut betrachtete , die ebenfalls von seinen Blicken zu leben schien und in unverkennbarer Zärtlichkeit das Glück des Daseins nur an seiner Seite empfand . Die Briefe St. Juliens waren seltener geworden . Man erwartete jedoch , daß die öffentlichen Angelegenheiten sich so wenden würden , daß man bald ihn wiederzusehen hoffen dürfte , denn man glaubte Napoleon würde mit dem Vortheile zufrieden sein , der ihm daraus erwachsen mußte , daß die auf ' s Aeußerste aufgeregten Leidenschaften der spanischen Königsfamilie ihn zum Vermittler und Schiedsrichter aufriefen , und dadurch in eine Stellung brachten , wodurch Spanien mit allen seinen Kräften von ihm abhängig wurde . Aber das Unerhörte war geschehen . Der Held , der Sieger in so vielen Schlachten hatte mit unwürdiger List ein Netz ausgespannt , das zugezogen wurde , als alle Glieder der königlichen Familie in den verderblichen Kreis gelockt waren . Und der Ruhm der französischen Adler war befleckt , sie , die triumphirend über so vielen Schlachtfeldern geschwebt hatten , bewegten sich nun in einem durch unwürdige List errungenen Lande . Hätte Napoleon nicht mit zu großer Geringschätzung auf die Menschen und in Folge dessen auf die öffentliche Meinung herabgesehn , so hätte er vielleicht einen für seinen Ruhm und wahren Vortheil so nachtheiligen Schritt unterlassen , über den nur ein Gefühl der Mißbilligung und des Abscheues in Aller Herzen lebte , und der selbst die an Anbetung gränzende Verehrung verminderte , die bis dahin alle seine Truppen für ihn gehegt hatten . Diese allgemeine Wirkung war auch in St. Juliens Briefen bemerklich ; denn ob er sich wohl mit Behutsamkeit ausdrückte , indem er die Besetzung Spaniens meldete , so war doch eine große Kälte fühlbar , die bei seiner früheren warmen Begeisterung für Napoleon um so mehr auffiel und dem Grafen Veranlassung zu manchen Betrachtungen gab . Dieß Mal war der Obrist Thalheim mit den lauten Aeußerungen des Unwillens der Berliner zufrieden . Die harten Urtheile der jungen Leute über Napoleon und seine Regierung schienen ihm weder vorlaut noch unziemlich , und die stärksten Aeußerungen über diesen Gegenstand wurden in der Stadt als die Aussprüche des Obristen Thalheim bekannt , so daß der Graf , besorgt wegen der möglichen Folgen , ihn eines Morgens zur Behutsamkeit ermahnen wollte und sich deßhalb auf sein Zimmer begab . Er fand den alten Mann wehmüthig , halb unwillig nachdenkend , und Therese , in deren Augen sich Spuren von Thränen zeigten , schlüpfte nach der ersten Begrüßung des Grafen hinaus . Dieser vergaß den Zweck seines Besuchs , in der Besorgniß , daß dem Freunde etwas Unangenehmes begegnet sein möchte , und suchte mit Behutsamkeit den Grund des Kummers zu erforschen , der Vater und Tochter sichtlich bewegte . Der Obrist schien verlegen , weil er die Worte nicht finden konnte , die ihm schicklich dünkten , ein Gespräch einzuleiten , welches er doch offenbar wünschte . Endlich sagte er : Scheint es Ihnen jetzt nicht auch , lieber Graf , als ob wir nun , da sich Napoleons Macht immer weiter ausdehnt , alle Hoffnung aufgeben müßten , von dem Drucke befreit zu werden ? Wenigstens für die nächste Zeit , erwiederte der Graf seufzend , glaube ich kaum , daß wir uns erfreulichen Hoffnungen überlassen dürfen . Und kann es wohl , fragte der Obrist weiter , jetzt einen wahren Genuß gewähren , Deutschland oder überhaupt die Länder Europas zu durchreisen , und überall dieselbe drückende Herrschaft des Fremden anzutreffen , überall den schnöden Uebermuth seiner Beamten zu finden , und im Grunde als den einzigen Gewinn seiner Reisen die Ueberzeugung nach Hause zu bringen , daß alle Nationen ihre Selbständigkeit verloren haben ? England müßten wir doch ausnehmen , bemerkte der Graf lächelnd . Nun ja , sagte der Obrist verdrüßlich . England ist dadurch geschützt , daß Napoleon es nicht erreichen kann . Aber glauben Sie mir , wäre nicht das Meer sein Schutz , es würde eben so wie alle Uebrigen sich der französischen Macht beugen , denn hat nicht Preußen erliegen müssen ? Sind nicht die in der Schule Friedrichs erzogenen Krieger überwunden ? Welche Nation ist also sicher , wenn er sie erreichen kann ? Der Graf wollte den Verdruß des Obristen nicht noch steigern ; er antwortete also auf diese Frage nichts , und der alte Krieger fuhr nach einem kurzen Schweigen fort : Ich wollte nur sagen , ob es nicht besser sei , für jetzt die öffentlichen Angelegenheiten so viel wie möglich aus den Augen zu lassen , weil man