einige wenige Straßen mit wenigen , wenigen Menschen , weiter kommt etwas Feld und Wald mit der einsamen Spitze eines Dorfkirchthurms oder den langen Armen [ 598 ] eines Wegweisers , und dann ziehen die Berge eine enge Line , über die das Auge nicht hinaus kann ; ich wette , weiter kam auch Ihr Fuß und Blick nicht , als bis zu diesem Horizont ! … “ „ Und deshalb ist es eine unverzeihliche Anmaßung von mir , ein Urtheil über Welt und Menschen zu haben , “ unterbrach ihn Magdalene , indem sie auf seinen spöttischen Ton einzugehen suchte , wobei jedoch ihre Stimme merklich zitterte . „ Es giebt aber noch andere Wege , “ fuhr sie fort , „ die über engen Horizont und beschränkte Verhältnisse hinausführen , nun ich nehme mir deshalb die Freiheit , zu denken , daß die moralischen Gebrechen der Menschheit überall dieselben sind – wie sich ja der Mond mit seinen Flecken im kleinsten Gewässer genau so abspiegelt , wie im unermeßlichen Weltmeer … Uebrigens , “ fuhr sie nach einer Pause fort , indem sie tief Athem schöpfte , „ muß ich Sie ersuchen , nicht zu früh zu wetten ; denn ich habe diese Berge schon einmal überschritten und weiß seit jenem Moment genau , was jene ersten , unseligen Menschenkinder empfinden mußten , als das Paradies hinter ihnen geschlossen wurde – ich vertauschte damals meine südliche Heimath mit dem Norden . “ „ Ach , Sie waren ja damals noch ein kleines Kind ! “ „ Aber kein Kind , das gedankenlos auf dem heimischen Boden umherhüpft , das , infolge der Gewohnheit des täglichen Anschauens , keinen Begriff für Schönheit oder Häßlichkeit seiner Umgebung hat ! “ entgegnete Magdalene heftig . „ O , ich wußte , daß meine Heimath schön war ! … Der Schaum des Meeres netzte meine Füße , und über mir rauschte der Lorbeer … Und das Sonnenlicht , wie flammt es dort ! wie glüht der Mond , wenn er feierlich heraufschwebt ! Das ist Licht und Gluth , das ist Leben ! … Ihr nennt die blasse Luft da droben ‚ den Himmel ’ … Wenn Sonntags die Kirchenglocken verstummt sind , dann verlaßt ihr euer Hans und wandelt bedächtigen Schrittes vor die Thore , erzählt euch , was euer Nachbar Alles nicht hätte thun sollen , und sagt dann und wann : , Ei , wie schön blau ist heute der Himmel ! ’ … Ach , daheim , da lag ich stundenlang vor der Thür , unter den Bäumen ! Ich hörte das Brausen des Meeres , wie es sich gegen den Strand bäumte ; auf den Zweigen über mir zitterte es golden – sie bewegten sich leise , und das tiefe , prächtige Blau fluthete herein – das ist Himmel ! – der Himmel , den ich mir voll schöner Engel denke ! … Man schleppte mich hierher , wo die Sonne mich kalt ansieht , wie die Augen der Menschen : wo der Schnee lautlos niederfällt und tückisch die letzten Blumen erstickt . Ich wurde unter einen Haufen roher , wilder Kinder gesteckt . Das Kind , das bis dahin nur die weiche Hand einer zärtlichen Mutter berührt , das ein treues Vaterauge ängstlich und unausgesetzt bewacht hatte , weil es das einzige ihm gebliebene war , es wurde von der ausgelassenen Kinderschaar verfolgt und gemißhandelt , weil es arm , fremd und – häßlich war und weil es nicht sein wollte wie sie , die um einen elenden Apfel rauften und die sich gegenseitig die Fehler und Mängel ihrer Eltern vorwarfen … Ich lernte den Unterschied zwischen Reich und Arm bitter erkennen . Der goldene Glaube , daß das Brod vom Himmel falle , zerstiebte an der sorgenvollen Stirn der alten , guten Muhme , die mühsam um den täglichen Unterhalt rang und die von den Nachbarn geschmäht wurde , weil sie mich , die Last , sich aufgebürdet hatte … Ach , wie oft empörte sich mein heißes Kinderherz ! Wenn ich allein war , warf ich mich auf den Boden , weinte und schrie und rief nach meiner todten Mutter . “ … Magdalene war , während sie sprach , wieder unter den Baum getreten . Das heiße Auge auf die Kirche gerichtet , sprach sie , als habe sie ihres Zuhörers vergessen und als quelle wider ihren Willen ein Gedankenstrom , bis dahin mühsam gebändigt , an das Licht , nicht achtend , an welche Ufer er rausche . Bei den letzten Worten schlang sie ihre Arme heftig um den Baumstamm und drückte die Stirn an die harte Rinde . Werner hatte bewegungslos zugehört . Er mochte fürchten , durch einen tieferen Athemzug oder einen Blick die weiche Stimme zu verscheuchen , die ihm hier , in Luft und Schmerz halb gebrochen , die Tiefen einer Mädchenseele enthüllte . Als Magdalene schwieg , sagte er langsam und ohne sich nach ihr umzuwenden : „ Und fiel kein einziger Liebesstrahl in Ihr Kindesleben ? “ „ Die Muhme hat mich mütterlich und zärtlich gepflegt – ihr Herz ist voll Liebe gegen mich , “ sagte Magdalene rasch und bewegt , „ aber sie mußte für Brod sorgen , und es blieb ihr keine Zeit , zu beobachten , was in meinem Innern vorging . Auch hatte sie gewissermaßen eine Scheu vor meinem stürmischen Wesen , was mich später bewog , ihr gegenüber so ruhig wie möglich zu sein , um ihr keinen Kummer zu machen … Dann saß in der Schule neben mir ein schönes , kleines Mädchen mit einer sanften Stimme , die ich unbeschreiblich liebte ; das Kind war barmherzig gegen mich ; es spielte mit mir und nahm mich sogar einmal mit in sein elterliches Haus . Seitdem aber wurde es scheu und wich mir aus , und als ich einstmals sehnsüchtig auf der Steintreppe vor dem Hause saß , da kam ein Dienstmädchen heraus und hieß mich rauh meiner Wege