, denn sie erblickte dieselbe Gestalt , die eben noch so deutlich vor ihrem inneren Auge gestanden hatte . Dort aus der Glasthür , die auf die Terrasse führte , trat Frau von Maiendorf mit mehreren Herren , Major Hartmut , Max Raimar und – der Fremde vom Waldfriedhofe ! Max eilte schleunigst zu der jungen Dame , um sie zu begrüßen , und pries dabei sehr wortreich den » Zufall « , der ihn gerade jetzt nach Heilsberg geführt habe . Der Major erneuerte die Bekanntschaft vom Burgberge , und jetzt näherte sich auch Wilma mit dem Fremden und sagte unbefangen : » Sie kennen meine Cousine ja noch nicht . Liebe Edith , erlaube – Herr Notar Raimar aus Heilsberg – Fräulein Marlow . « Ernst Raimar war wohl der einzige , der es sah , daß die junge Dame für einen Moment die Fassung verlor , als sein Name genannt wurde . Er verneigte sich artig , aber völlig fremd . » Mein gnädiges Fräulein , gestatten Sie mir , den Dank auszusprechen für die gütige Aufnahme , die mein Bruder in Ihrem Hause gefunden hat . Er hat mir viel davon erzählt . « » Ja , sehr viel ! « bestätigte Max eifrig . » Ernst weiß , wie hoch ich das Glück schätze , Ihrem Kreise angehören zu dürfen , gnädiges Fräulein , « Edith hatte sich bereits wieder gefaßt und erwiderte einige gleichgültige Worte , aber dabei traf ein Zornesblick den Mann , der es gewagt hatte , so mit ihr zu spielen . Er lächelte fast unmerklich , er wußte ja so genau wie sie jedes Wort , das über den » verknöcherten Hagestolz « gefallen war . Das Gespräch wurde jetzt allgemein . Herr Notar Treumann war nicht mitgekommen und ließ sich bedauernd entschuldigen . Es wurde irgendwo in der Nähe irgend etwas ausgegraben , und da mußte er natürlich dabei sein . Der Major neckte sich wieder mit der kleinen Lisbeth , die ihm jubelnd entgegengelaufen war und ihm kaum von der Seite ging . Das Kind zeigte , ganz im Gegensatz zu der Scheu , die es noch immer vor der schönen Tante Edith hegte , seinem Retter die vollste Zutraulichkeit . Max , der jetzt ganz in seinem Elemente war , spielte den Liebenswürdigen , und auch sein Bruder zeigte sich lebhafter als sonst , aber kein Wort , kein Blick erinnerte daran , daß er Edith Marlow bereits früher gesehen hatte , er bewahrte ihr gegenüber die völlige Fremdheit . Inzwischen war im Gartensaal der Theetisch gedeckt worden , und Frau von Maiendorf bat ihre Gäste , einzutreten . Hartmut und Max folgten ihr , und Ernst war im Begriff , das gleiche zu thun , als ein halblauter Ruf ihn zurückhielt . » Herr Raimar ! « Er wandte sich um . » Sie befehlen , gnädiges Fräulein ? « » Auf einen Augenblick – ich bitte ! « Raimar blieb stehen und blickte fragend auf die junge Dame , deren Züge einen Ausdruck unverkennbarer Gereiztheit trugen , und dieselbe Gereiztheit verriet sich in ihrem Tone , obgleich sie gedämpft sprach . » Sie scheinen vergessen zu haben , daß wir uns nicht ganz fremd sind . « Ernst verneigte sich leicht . » Ich glaubte damit Ihren Wünschen entgegenzukommen , und ich wußte ja auch nicht , ob Sie sich jener Begegnung überhaupt noch erinnerten . « Das Spottlächeln , das dabei um seine Lippen spielte , ärgerte die junge Dame unbeschreiblich . Als ob sich eine derartige Zurechtweisung vergessen oder verzeihen ließe ! Und mitten in ihrem Aerger sah sie es doch , wie sehr das Gesicht dieses Mannes gewann , wenn er lächelte . » Sie ließen mich damals absichtlich im Irrtum über Ihre Persönlichkeit , « sagte sie mit voller Schärfe , » obgleich Sie wußten , daß dies Inkognito sich schon in den nächsten Tagen lüften würde . Ich weiß in der That nicht , wie ich ein derartiges Spiel nennen soll – « » Bitte , mein Fräulein , « unterbrach sie Raimar ruhig , aber mit Nachdruck . » Ich habe mir sicher nie erlaubt , mit Ihnen zu spielen , denn ich hatte weder jenes Gespräch angeregt , noch konnte ich voraussehen , welche Wendung es nehmen würde . Daß ich mich nicht noch nachträglich vorstellte , als Sie die Güte hatten , meiner Persönlichkeit zu erwähnen , ist wohl verzeihlich . Ich wollte uns beiden eine gewisse – Verlegenheit ersparen . « » Uns beiden ! « Edith biß sich auf die Lippen , sie wußte es , auf wessen Seite hier die Verlegenheit war , aber sie bemeisterte rasch die ungewohnte Empfindung und parierte den Hieb . » Ich sprach von einem Unbekannten ! « » Den Ihnen mein Bruder so liebevoll geschildert hatte ! Ich weiß , aber ich bin nicht so kühn , zu glauben , daß die persönliche Bekanntschaft Ihr Urteil geändert hat . Ich beuge mich ganz Ihrem damaligen Spruche und – der Menschenkenntnis meines Bruders . « Der schonungslose Spott raubte der jungen Dame völlig die vornehme kühle Haltung , die sie auch diesmal angenommen hatte . Dieser Notar von Heilsberg ließ sich nun einmal nicht von oben herab behandeln , sondern verkehrte mit ihr auf dem Fuße völliger Gleichheit , und dabei benahm er sich bei dem Wortgefecht , als komme er direkt aus den Berliner Salons . Dieser Kleinstädter behandelte sie , die Weltdame , mit einer ironischen Ueberlegenheit , die geradezu unerträglich war , und sie war auch nicht gesonnen , das zu ertragen . Sie griff jetzt auch ihrerseits zum Spott . » Ihr Bruder scheint Sie allerdings sehr wenig zu kennen , « bemerkte sie , » Vielleicht beurteile ich Sie richtiger , Herr Raimar , und jedenfalls bewundere ich Ihr Heimatsgefühl , das Sie an einen so idyllischen Ort wie dies Heilsberg kettet . « » Heilsberg ist nicht meine Heimat . Ich sagte Ihnen