und wie ungemein hat mir beides Trost und Stärkung im Kummer verliehen und Nachlaß im Verdruß und Abnahme der Wut zuwege gebracht ! Peter , nicht wie ein alter Justizrat , sondern wie der jüngste der modernen Poeten , der seinen Velocipegasus zu einer Dichterfahrt gesattelt hat , sitze ich auf . Die buntesten Schwärme des Lebens wo möglich sollen sich über dieses Blatt drängen , und es kitzelt mich , wenn ich daran denke , daß ich Dich zwinge , ihnen mit flimmernden Augen nachzustieren . Wenn Du mir wieder schreibst , wirst Du Dir zwar einbilden , wie eine gotische Kirche auf einen Jahrmarkt voll Buden , Hanswürste , Bratwürste , Riesendamen und sonstiger Meßraritäten herunterzusehen , aber das tut nichts – das tut gar nichts ! Solange Du mir nicht mit Deinem Heer steinerner Heiligen auf den Kopf fällst , gönne ich Dir das Vergnügen . Peter , ich verkehre wieder einmal mit Querian , und – ich bin einem Menschen begegnet : einem Menschen weiblichen Geschlechts – einem Weibe , und zwar einen , jüdischen Weibe , welches ich im Affekt oder bei schlechter Laune , ohne Widerspruch zu erfahren , Frau Baronin anreden darf ! – Nun wirst Du sicherlich fragen : Ist es denn überhaupt nötig , Menschen zu begegnen ? Kann man sich nicht an die Oster-Ems setzen , von gekochtem Seegras und gebratenen Quallen leben und Bengels Auslegung der Apokalypse studieren ? – Ich aber erwidere Dir , leider kann man das nicht , indem ich Dir mit Vergnügen zugebe , daß es eine Lust wäre , wenn das jeder könnte und wir da den Strand entlang einen stillvergnügten Haufen bildeten ; – es erzittert da übrigens wieder einmal ein buntgefiederter Pfeil , den [ 336 ] ich vor dreißig Jahren schon auf Deinen Lebenswandkalender abgeschossen habe und der noch immer drin steckt und Dich an mehr als eine fidel-zänkische Disputiernacht erinnern wird . Schwanewede , ich schmeichle mir , so gelebt zu haben , daß 99 Prozent meiner Mitgeborenen nicht imstande sind , mein Leben zu übersehen . Ich glaube , sicher und fröhlich mit dem , was die Welt augenblicklich an Kulturelementen aufzuweisen hat , rechnen zu können ; und auch ich habe mich damit abgegeben , Mücken zu seigen und die kleinsten und untergeordnetsten Tierarten zu Teufelsfratzen und Karikaturen zu magnifizieren . Aber ist das eine Kunst , aus einer Maulwurfsgrille durch ein Vergrößerungsglas ein Olimstier , ein vorsintflutlich Ungeheuer , und aus einer Raupe einen Leviathan zu machen ? Ich glaube nicht ; wohingegen , alter Peter , es wirklich eine Kunst ist , eine Nuß , die man knackte und hohl fand , wegzuwerfen und seine Meinung nicht darüber zu verhehlen ; denn die Welt verlangt das Gegenteil und verlangt , daß man gut von ihren tauben Nüssen rede , sie für voll nehme und ihren Kern lobe . O Du alter mystischer Nußknacker an der Nordsee , benutze meinen Brief jetzo noch nicht als Fidibus ; ich werde sofort protokollarisch klar werden , Dich mit meiner Judenmadam Salome Veitor bekannt machen und nachher erst wieder von Querian reden . Wie ein Mann , der zwischen seinen Haus- und Zimmerwänden , seinen Bücherbrettern und Aktenrepositorien sich wieder einmal den Maßstab , so der Mensch an sich selber legt , hatte fälschen lassen , ging ich vor drei Jahren in die Gerichtsferien , um mir meinen Standpunkt in und zu der Natur von neuem klarzumachen , und es gelang mir damals auf den Landstraßen des Thüringer Waldes . Ich war ein Riese geworden zwischen den Wänden meiner Schreibstube , und alle Garderobe der Gegenwart war mir den Winter über zu eng geworden . Es war die höchste Zeit , daß ich wieder einschrumpfelte und auf mein richtiges Maß zurückgedrückt wurde , und es geschah . Ewigkeit wurde mir wieder Zeit auf der Chaussee und ich selber wieder zu einem jovialen Touristen durch die Wälder , Höhen und Tiefen [ 337 ] der irdischen Vorkommnisse . Damals begegnete ich der Frau Salome zum erstenmal , und ich traf mit ihr zusammen , wie die Herrschaften im › Don Quixote ‹ , im › Tom Jones ‹ und im ' Gil Blas von Santillana ‹ zusammenkommen , nämlich im Wirtshaus – in der Schenke am Wege . Du liesest keine Romane mehr oder bist doch überzeugt , keine mehr zu lesen , Peter Schwanewede ; in dem einen wie in dem andern Falle spreche ich Dir mein Bedauern aus ; wir alten Juristen lesen leidenschaftlich gern Romane , wenn wir es gleich häufig nicht gern gestehen wollen . Und meine Bekanntschaft ist eine Roman- , das heißt Landstraßen- und Wirtshausschildbekanntschaft . My landlord oder el señor huésped mit der weißen Schürze und der Zipfelkappe , › die größte Plaudertasche von ganz Asturien ‹ , steht unter seinem Schilde in der Tür und sieht nach seinen Gästen aus . Da steigen Staubwolken in der Ferne auf , Reiter auf englischen Stutzschwänzen oder katalonischen Langschwänzen sprengen heran , die Glocken der Maultiere klingeln , schwerfällige spanische Karossen ächzen langsam her , und ein schon in der Kneipe vorhandener Gast ist zu dem Herrn Wirt in die Pforte getreten und ist mit ihm gespannt auf die neue Kundschaft . Wer kommt ? Ist es die Prinzessin Mikomikona ? Ist es der Hauptmann aus der Berberei mit der schönen Zoraide ? Ist es Miss Sophia Western mit Mrs. Honour oder gar der Pretender auf dem Marsche von Falkirk nach dem Feld bei Culloden ? Ist es der Korregidor von Valladolid oder nur ein Trupp seiner nicht nur grausen , sondern auch groben Alguazils ? Es können sehr Vornehme Leute , aber auch das nichtsnutzigste Bettler- und Vagabondenvolk , ja es können sogar auch Schaf- und Schweineherden sein , die da kommen . Diesmal ist ' s einfach eine zweispännige Landkutsche , und Staubwolken gibt ' s auch nicht ; es regnet fürchterlich , und der Wirt schickt den Hausknecht mit einem alten Regenschirm an