gezankt , “ sagte Gabriele naiv . „ Onkel Arno hat das sicher nie gethan , aber er hat sich auch nie um seine Frau gekümmert . Und er kümmert sich doch sonst um alles Mögliche , sogar um meine frühere Erziehung . Es war sehr unartig von ihm , neulich in Deiner Gegenwart zu sagen , er finde meine Bildung sehr lückenhaft und vernachlässigt , und man sähe es auf den ersten Blick , daß ich stets nur den Nonnen und Gouvernanten überlassen worden sei . “ „ Ich bin leider an solche Rücksichtslosigkeiten von seiner Seite gewöhnnt , “ erklärte die Baronin mit einem Seufzer , der sie aber durchaus nicht hinderte , das Modell einer Robe sehr genau zu betrachten . „ Daß ich sie ertrage , ist ein Opfer , das ich einzig und allein Deiner Zukunft bringe , mein Kind . “ Die Tochter schien nicht besonders gerührt von dieser mütterlichen Fürsorge . „ Wie ein kleines Schulmädchen bin ich examinirt worden , “ schmollte sie weiter . „ Er hat mich mit seinen Kreuz- und Querfragen so in die Enge getrieben , daß ich nicht mehr aus noch ein wußte , und dann zuckte er die Achseln und decretirte mir noch alle möglichen Unterrichtsstunden . Mit siebenzehn Jahren noch Unterricht nehmen ! Er will mir Lehrer aus der Stadt kommen lassen , aber ich werde ihm gerade heraus erklären , daß das ganz und gar nicht nothwendig ist . “ Die Mutter sah erschrocken von ihren Modejournalen auf . „ Um des Himmels willen , laß das bleiben ! Du stehst ja schon in fortwährender Opposition gegen Deinen Vormund , und ich schwebe oft genug in Todesangst , daß Dein Eigensinn und Uebermuth ihn endlich einmal reizen wird . Bis jetzt hat er Dein Benehmen freilich mit einer mir unbegreiflichen Geduld hingenommen , er , der sonst nie einen Widerspruch duldet . “ „ Ich sähe es weit lieber , wenn er einmal zornig würde , “ rief Gabriele in gereiztem Tone . „ Ich ertrage es nicht , wenn er so von seiner Höhe auf mich herablächelt , als wäre ich ein viel zu unbedeutendes Kind , um ihn reizen oder ärgern zu können , und er lächelt immer , wenn ich das versuche . Und wenn er mir vollends die Gnade erweist , mich auf die Stirn zu küssen , möchte ich am liebsten davonlaufen . “ „ Gabriele , ich bitte Dich – “ „ Ja , Mama , ich kann mir nicht helfen . So oft ich in Onkel Arno ’ s Nähe komme , ist es mir , als müsse ich mich wehren , mit allen Kräften wehren , gegen irgend etwas , das von ihm ausgeht . Ich weiß nicht , was es ist , aber es peinigt und quält mich . Ich kann mit ihm nicht verkehren wie mit anderen Menschen , und – ich will es auch nicht . “ Es klang ein ganz entschiedener Trotz aus den letzten Worten der jungen Dame ; sie nahm Hut und Sonnenschirm vom Tische und machte sich zum Gehen fertig . „ Wo willst Du denn hin ? “ fragte die Mutter . „ Nur auf eine halbe Stunde in den Garten ; es ist zu heiß in den Zimmern . “ Die Baronin protestirte und wollte vor allen Dingen die Toilettenfrage entschieden wissen , aber Gabriele schien heute alles Interesse daran verloren zu haben und war überhaupt viel zu sehr gewohnt , ihren Launen zu folgen , um den Einwand zu beachten . In der nächsten Minnte eilte sie davon . – Der Garten lag an der Rückseite des Schlosses , dessen Mauern ihn auf der einen Seite begrenzten , während er sich auf der anderen bis an den Rand des hier steil abfallenden Schloßberges erstreckte . Die hohe Befestigungsmauer , welche ihn einst auch nach dieser Richtung hin abschloß , war niedergelegt worden , und über diese niedrige Brüstung , die ein dichtes Epheugeflecht umzogen hielt , schweifte der Blick ungehindert in ’ s Freie . Das Thal that sich dort in seiner ganzen Weite auf und entfaltete , von hier aus gesehen , seine eigenthümlich malerischen Reize ; der Schloßberg war weithin berühmt wegen dieser Aussicht . Der Garten selbst verrieth noch überall den ehemaligen Burggarten . Etwas eng , etwas düster und sehr beschränkt im Raume , hatte er weder viel Sonnenschein , noch viel Blumenpracht , besaß aber dafür einen anderen selteneren Reiz : herrliche , uralte Linden beschatteten ihn und wehrten jeden Einblick , selbst vom Schlosse aus . Sie sahen ernst nieder auf die jüngere Generation , die , aus den ehemaligen Wällen und Befestigungen aufgewachsen , mit ihren schlanken Stämmen und ihrem frischen Grün den Schloßberg schmückte . Jene alten Baumriesen freilich wurzelten schon länger als ein Jahrhundert in diesem Boden ; die riesigen Stämme [ 194 ] hatten schon manchen Sturm ausgehalten , und die mächtigen Aeste der Kronen flochten sich in einander zu einem einzigen , dichten Laubdache , das nur selten einen Sonnenstrahl hindurch ließ . Es breitete tiefen , kühlen Schatten über den ganzen Raum , dem die Blumen fast vollständig fehlten . Nur einzelne Gebüschgruppen erhoben sich auf dem grünen Rasen , und inmitten desselben rauschte ein Brunnen . Es war eine Fontaine im Geschmacke des vorigen Jahrhunderts , mit alten , halbverwitterten Steinfiguren , die in seltsam phantastischer Auffassung Nixen und Wassergeister darstellten . Dunkles , feuchtes Moos bedeckte die steinernen Häupter und Arme , die eine Muschelschale stützten , aus welcher der Wasserstrahl emporstieg , um dann in tausend einzelnen Strahlen und Tropfen in das mächtige Bassin niederzurieseln . Auch hier überwucherte eine dichte , grüne Moosdecke das graue Gestein und gab dem sonst so krystallhellen Wasser eine eigenthümlich dunkle Färbung . Der „ Nixenbrunnen “ , wie er nach den Steingruppen hieß , die ihn schmückten , stammte aus der frühesten Zeit des Schlosses und spielte noch jetzt eine gewisse Rolle in der