im Zimmer Anwesenden die tröstliche Versicherung gegeben : » Es klärt sich richtig auf . Man sieht die Sterne durchs Gewölk . Der Wind hat ordentlich über unseren Köpfen und Schornsteinen aufgeräumt . Ich kenne das und wette , daß wir morgen einen ganz klaren Tag haben werden . « Dies fiel in die Pause nach dem wundervollen Ereignis und Wiederzusammenfinden in der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ . Philipp Kristeller hatte bis jetzt die Hand seines Wohltäters noch nicht losgelassen . Die beiden alten Freunde saßen nebeneinander , und der Oberst hielt spielend in der Linken den Brief , den er vor einunddreißig Jahren in der Lebensverzweiflung geschrieben und mit 9500 Talern in Staatspapieren für den botanischen Studiengenossen beschwert hatte . Jetzt zum erstenmal entzog er die rechte Hand dem Freunde vom Blutstuhle , warf das letzte Endchen seiner Zigarre hinter sich und zog eine kurze Pfeife heraus , die er aus einem sehr exotisch , sehr indianisch aussehenden Tabaksbeutel füllte und plötzlich – ehe er durch einen hastigen Griff und Ruf des Apothekers daran gehindert wurde , in Brand setzte . Ehe er daran gehindert werden konnte , hatte Dom Agostin Agonista ein bedeutendes Stück von seinem verjährten , wild-phantastischen Schreiben abgerissen , es regelrecht zu einem Fidibus zusammengedreht und denselben zu dem Zwecke verwendet , zu welchem man eben einen Fidibus gebraucht . In demselben Moment fing er gelassen und gemütlich an , seine Geschichte zu erzählen , und sie ging gut an , nämlich mit den Worten : » Nicht wahr , Doktor , wer noch keinen Menschen umgebracht hat , der wird sich nur schwer in die Gefühle eines , der ' s bereits fertig brachte , hineinfinden . Erschrecken Sie nur nicht zu arg , meine Herrschaften ; ich habe mich allmählich hineingefunden – es lernt sich alles in der Welt und wird zur Gewohnheit , das Hängen und Erschießen wie – das Köpfen . Ich stamme aus einem der anrüchigsten Geschlechter Deutschlands und hatte drei Tage vor dem Zusammentreffen mit meinem Freund Philipp Kristeller auf dem Blutstuhle getan , was ich mußte . Um es kurz zu sagen , so hatte ich , unter Billigung und Beistand von Staat und Kirche , einem nichtsnutzigen Mitbruder im Wirrwarr dieser Welt auf offenem Felde und vor zehntausend Zuschauern den Kopf abgeschlagen . Erschrecken Sie nicht , bestes Fräulein – auch das ist eine verjährte Geschichte . « Ja , was half es zu sagen : Erschrecken Sie nicht ! Sie fuhren doch alle zusammen , selbst Herr Philipp Kristeller . » Das Amt , das meine Vorfahren seit mehr als zweihundert Jahren in ununterbrochener Geschlechtsfolge verwaltet hatten – rühmlich verwaltet hatten , war eines Tages auf mich übergegangen , und ich habe es ausgeübt – einmal ! – wie gesagt , drei Tage vor jenem Anfall vom Veitstanz , in welchem der da mich auf dem Blutstuhl fand . Sieh , Philipp , das war es ! und deine Johanne hatte wohl recht , wenn sie schon lange vor jenem letzten Zusammentreffen dich auf mancherlei an mir aufmerksam machte , was ihr nicht gefiel . Ach Gott , ich wollte , ich könnte es dem armen Kinde heute abend auch sagen , wie gut sie mir stets gefiel . Sie ist also tot – ein Menschenalter tot ? Ach Philipp , Philipp , du hast es kaum wissen können , wieviel Sonnenschein von ihr ausging , wo sie ging und stand , und wie schwarz und scheußlich mir die Welt in dem schönen Lichte vorkam . Auch verjährt ! Da wir noch am Leben sind und es uns wohlgeht , so wollen wir von uns reden . – Ich war wunderlich erzogen worden . Mein Großvater August Gottfried Mördling hatte das schlimme Erbamt noch im reichlichsten Maße und als finsterer Enthusiast bekleidet ; mein Vater hatte dagegen das Glück gehabt , daß in seine ganze , freilich nicht sehr lange Lebenszeit nicht ein einziges Mal die unangenehme Notwendigkeit fiel , die Kammer im Oberstock des Hauses aufzuschließen und mit dem Auge und dem Finger an der Schärfe des breiten Schwertes mit der Jahreszahl 1650 hinauf und hinunter zu fahren . Von meiner Mutter weiß ich wenig zu sagen . Sie war eine kränkliche , verdrossene Frau , und ich habe nur eine Haupterinnerung von ihr , nämlich daß sie eine ausgebreitete Geflügelzucht trieb und das Schlachten der Hühner , Puten , Enten , Tauben und Gänse stets selber besorgte , und zwar mit großer Kunstfertigkeit und einer gewissen wilden Energie . Mein Vater , ein sanfter , gebildeter Mann , der Schiller verehrte , Goethe verstand , für Uhland schwärmte und mich erzog , ging bei solchen Exekutionen stets mit raschen Schritten vom Hofe oder aus der Küche weg , indem er murmelte : O du grundgütiger Himmel ! – Mein Vater , Alexander Franz Mördling , war auch gereist , sowohl als Kunst- wie als Naturliebhaber , er war in Frankreich , England und Holland gewesen , sprach recht gut englisch und französisch und erzog mich nur zu gut . Er machte auch mich zu einem gebildeten Menschen , der über Sonnen- und Mond-Auf- und – Untergänge zu reden wußte und vor allen Dingen ein Herbarium anzulegen verstand . Als die echten , richtigen Autodidakten machten wir uns beide unsere Welt zurecht , eine Welt , aus der keiner von uns beiden berufsmäßig herausgerufen werden durfte , ohne halb verrückt zu werden und ganz zugrunde zu gehen . Unser Erbhof lag natürlich außerhalb der Stadt , versteckt im Grün , von uralten Linden überschattet , durch hohe Mauern und ein gewaltiges Tor geschützt – ein Haus aus dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts , warm im Winter , kühl im Sommer – ein Generalsuperintendent hätte drin wohnen und seine Predigten abfassen können . Der Schall und Spektakel der Leute draußen drang kaum zu uns ; und wenn mein Papa mir unsere eigentlichen Zustände keineswegs vorenthielt , so machte die Kenntnis davon durchaus keinen niederdrückenden