mit tiefem Ernste . » Nun , dann ist eben alles zu Ende , und ein Ende muß es doch einmal nehmen , so oder so . Sie wissen es freilich nicht , Herr Siegbert , wie das tut , ausgestoßen zu sein von seinesgleichen , verfemt zu sein auf Tritt und Schritt . Ich hab ' das gekostet ! Damit kann man einen Menschen zum Ärgsten bringen , und mich haben sie so weit gebracht . Zwei Jahre lang hab ' ich ' s ausgehalten , jetzt ist ' s genug . Und wenn da oben die leibhaftige Hölle wäre – ich ging ' doch hinauf ! « Es sprach eine wilde , verzweifelte Entschlossenheit aus diesen Worten , die vor nichts mehr zurückschreckt . Der Mann war augenscheinlich auf das Äußerste gebracht und auf das Äußerste gefaßt . Siegbert sah , daß hier jeder Einspruch vergebens sein würde und schwieg . Sein Blick suchte die Egidienwand , die dort drüben in ihrer ganzen mächtigen Größe emporstieg , voll und glühend beleuchtet von den letzten Strahlen der sinkenden Sonne . Die riesigen Schroffen standen wie geisterhaft belebt da in dem roten Lichte , und klar und deutlich erkennbar gegen den flammenden Abendhimmel erhob sich das Kreuz auf seiner felsigen Höhe , hinter der die Sonne jetzt langsam verschwand . Die Glut erlosch , schwere , kalte Schatten legten sich auf die Berge , und schwer und kalt legte sich auch Adrians Hand auf die des jungen Malers , der neben ihm stand . » Leben Sie wohl , Herr Siegbert ! « sagte er mit einem tiefen Atemzuge . » In drei Tagen bring ' ich den Adler oder – Sie müssen mich selbst suchen – da drunten in der Egidienschlucht ! « Zehntes Kapitel . In den schattigen Waldanlagen , die sich hinter dem Hotel ausdehnten , saß Herr Bürgermeister Eggert , umgeben von seiner ganzen Familie . Auch die Musen von Wiesenheim waren in diesem Kreise vertreten , und zwar in Gestalt des » Tagesboten « , der regelmäßig nachgesandt wurde . Der Bürgermeister mußte selbstverständlich genau darüber unterrichtet sein , was in seiner verwaisten Stadt vorging , die nun schon drei volle Wochen ihr Oberhaupt entbehrte und noch auf weitere acht Tage zu dieser Entbehrung verurteilt war . Er hatte soeben mit Genugtuung davon Kenntnis genommen , daß der alte Marktbrunnen , den man einer Reparatur unterworfen , sich wieder in Tätigkeit befand , daß der Hund , der dem Herrn Kreisrichter entlaufen war , sich wieder eingefunden hatte , und daß der Dieb des dem Gemeindeboten entwendeten Huhns entdeckt und gebührendermaßen in das neue Stadtgefängnis abgeliefert morden war . Nach all diesen erfreulichen Tatsachen , die aber doch mehr das praktische Leben berührten , kamen auch die Musen an die Reihe , die diesmal besonders stark am » Tagesboten « beteiligt waren . Eggert las soeben ein längeres Gedicht vor , das den geheimnisvollen Titel » An Sie « führte und aus der Feder des gegenwärtigen Redakteurs und künftigen Heroen der Dichtkunst stammte , der Sonntags im bürgermeisterlichen Hause zu Mittag aß . Wahrscheinlich hatte die jetzige Unterbrechung dieser freundlichen Gewohnheit die Stimmung des jungen Dichters beeinflußt , denn das Gedicht war ungemein schmerzvoll und wehmutserfüllt und machte auch einen entsprechenden Eindruck . Die Stimme des Lesenden bebte wiederholt vor Rührung , die Frau Bürgermeisterin sah mit gefalteten Händen und feuchten Augen da , und Fränzchen sah ganz elegisch verklärt aus . Nur Siegbert verriet eine sträfliche Gleichgültigkeit und ließ nicht das mindeste Zeichen von Rührung blicken . » Ja , er ist wirklich ein Genie , unser Ellbach ! « sagte der Bürgermeister , indem er das Blatt niederlegte . » Wir werden noch etwas Großes an diesem jungen Manne erleben ! Er hat mir selbst beim Ab- schiede diese Überzeugung ausgesprochen , und ich bin ganz seiner Meinung ! « » Wenn der Arme nur nicht diese unglückliche Liebe so tief im Herzen trüge ! « sagte Frau Eggert mitleidig . » Wie oft hat der » Tagesbote « nun schon seinen Liebeskummer gebracht und ist noch immer nicht damit fertig . Es muß eine Bekanntschaft aus der Residenz sein , wo er früher lebte , denn in Wiesenheim wüßte ich doch niemand , der der Gegenstand solcher Gefühle sein könnte . Was meinst du , Fränzchen ? « Fränzchen meinte gegen ihre sonstige Gewohnheit gar nichts , sie beugte den Kopf auf ihre Handarbeit nieder , so tief , daß die Mutter nicht sehen konnte , wie feuerrot ihr Gesicht war . Zum Glück überhob der Vater sie der Antwort , indem er wieder das Wort nahm : » Ich werde ihn einmal auf das Gewissen fragen . Das ist ja ein wahrhaft erschütternder Schmerz , den er heute wieder ausströmt . Hört nur diese Stelle : Tag für Tag mit heißen Tränen – mit verzweiflungsvollem Grämen – denk ich dein ! « » Das ist aber kein Reim , « warf Siegbert ein . » Tränen und Grämen paßt nicht . « » Mein lieber Siegbert , diese nüchterne Bemerkung hättest du dir ersparen können , « sagte der Bürgermeister in hohem Tone . » Was liegt an dem Vers , wenn der Inhalt nur schön und rührend ist . Rührung ist die Hauptsache in der Poesie , in der Kunst überhaupt . Du solltest das gleichfalls beherzigen und mehr Rührung in deine Bilder bringen , aber freilich , das will empfunden sein , und du sitzest niemals mit heißen Tränen an deiner Staffelei , wie dieser arme Mann in seinem Redaktionszimmer . « » Siegbert sucht förmlich etwas darin , Herrn Ellbach herabzusetzen , « ließ sich jetzt Fränzchen mit kaum unterdrückter Heftigkeit vernehmen . » Er will sich dafür rächen , daß der » Tagesbote « sein letztes Bild weder erwähnt noch besprochen hat . « Siegbert zuckte die Achseln . » Da bist du im Irrtum , Fränzchen . Ich versichere dir , es ist mir sehr gleichgültig