steht es so schlimm mit meiner Mutter ? « Ich besann mich einen Augenblick . » Es ist eben eine ernste Krankheit « , entgegnete ich ; » aber was Sie in meinem Antlitz etwa gelesen haben , war nur ein Widerschein aus der eigenen Vergangenheit . « Sie schien verwirrt zu werden . » Verzeihen Sie mir « , sagte sie , und ein flüchtiger Blick ihrer Augen traf in die meinen , » daß ich aufs neue daran gerührt habe ; man denkt bei dem Arzt nur zu selten daran , daß er auch selber leiden könne . « Mir war , als flösse aus diesen einfachen Worten ein Strom von Mitleid zu mir herüber , so warm war ihre Stimme . Ich ging , unter dem Versprechen , mich am andern Vormittag zeitig wieder einzustellen ; halb in erneutem Weh , doch auch , als hauche mir ein milder West ins Antlitz . Nicht ohne Scheu holte ich , zu Hause angekommen , das erwähnte Heft aus meiner Schublade und studierte den Artikel meines einstigen Lehrers . Das von dem Verfasser angewandte Verfahren bestand in einer Operation , die im Falle des Gelingens – das war einleuchtend – eine vollständige Heilung , aber widrigenfalls und , wie ich fürchtete , ebensooft einen schnellen Tod würde bringen können ; denn freilich , das erkrankte Organ mußte mit dem Messer völlig entfernt werden . Doch wie es immer sein mochte , ich durfte nicht zurückstehen ! Der Tod ich konnte nicht zweifeln – war ohne diese furchtbare Kur auch hier gewiß ; auf der andern Seite aber stand das Leben , und nur eine gütige Absicht der Natur wurde vernichtet , auf die es hier schon nicht mehr ankam . Das noch kräftige Alter meiner Patientin und ihre sonst günstige Organisation ermutigten mich noch mehr . Ich war entschlossen , gleich am andern Vormittage der Kranken diesen schweren und mir noch zweifelhaften Schritt zur Rettung vorzuschlagen . Doch bevor ich dazu kam , am Morgen in der ersten Frühe schon , wurde ich zu der Etatsrätin gerufen . Ich fand die Tochter allein bei ihr : blaß , aber hoch aufgerichtet hielt sie die Mutter in ihren Armen ; so hatte Elsi dereinst an meiner Brust gelegen . » Der Anfall ist vorüber « , sagte das Mädchen , indem sie die Kranke sanft auf ihre Kissen legte , um mir den Platz am Bette zu überlassen . Sie hatte recht , und die Schmerzen mußten stark gewesen sein . » Aber wo ist Ihre Wärterin ? « frug ich . Ein Zucken flog um den Mund des Mädchens . » Ich denk , sie hat im ersten Schreck die Flucht ergriffen « , sagte sie ; » sie wollte , ich weiß nicht was , aus ihrer Wohnung holen , aber sie wird nicht wiederkommen . « – » Und da sind Sie allein geblieben ? « » Ich blieb allein bei meiner Mutter ; ich werde es auch späterhin schon können ! « Aber die Kranke hob sich auf in ihrem Bette . » Hör , Hilda « , sagte sie mit schwerer Stimme , » ich will , wenn ich gesund werde – und Gott und unser Doktor werden dazu helfen – , nicht gleich ein krankes Kind zu pflegen haben ; helfen Sie mir , Herr Doktor , ich kenne den Eigensinn der Liebe in diesem jungen Kopfe . « Ich beruhigte die Frau und versprach , dieser Liebe zum Trotz eine festere Wärterin zu besorgen , aber nur mit Mühe wurde der Opfermut der Tochter besiegt . Ich verließ die Kranke für jetzt , mit dem Versprechen , am Nachmittage wieder nachzusehen , und war mit der Tochter dann allein im Wohnzimmer . » Fräulein Hilda « , sagte ich , » ich weiß jetzt , Sie sind stark ; ich kann es Ihnen schon jetzt sagen , mit Ihrer Mutter werde ich heute nachmittag reden , wenn sie von ihrer schlimmen Nacht sich etwas erholt hat – « Sie unterbrach mich und sah mich mit ihren großen Augen fast zornig an . » Was ist ? « rief sie , » um Gottes willen , was haben Sie vor ? « » Sie müssen ruhig sein , Sie müssen mir helfen , Fräulein Hilda « , sagte ich ; » so schwer es sein mag , ich weiß , Sie können es . « Und dann eröffnete ich ihr , welches Leid , welche Gefahr , doch auch welche Hoffnung für ihre Mutter da sei . Sie stand atemlos , mit zitternden Lippen vor mir . Als ich ausgesprochen hatte , stürzte ein Strom von Tränen aus ihren Augen . » Muß es denn sein ? « frug sie noch . » Es muß « , erwiderte ich . Dann fühlte ich einen kräftigen Druck ihrer Hand in der meinen . » Ich vertraue Ihnen « , sagte das Mädchen ; » Sie sind so gut ; ich will auch nicht wieder weinen – ach , hilf uns , lieber Gott ! « » Ja , Hilda « , erwiderte ich , » möge er uns helfen ; aber wir selber stehen doch in erster Reihe . « Sie ließ ihre Augen auf mir ruhen . » Kommen Sie nur heut nachmittag « , sagte sie , » ich werde , was ich kann , für meine Mutter tun . « – – Als ich dann wiederkehrte , fand ich die neue Wärterin schon dort ; Hilda saß am Bette ihrer Mutter ; sie schienen bei meinem Eintritt von ernster und inniger Unterhaltung abzubrechen . Meine Kranke war sichtlich von einer neuen Erregung ergriffen , aber sie reichte mir ihre heiße Hand , und ich fühlte einen leisen Druck und sah ein schmerzliches Lächeln um ihren noch immer schönen Mund . » Ich bin durch Hilda schon von allem unterrichtet « , sagte sie , » und bereit , mich dem , was