bewegte den Fächer langsam auf und nieder , und ließ nur sehr selten eine Bemerkung laut werden , sie hatte das Möglichste durch ihr Erscheinen hier gethan , und die Gesellschaft konnte und mußte es sich an dieser Ehre genug sein lassen . „ Aber , bester Brankow “ – der Graf hielt den Baron , der an ihm vorüber wollte , auf einen Moment lang fest – „ sagen Sie mir nur , was ist das heute mit Ihren Gästen ? Das ist eine Unruhe , eine Zerstreutheit überall ! Erwartet man Jemand , oder haben Sie uns irgend eine Ueberraschung aufbehalten ? “ Der Baron lächelte etwas gezwungen . „ Beides vielleicht ! Aber dieser Herr Günther scheint den Vornehmen spielen zu wollen , er läßt sich lange erwarten ! “ Der Graf fuhr auf , als habe er unversehens einen Schlag erhalten . „ Wer ? “ „ Nun , unser Nachbar von Dobra ! Sie wissen doch , daß er eingeladen ist ? “ Graf Rhaneck trat einen Schritt zurück und sah den Baron von oben bis unten an . Die verbindliche Artigkeit in seinem Gesichte machte einem wahrhaft eisigen Ausdruck Platz . „ Man muß gestehen , Brankow , Sie muthen Ihren Gästen sehr viel zu ! “ sagte er kalt . „ Aber mein Gott ! “ rief der Baron befremdet , „ sind Sie denn davon nicht unterrichtet ? Die Einladung geschah ja doch auf speziellen Wunsch des hochwürdigsten Herrn Prälaten . “ „ Meines Bruders ? “ In der Stimme des Grafen mischten sich Unglaube und Zorn miteinander . „ Gewiß ! Ich meinerseits hätte sicher nicht die Initiative in einer so delicaten Angelegenheit ergriffen ; aber der Herr Prälat schien so großen Werth auf die Erfüllung seines Wunsches zu legen , machte sie so zu sagen zur Bedingung seines Erscheinens , daß ich nicht umhin konnte , diesen , ich gestehe es , mir sehr unangenehmen Schritt zu thun . “ Der Graf stand starr wie eine Bildsäule ; als eben in diesem Augenblicke Brankow von anderer Seile her angesprochen ward , drehte er sich kurz um , ging auf seinen Bruder zu und zog ihn hastig mit sich in eine Fensternische . „ Weißt Du , daß man diesen Günther von Dobra heute hier erwartet ? “ „ Allerdings ! “ Die Antwort des Prälaten klang sehr bestimmt , er hatte den Sturm kommen sehen . „ Und ist es wahr , was Brankow behauptet , daß die Einladung auf Deine Veranlassung , auf Deinen speciellen Wunsch geschehen ist ? “ „ Auch das ist wahr . “ „ Nun , das begreife ein Anderer , mir fehlt jedes Verständniß dafür ! “ rief der Graf empört und schlug leise , aber heftig mit seinem Fuße den Boden , daß die Sporen klirrten . Der Prälat zuckte leicht die Achseln . „ Du weißt , daß ich meine Gründe habe , den Mann kennen zu lernen . Ich muß ihn Auge im Auge sehen , muß ein Urtheil über seine Persönlichkeit haben , um zu wissen , was von ihm zu erwarten ist . Mir in meiner Stellung war jede Annäherung unmöglich ; ich konnte ihm nur auf neutralem Boden begegnen , also mußte sich Brankow dazu hergeben . “ „ Du ordnest wie gewöhnlich Deinen ‚ höheren Gründen ‘ alle und jede Rücksicht unter “ , sagte der Graf bitter , „ und scheinst ganz zu vergessen , daß Du dem Menschen mit dieser Einladung den Weg in unsere Kreise bahnst , die ihm bisher verschlossen waren , daß Du der ganzen Nachbarschaft ein höchst gefährliches Beispiel , ein unbegreifliches Aergerniß giebst . “ Ein kaum bemerkbares Spottlächeln spielte um die Lippen des Prälaten , während sein Blick die Gesellschaft überflog . [ 53 ] „ Meinst Du ? “ entgegnete der Prälat seinem Bruder . „ Ich fürchte das Gegentheil . Man brennt vor Neugierde , diesen neuen Herrn von Dobra kennen zu lernen , und da man sich sehr bequem mit meiner Verantwortung decken kann , so glaube ich eher , auf die allgemeine Dankbarkeit rechnen zu dürfen . “ „ Wie es Dir beliebt ! “ erklärte der Graf kalt . „ Zum Mindesten wirst Du es begreiflich finden , wenn ich und die Meinigen diesem – Herrn möglichst fern bleiben . Ich liebe nicht die Berührung mit Emporkömmlingen solcher Art. “ „ Hattest Du immer eine so entschiedene Antipathie gegen das Bürgerthum ? “ fragte der Prälat leise und hohnvoll . Rhaneck wollte auffahren . „ Bruder ! “ „ Ruhig , Ottfried ! Du vergißt , daß wir nicht allein sind und daß alle Welt uns beobachtet . Ich kann die Widersprüche in Deinem Charakter nicht leiden , sonst hätte ich Dir die Erinnerung erspart . – Uebrigens habe ich Dir Benedict mitgebracht . Sprachst Du ihn schon ? “ Der Prälat hatte das rechte Beruhigungsmittel ergriffen . Die Züge des Grafen wurden sofort sanfter , als er den Genannten erblickte , der in einiger Entfernung von ihnen stand . Ueberdies machte das Hervortreten des jungen Grafen dem Gespräch jetzt ein Ende ; der Prälat wandte sich zu seinem Neffen . „ Nun , wie findest Du Dich in unsere Bergeseinsamkeit nach Deinem Residenzleben ? “ fragte er halb scherzend . Auf dem Gesichte Ottfried ’ s stand deutlich geschrieben , daß ihm Eins so langweilig erschien wie das Andere ; indessen dem Oheim gegenüber wagte er doch nicht , seine ganze Blasirtheit zur Schau zu tragen . „ Nun , es ist immerhin eine Abwechslung ! Allerdings haben mich die Berge nicht sehr freundlich empfangen bei dem ersten Besuch , den ich ihnen gestern abstatten wollte . Ich ritt über die untere Brücke , von wo der Paß hinein in ’ s Gebirge führt , da scheut mein Pferd plötzlich , ohne irgend eine äußere Veranlassung , und ist nicht zu bewegen , auch nur einen Schritt vorwärts zu thun . Als ich