Ihr Bruder ist also nicht anwesend ? “ fragte die Dame . „ Nein . Er verweigerte es , mich zu begleiten , ich begreife das nicht , da ich seine Begeisterung für die Musik und speciell für den Gesang der Biancona kenne . Mir soll ja heute zum ersten Male diese Sonne des Südens aufgehen , deren Strahlen bereits ganz H. blenden . “ Der Consul drohte ihm scherzend mit dem Finger . „ Spotten Sie nicht , Herr Capitain , und wahren Sie lieber Ihr eigenes Herz vor diesen Strahlen ! Euch , Ihr jungen Herren , ist dergleichen am gefährlichsten . Sie wären nicht der Erste , der dem Zauber dieser Augen erliegt . “ Der junge Seemann lachte übermüthig . „ Und wer sagt Ihnen denn , Herr Consul , daß ich ein solches Schicksal fürchte ? Ich unterliege in solchen Fällen immer mit dem größten Vergnügen und dem tröstlichen Bewußtsein , daß der Zauber nur dem gefährlich wird , der ihn flieht . Wer Stand hält , pflegt gewöhnlich sehr bald entzaubert zu werden , oft viel früher , als ihm lieb ist . “ „ Es scheint , Sie haben bereits viel Erfahrung in solchen Dingen , “ bemerkte Frau Erlau mit leisem Vorwurfe . „ Mein Gott , gnädige Frau , wenn man so jahraus , jahrein von Land zu Land fliegt und nirgends Wurzel faßt , nirgends daheim ist , als auf der wogenden , ewig bewegten See , da lernt man den ewigen Wechsel als etwas Unabänderliches hinzunehmen und ihn schließlich lieben . Ich stelle mich Ihrer vollsten Ungnade zur Verfügung mit diesem Geständniß , aber ich muß Sie wirklich bitten , mich als einen Wilden zu betrachten , der in den tropischen Meeren und Ländern längst verlernt hat , den Anforderungen norddeutscher Civilisation zu genügen . “ Die Art , wie der junge Capitain sich dabei verbeugte und die Hand der Dame küßte , verrieth gleichwohl eine ganz hinreichende Vertrautheit mit diesen Anforderungen , und Doctor Welding bemerkte trocken zu dem Consul gewandt : „ Die tropische Uncivilisirtheit dieses Herrn wird sich in unseren Salons gerade nicht allzu schlimm ausnehmen . Der Held unserer vielgenannten Hansa-Affaire ist also wirklich [ WS 1 ] der Bruder des jungen Almbach , dem Signora Biancona soeben drinnen im Versammlungszimmer eine Audienz ertheilt ? “ „ Wem ? Reinhold Almbach ? “ fragte Erlau überrascht . „ Sie hören ja , daß er sich nicht hier befindet . “ „ Nach der Ansicht des Herrn Capitains allerdings nicht , “ sagte Welding ruhig . „ Nach der meinigen ganz entschieden . Bitte , erwähnen Sie nichts davon ! Das heutige Concert scheint bestimmt zu sein , uns irgend eine Ueberraschung zu bringen ; ich habe einen gewissen Verdacht , und es wird sich ja zeigen , ob er gegründet ist oder nicht . Signora liebt die Theatereffecte auch außerhalb der Bühne ; Alles muß unerwartet , blitzähnlich , überstürzend sein . Eine prosaische Ankündigung würde Alles verderben . Der Capellmeister ist jedenfalls mit im Complot , war aber nicht zum Reden zu bringen . Wir wollen es abwarten . “ Er schwieg , denn jetzt trat Hugo , der bisher mit den Damen gesprochen hatte , zu ihnen , und gleich darauf nahm das Concert seinen Anfang . Der erste Theil und die Hälfte des zweiten gingen programmmäßig unter mehr oder weniger lebhafter Theilnahme der Zuhörer vorüber . Erst gegen den Schluß hin erschien Signora Biancona , deren Leistung trotz Allem , was man bisher gehört , doch nun einmal den Glanzpunkt des Abends bildete . Das Publicum empfing und begrüßte seinen Liebling , dessen blasses Aussehen heute entzückender war als je , mit einem lauten Applaus . Beatrice war aber auch in der That blendend schön , als sie so dastand , im strahlenden Glanze des Kronleuchters , in dem blumenbestreuten duftigen Florgewande , mit den Rosen im dunklen Haare . Sie dankte lächelnd nach allen Seiten , und nachdem der Capellmeister , der diesmal selbst die Begleitung übernahm , sich am Flügel niedergelassen hatte , begann der Vortrag . Es war eine jener großen italienischen Bravour-Arien , die in jedem Concert , wie auf jeder Bühne ihres Erfolges sicher sind und den Beifall des Publicums herausfordern , ohne gleichwohl höheren Ansprüchen zu genügen . Eine Menge glänzender Passagen und Effecte mußten hier die Tiefe ersetzen , die der Composition durchaus abging , aber sie bot der Italienerin die vollste Gelegenheit zur Entfaltung ihrer herrlichen Stimme . All diese Läufe und Triller perlten so glockenrein von ihren Lippen , nahmen so schmeichelnd Ohr und Sinn der Zuhörer gefangen , daß jede Kritik , jeder ernstere Anspruch unterging in der reinen Lust des Hörens . Es war ein reizendes Spiel mit den Tönen , freilich nur ein Spiel , nichts weiter , aber es wirkte , im Verein mit der vollendeten Sicherheit und Anmuth des Vortrags , zündend auf das Publicum , das die Sängerin reichlicher als je mit dem gewohnten Beifall überschüttete und stürmisch die Arie da capo verlangte . Signora Biancona schien auch gewillt , diesem Wunsche nachzugeben , denn sie trat von Neuem vor , aber zugleich verließ der Capellmeister den Flügel , und ein junger Mann , den bisher Niemand unter den mitwirkenden Künstlern bemerkt hatte , nahm seinen Platz ein . Verwundert schauten die Zuhörer , überrascht der Consul und dessen Gattin zu ihm hinüber ; selbst Hugo sah im ersten Augenblicke fast erschreckt auf den Bruder , dessen Hiersein er nicht vermuthet hatte , aber er begann den Zusammenhang zu ahnen . Nur Doctor Welding sagte ruhig und ohne das mindeste Erstaunen : „ Dachte ich es doch ! “ Reinhold sah bleich aus , und seine Hände bebten auf den Tasten ; aber Beatrice stand an seiner Seite – ein leise geflüstertes Wort aus ihrem Munde , ein Blick aus ihrem Auge gab ihm den verlorenen Muth zurück . Er begann fest und ruhig die ersten Accorde