ersten Ball . Schon acht Monate lang ein erwachsenes Mädchen — da war es doch die höchste Zeit ! Martin Greffinger kam , um den Juristenball mitzumachen , aus der nicht sehr entfernten Universitätsstadt herüber . “ Er wird Dir doch ein Bouquet schenken ? ” hatten Agathes Freundinnen geraten , und Agathe zeigte ihm deshalb eine Probe ihres Kleides . Der Strauß in der Farbe der Toilette — wonnig ! “ Für all ' den Unsinn , den Du Dir anhängst , könnten drei Proletarier-Familien vier Wochen leben , ” sagte Martin verächtlich . “ Ich soll Dir wohl noch ein Bouquet — ? Wenn ich doch mal heute hier den Affen spielen soll bei Euch Gänsen ! Ja , Agathe , ich hätte nicht gedacht , daß Du auch gerade so würdest , wie die andern alle ! ” Agathe schmollte , und der Regierungsrat setzte seinen Neffen über die ungehörige Ausdrucksweise zur Rede . Agathe wurde für ihre Empfindlichkeit hart gestraft . Denn es entstand infolge dessen zwischen ihrem Vater und Martin ein Streit , der , bei Kaffee und Kuchen begonnen , die gemütliche Vorfeier vergällte und sich bei unzähligen Cigarren bis zum Abend fortspann . Martins Vorliebe für Herweghs Gedichte wurde strenge getadelt . Agathe hörte , während sie ab und zu ging , um ihre Ball-Vorbereitungen zu treffen , die zornigen Ausrufe : “ Wie kann man mit solchen Ansichten in den Staatsdienst treten wollen . . . . . . . ? — Das Leiden von Millionen — . Die kapitalistische Wirtschaft — ! Reiner Sozialismus — flaches Phrasentum — . Verknöcherte Gewohnheitsmenschen — verrottete Bourgeoisie . . . . ” Martins Augen bekamen einen wilden , fürchterlichen Ausdruck , und die höhnischen Falten , die jetzt immer um seine trotzig aufgeworfenen und noch fast bartlosen Lippen lagen , verstärkten sich zur Grimasse . Der Regierungsrat ging in der Stube auf und nieder , wie er es zu thun pflegte , wenn er in sehr schlechter Laune war . Mama — die schon den ganzen Tag ihre Neuralgie fürchtete — sie hatte so viel herumlaufen müssen und das bekam ihr immer schlecht , aber Agathe konnte doch noch nicht selbst für ihren Anzug sorgen — die arme Mama mußte sich wirklich in der Nebenstube aufs Sopha legen . Dazwischen kam die Friseurin — natürlich viel später , als man sie erwartet hatte — es war ein Jagen und Hetzen , bis man nur fertig wurde , und alles roch nach Hoffmannstropfen und Baldrianthee , Mittel , welche die Regierungsrätin nahm , um sich zu beleben . Die Männer waren kaum auseinander zu bringen . Agathe sollte sich vor dem großen Spiegel im Salon ankleiden . Ach , wie das alles ungemütlich und schrecklich war ! Als sie ihre Toilette beendet hatte , mußte sie sich wie auf einer Drehscheibe langsam vor der versammelten Familie und den Dienstboten herumdrehen . Der Kronleuchter war dazu angezündet worden . Bei den schmeichelhaften Bemerkungen ihres Vaters , der alten Küchendorte Begeisterungsgebrumm , dem aufgeregten Entzücken des kleinen Hausmädchens und dem stillen Triumph auf ihrer Mutter leidendem Gesicht , erfaßte sie eine beklemmende Freude . Sie war sich so fremd dort im Spiegel ; in den duftigen weißen Rüschen und Volants , von den langen Rosenranken gleichsam umsponnen , mit dem aufgetürmten , gekräuselten Haar kam sie sich beinahe vor wie eine Schönheit ! Wenn sie nun aus all den hundert Mädchen auf dem Juristenball für die Königin erklärt wurde ? — Mama brachte ihr ein Glas Rotwein , weil sie plötzlich so blaß aussah . Einen Wagen hatte man nicht nehmen wollen , der Weg war ja gar nicht weit . Agathe fand es recht erbärmlich , in großen Überschuhen und mit hochgesteckten Röcken , zu einem wahren Ungeheuer vermummt , durch Regen und Schnee zu patschen , und noch dazu in Martins Gegenwart . Sie sah neidisch nach jeder Karosse , die an ihnen vorüberdonnerte . Beinahe wäre der Streit über Martins Weltanschauung zwischen Onkel und Neffen unterwegs noch einmal ausgebrochen , dann schritten sie in finsterem Schweigen , der eine voraus , der andere hinterdrein . Agathe würgte an ihren Thränen . Über den Leiden der Millionen hatte Martin ihr Ballbouquet vergessen . Da standen die jungen Mädchen in langen Reihen und in kleinen Gruppen — wie ein riesenhaftes Beet zartabgetönter Frühlingshyacinthen — rosenrot , bläulich , maisgelb , weiß , hellgrün . Die Hände über dem Fächer gekreuzt , die Ellbogen der entblößten , fröstelnden Arme eng an die Hüften gedrückt , vorsichtig miteinander flüsternd und die blumengeschmückten , blonden und braunen Köpfe zu schüchternem Gruße neigend . Nur einige , die schon länger die Bälle besuchten , wagten zu lächeln , aber die meisten brachten es nur zu einem Ausdruck von Spannung . Getrennt von dem duftigen , regenbogenfarbigen Kleidergewölk , den weißen , nackten , ängstlichen Schultern — getrennt durch einen weiten leeren Raum , der hoch oben mit einer reichverzierten Stuckdecke , nach unten mit einem spiegelglatten Parkett abgeschlossen wurde — eine Mauer von schwarzen Fräcken und weißen Vorhemden , die so hart und blank erglänzten wie das Parkett , und regelrecht gescheiteltes , kurzgeschnittenes Haar , sorgsam gedrehte kleine Schnurrbärtchen . Auf der männlichen Seite trat hauptsächlich das Bemühen , die weißen Handschuhe überzustreifen , hervor und außerdem wie drüben ein halblautes Flüstern , ein steifes Verbeugen , ein ernstes Händeschütteln . Von der schwarzen Phalanx sonderte sich ein kleiner Kreis blitzender Epauletten und Uniformen ab . Hier wurde lauter geschwatzt , die Kameraden musterten den Saal mit spöttischem Siegerblick und wagten sich leichten , tanzenden Schrittes über den fürchterlichen leeren Raum zu dem Hyacinthenbeet , durch welches dann jedesmal ein leises Zittern und Bewegen lief . Zu zweien und dreien lösten sich nun auch die schwarzen Gestalten aus der Menge und tauchten nach Tänzerinnen zwischen die lichten bunten Kleiderwolken . Vom Rande des Saales aber starrten und starrten viele Mutteraugen zu den sich in Schlachtreihen gegenüberstehenden Heerscharen , und