Erbarmen aus . « Marie verbarg ihr Gesicht in beiden Händen – die so lange unterdrückten Tränen brachen nun unaufhaltsam hervor . » Wir wissen alles « , fuhr Anna fort und umfaßte das junge Mädchen , » aber eben deshalb hielt ich es auch für meine Pflicht zu sprechen . Ich durfte nicht schweigen , wenn ich nicht grenzenlos undankbar gegen dich und deine Mutter sein wollte – Frau Sanner weiß mein Geheimnis . « » Um Gottes willen , Anna ! ... Du hättest ... « » Frau Sanner hat heute durch mich erfahren , daß das Pflegekind , um dessentwillen du so viel leiden mußt , das meine ist und daß ich seit anderthalb Jahren die rechtlich angetraute Frau des Rechtsanwalts Börner in hiesiger Stadt bin , dessen Namen ich aber nicht eher öffentlich tragen darf , als bis sich – leider zwingen uns Geiz und Hochmut des alten Mannes – die Augen seines Oheims geschlossen haben – , dessen einziger Verwandter und Erbe mein Mann ist . « » Aber , Anna , wie konntest du das tun ? « » Du hast alles über dich ergehen lassen ; ja , meiner Zukunft wegen hättest du dein Lebensglück geopfert – deine Mutter mußte von meinen eigenen Verwandten ihre Tochter beschimpfen und mit einem Fehltritt beladen sehen , den sie nicht begangen ... Ihr habt unter allen Umständen geschwiegen , und ich sollte alle diese Opfer hinnehmen , ohne mich je dankbar zu bezeigen ? – Du denkst zu gering von mir . Frau Sanner begriff nun auch , daß wir die Geburt unseres Kindes verheimlichen mußten . Ich erzählte ihr , daß deine Mutter eine treue , aufopfernde Freundin meiner verstorbenen Mutter gewesen und deshalb die einzige Person war , der ich mein Kind anvertrauen mochte ... Und siehst du , Marie , ich hatte den schönsten Lohn für meine Aufrichtigkeit , denn die alte Frau weinte heiße Tränen über eure seltene Aufopferung und bat dir immer und immer wieder ihren Verdacht ab . « » Ach , Anna , wie glücklich machst du mich ! « rief Marie freudestrahlend . » Aber wird nun Frau Sanner auch schweigen können ? « » Sie hat mir mit Hand und Mund gelobt , kein Wort verlauten zu lassen , am allerwenigsten aber gegen meinen Vater , der mit seinem Stolz und Starrsinn gewiß alles verderben würde . « » War Joseph bei deinem Geständnis zugegen ? « forschte Marie leise und zögernd . » Nein . – Er hat seine Mutter hierhergefahren und blieb höchstens fünf Minuten bei uns ... « Ich kann dir gar nicht sagen , wie unstet und ruhelos mir der Mensch vorgekommen ist ! Er lief erst ohne Zweck und Plan auf dem Marktplatz herum ; dann ist er hinauf zu meinem Mann gegangen , um sich von ihm , der ja als Anwalt deiner Mutter die Kriminaluntersuchung der unangenehmen Ringelshäuser Diebsgeschichte am besten kennt , alle darauf bezüglichen Verhandlungen auseinandersetzen zu lassen ... Der läßt nicht von dir , Marie , und wenn er darüber zugrunde gehen sollte ... Ich habe übrigens die beste Hoffnung , daß Frau Sanner ... « » Liebe Anna « , unterbrach das junge Mädchen heftig die Trösterin , » wenn du mich ein wenig lieb hast , so versprich mir , die alte Frau nicht überreden zu wollen ! ... Siehst du – vor dir und der Muhme brauche ich ja nichts zu verbergen – mein ganzes Herz hängt an Joseph , und wenn es zu seinem Glück wäre , wollte ich mit Freuden für ihn sterben . Aber eben deswegen fasse ich auch seine Zukunft klar ins Auge ... Wenn also auch in diesem Augenblick seine Mutter vielleicht durch Furcht vor dem Sohn , Überredung und Mitleid bewogen , ihre Einwilligung gibt , so wird später die Reue doch nicht ausbleiben – und dann wehe mir ! ... Das höchste eheliche Glück wird das Bewußtsein nicht unterdrücken können , daß man mich als Makel einer bis dahin unbescholtenen Familie ansehe . Das Ehrgefühl der alten Frau scheint äußerst empfindlich , und es gibt so viele böse Menschen , die gern hetzen – ich würde nie ruhig werden und deshalb auch Joseph nicht glücklich machen können . « » Ich kann dir nicht unrecht geben « , entgegnete Anna traurig , » obgleich ich fest überzeugt bin , daß deine Vorzüge in den Augen der Frau Sanner mit der Zeit alle Lästermäuler zuschanden machen würden ... Ach , wenn der unglückselige Vorfall nicht wäre ! « » Ja , dann dürfte ich hoffen ! « seufzte Marie . » Meine arme Mutter weiß nichts von all diesen Vorgängen und darf sie auch nie erfahren . « Jetzt bemerkte sie aber mit Schrecken , daß es schon ziemlich spät geworden sei . Einmal war die Rückkehr Josephs und seiner Mutter zu befürchten , denen sie doch um keinen Preis begegnen durfte , und dann rückte der Abend immer näher . Sie brach eilends auf . Leider bemerkte sie , daß sie einiges vergessen hatte , was schlechterdings noch besorgt werden mußte . Bei den Kaufleuten wurde sie zu ihrer Angst auch noch ungebührlich lange aufgehalten , so daß es eben fünf schlug , als sie aus dem Stadttor trat . Sie stand eine Weile unentschlossen . Aus dem niederen Fenster der Torschreiberwohnung quoll heller Lichtschimmer . Drin im warmen Stübchen saß die Familie gemütlich um den Tisch . Marie kam ein wahres Grauen an , daß sie die lichte Stelle verlassen und hinaus auf die totenstille , dunkle Chaussee wandern sollte ... Da ging zu ihrem Trost der Mond auf – nach Hause mußte sie , ihr Ausbleiben würde Mutter und Schwester in die größte Angst versetzt haben , und so schritt sie denn rüstig , wenn auch mit Herzklopfen vorwärts . Kein Laut unterbrach die tiefe Stille , die sie jetzt umfing . Nur manchmal hing sich ein dürres Blatt an ihr Kleid und rasselte ,