wo an Höfen , wie in Berlin auf der Bühne , immer geistige Volksstücke aufgeführt werden , war sie unter den Sonntagskindern , die mehr Geister sehen als haben , ein Montagskind , das sich einen zu finden wünscht , der - sei er immer nicht geadelt - doch ein Original von der Kopie zu unterscheiden weiß sowohl am eigenen Ich als im - Bilderkabinett . Deswegen dankten viele Herren und noch mehr Damen Gott , wenn sie ihr nichts zu sagen brauchten als : Gott befohlen ! Auf diese Weise erschien sie dem Grafen seines Vaters täglich werter . Wie in einen warmen Sonnenschein des Frühlings trat er zum erstenmal in den schmeichelnden Zauberkreis der weiblichen Freundschaft , die auch hier der Liebe zwei Schwingen goß und formte aus den Wachszellen des genossenen Honigs ; es war aber bei ihm die Liebe gegen Liane , der die Freundin am leichtesten Flügel nach Italien geben konnte . Er fühlte , daß bald eine Stunde der überfließenden Achtung schlagen werde , wo er ihr den hoch ummauerten Klostergarten seiner vorigen Liebe vertrauend öffnen könnte . Denn sie machte ihm so oft Raum , ihr nahe zu sein , als es nur der enge Bezirk eines Thrones und die alles verratende hohe Lage desselben vergönnen wollten . Aber etwas störte , bewachte , bekriegte beide , eine , wie es schien , nebenbuhlerische Nachbarin . Es war die sonderbare Julienne , die immer , wenn es anging , aus ihrer Loge auf die Bühne der Fürstin trat und das Spiel verwirrte . Häufig kam sie ihm nach ; einige Male hatt ' er von ihr Einladungen bekommen , wenn gerade die der Fürstin nachfolgten , denen also jene , wie es schien , hatten zuvorkommen sollen . Was wollte sie ? - Wollte sie von einem Jüngling , den sie so oft durch ihre Männer-Verachtung und durch ihr zorniges , blitzschnelles Funkenschlagen aufgebracht , etwan Liebe , vielleicht bloß weil er ihr freundliches Anblicken immer so warm erwidert hatte gegen eine so teure - Freundin seiner Geliebten ? - Oder wollte sie von ihm nur Haß gegen die geehrte Fürstin , und zwar aus Neid und gewöhnlicher Weiberähnlichkeit mit dem Elfenbein , dessen weiße Farbe so leicht zur gelben wird und das nur durch das Erwärmen wieder die schöne bekommt ? Diese Fragen wurden mehr wiederholt als beantwortet von einem Abende , wo er und Julienne bei der Fürstin waren . Eine gute Vorlesung sollte von Goethes Tasso die Gemälde-Ausstellung geben . Schöne Kunst und nichts als Kunst war für die Fürstin die Passauer-Kunst gegen Hof- und Lebens-Wunden ; und überhaupt war ihr das Weltgebäude nur ein vollständiges Bilder und Pembrokisches Kabinett und Antikenkabinett . - Die Leserollen wurden von der Direktrice , der Fürstin , so verteilt , daß sie selber die Fürstin bekam - Julienne die vertraute Leonore Albano den Dichter Tasso - ein jungwangiger Kammerherr den Herzog - und Froulay Antonio . Dieser letztere - der Kunststücke Kunstwerken vorzuziehen wußte und die fürstliche Kammer jeder Kunstkammer - stand wider sein Herz zum Einfahren in den Musenberg fertig da , von der Fürstin mit dem Berghabit dazu angetan . So täglich mehr in die poetische Mode eingezwängt sah er freilich aus wie sonst eine Mißgeburt , die absichtlich mit angebornen Pluderhosen , Kopfputzen und dergleichen auf die Welt trat , um den modischen Weltlauf so zu verdammen wie ein kasselscher Gassenkehrer . Albano las mit äußerer und innerer Glut - nicht gegen die lesende , sondern gegen die vorgelesene Fürstin , aus Angewohnheit seines unter dem Leben fortglühenden Herzens - , und die Fürstin las die Rolle ihrer Rolle freilich sehr gut . Ihr artistisches Gefühl sagte ihr es - auch ohne Einblasen des zärtlichen - , daß in Goethes Tasso - der sich meistens zum italienischen Tasso verhält wie das himmlische Jerusalem zum befreiten - die Fürstin fast die der Fürstinnen ist ; nie ging der Musen- und Sonnengott schöner durch das Sternbild der Jungfrau als hier . Nie wurde die verschleierte Liebe glänzender entschleiert . Der Minister las den auf Tasso und Albano einzankenden Kraft-Prosaiker Antonio so gut weg wie ein reitender Trompeter die festen Noten auf seinem Ärmel ; in der Tat , er fand den Mann ganz verständig . Die Prinzessin mochte im allgemeinen poetischen Konzert ungefähr einige Viertelstunden mit der Ripienstimme mitgesprochen haben , als sie plötzlich den schönen Band von Goethes Werken , der dreimal da war , lebhaft hinwarf und mit ihrem Ungestüm sagte : » Eine dumme Rolle . Ich mag sie nicht ! « Alle Welt schwieg ; die Fürstin sah sie bedeutend an ; die Prinzessin diese noch bedeutender und ging hinaus , ohne wiederzukommen . Eine Hofdame las gelassen fort . Für die meisten Anwesenden war dieses Zwischen- eigentlich das interessanteste ; und sie dachten ihm unter dem Lesen des letztern gern weiter nach . Die Fürstin , welche längst geglaubt , jene liebe den Grafen , freuete sich über die Unbesonnenheit ihrer Gegnerin . Albano , ob ihm gleich ihr warmes Auge von jeher aufgefallen war , erklärte sich das Entweichen aus dem Unmut über die Subordination ihrer Lese-Rolle und überhaupt aus der Unverträglichkeit beider Frauen . Denn da Julienne auf eigne Kosten die Fürstin vernachlässigte und ihre Meinung wenig zudeckte : so erschien auch die der Fürstin unwillkürlich ; sobald eine Person ihren Haß entblößet , so kann die zweite schwer den ihren verstecken vor der dritten . Als Albano nach Hause kam , fand er folgendes Blatt auf seinem Tisch : » Die F- lockt dich . Sie liebt dich . Mit èclat sendet sie nächstens den M- zurück , um ihrer Tugend Relief zu geben und dir zu imponieren . Fliehe sie ! - Ich liebe dich , aber anders und ewig . Nous nous verrons un jour , mon frère . « * Wer schriebs ? - Nicht einmal über das Entree-Billet dieses Fehde-Billets konnte der Bediente Rechnung ablegen . Wer schriebs ? -