mehr die Züge des Nachbars unterscheiden . Eine bleierne Müdigkeit und zugleich die beklemmende Angst einer Erwartung lähmte die Glieder , wenn auch nur das Warten auf die Flammen und Donner eines Gewittersturmes , dessen Fittiche zur Stunde noch gebunden waren . Da plötzlich zitterte durch die Luft ein Geschrei . Solche Schreckens- und Schmerzenstöne , daß alle Herzen bebten und alle Pulse stockten ! » So brüllt der Stier des Phalaris ! « rief der entsetzte Ariost . » Wo bleibt Don Giulio ! « Er stürzte fort . Da kam er mit ihm zurück , der sich , der Unglückliche , an ihn anklammerte und von ihm vorwärts schleifen ließ . » Bruder ! Herzog ! « rief der vor Schmerz Sinnlose , » wo bist du ? Hilf mir , räche ! strafe ! « » Fasse dich , ärmster Bruder ! Was geschah ? Was tat man dir ? « sprach ihm der Herzog zu , während ihn alle umringten . » Der Kardinal ließ mich meuchlings überfallen ! Er hat mir die Augen ausgerissen ! « Man schrie : » Bringt Fackeln ! Holt Ärzte ! « während Don Giulio den ihn aufhaltenden Ariost mit sich reißend , vorwärts strebte und die Arme nach dem Kardinal ausstreckte , der neben dem Herzog stand und dessen Gegenwart er fühlte . Seine ungewisse Hand fuhr in die Falten des Purpurs , in den er , auf das Knie stürzend , sich verwickelte und das blutige Haupt begrub . Er hielt sich an dem Leibe des Kardinals fest und schluchzte : » Oh , oh , warum raubst du mir das Licht ? Was nimmst du mir das all ' und einzige weg , das ich war ... ein in der Sonne Atmender ! ... Du , der du alles bist und hast ! Dem ich nichts nahm und nichts neidete ! ... Ich winde mich vor dir wie ein blinder Wurm ! Bruder , zertritt mich ! Töte mich ganz ! ... « Der Kardinal erschrak . Er zog krampfhaft seinen Purpur an sich , und seine Stimme klang unnatürlich , als er ausrief : » Nicht ich ! ... Das Weib verführte mich ! ... Sie lobte deine Augen ! ... « Dieses Wort drang nicht mehr in das Ohr des vor Schmerz ohnmächtig werdenden Blinden , aber vernichtend in das Herz der entsetzten Angela . Es kam Hilfe , Dienerschaft mit Fackeln und Sänften . Die verwirrte Gesellschaft verlor sich ohne Abschied in ängstlichen Gruppen und auf verschiedenen Wegen . Das dunkle Boskett war verlassen . Jetzt rötete ein Blitz den gefesselten Amor , Windstöße sausten durch den Wald und beugten die Wipfel der Bäume . Bald war der Himmel lauter Lohe und die Luft voller Donnergetöse . Dann stürzten die finstern Wolken auf die Erde , und schwere Regen wuschen und überschwemmten den mit Blut und Sünde befleckten Garten . 7. Kapitel Siebentes Kapitel Geraume Zeit war verflossen seit der Missetat des Kardinals , und der erste Frevel verlangte andere zu erzeugen . Die Saat war ausgestreut und keimte . In Pratello , wohin man Don Giulio an jenem Abende noch , mitten durch das Gewitter , in einer von Pferden getragenen Sänfte zurückgebracht hatte , brütete der Unglückliche in seiner Finsternis oder ließ sich durch die Gänge seiner neu angelegten Gärten führen , die heißesten Sonnenstrahlen auffangend , um wenigstens das Licht zu empfinden , das er nicht mehr sehen sollte . Besucht wurde er nicht vom Hofe , denn er galt für in Ungnade gefallen , da der Herzog nicht daran zu denken schien , die Tat des Kardinals vor Gericht zu ziehen , nicht einmal daran , durch eine ernsthafte Verurteilung des grausamen und unerklärlichen Verbrechens sich davon zu trennen und persönlich loszusagen . Die drei Banditen freilich wurden , kurze Zeit nach der Tat , in Neapel , wohin sie mit ihrem Solde geflohen , wohl von ihren früheren Kameraden umgebracht und ihre Köpfe an die Gerichte von Ferrara gesendet , die einen Preis auf die Einlieferung der lebendigen oder toten Verbrecher ausgesetzt hatten . Der eigentliche Täter , Ippolito d ' Este , kam mit einer so leichten Strafe davon , daß es schlimmer erschien , als wenn man die Schuld an ihm nicht gesehen noch gesucht hätte , und daß es einer Verhöhnung des von ihm mehr als Getöteten glich . Der Herzog begnügte sich damit , den Kardinal für wenige Wochen aus seinem Angesichte zu verbannen . Nicht einmal das Gebiet von Ferrara war ihm verboten worden . Aber er hätte es auch nicht verlassen können , denn er lag schwer krank darnieder in der stillsten und verborgensten Kammer seines Stadtpalastes – so antwortete wenigstens seine Dienerschaft auf die vorsichtigen Fragen der Ferraresen . Ob es so sei , oder ob der Kluge sich nur sterbend stelle , um die gegen ihn empörte öffentliche Stimme zu besänftigen , darüber waren die Meinungen verschieden . Von dem Gerüchte der Erkrankung des Kardinals erfuhr der Blinde von Pratello nichts ; denn die zwei einzigen sehr ungleichartigen Ferraresen , die ihn besuchten , Don Ferrante und Ludwig Ariost , hüteten sich aus verschiedenen Gründen und Interessen , ihn davon zu unterhalten . Der Dichter , welcher nach Pratello kam , um nach seiner Art den Blinden zu trösten und seine Seele zu erfreuen , war ein Höfling des Kardinals und setzte Wert auf das Wohlwollen dieses gefürchteten Beschützers . Er hielt sich ohne Falsch in der Schwebe zwischen Schlachter und Opfer ; er bedauerte seinen Freund , ohne seinen Gönner zu verabscheuen , dessen Namen er in Pratello nie über die Lippen ließ , um ihn nicht von Don Giulio verfluchen zu hören , um nicht das Gemüt des Blinden im Grunde aufzuwühlen und auf lange Tage zu verfinstern . Don Ferrante dagegen kam in andrer Absicht . Er weidete sich am Schmerze des Bruders , weil er Pläne darauf baute . Er vergiftete seine Wunde , weil er sie