, sagte er so mild , als spräche er zu einem Kinde , während sie erschöpft schwieg ; » dieser Umstand entschuldigt Ihre maßlose Bitterkeit in meinen Augen vollständig – ich werde sie zu vergessen suchen ... Es würde mir ein leichtes sein , Ihre Beschuldigungen sofort schlagend zu widerlegen und vieles , was da geschehen sein mag , auf die eigentliche Quelle , die schrankenloseste weibliche Eifersucht zurückzuführen « – bei den letzten , mit großem Nachdruck betonten Worten verschärfte sich seine sonore Stimme und wurde spitz wie ein Dolch – , » allein nichts wird mich vermögen , im Beisein dieser jungen Dame hier Dinge zu erörtern , die ihr kindliches Gefühl schwer verletzen dürften . « Die Blinde stieß ein bitteres Hohngelächter aus . » O welche Zartheit ! « rief sie . » Ich mache Ihnen mein Kompliment für diese brillante diplomatische Wendung ! « fügte sie schneidend hinzu . » Übrigens sprechen Sie ohne Scheu – was Sie auch vorbringen mögen , es wird immer geeignet sein , häßliche Schlaglichter auf jene Sphäre zu werfen , die eben diese junge Dame hier in ihren kindischen Träumen › das Paradies ‹ zu nennen pflegt ... ein Paradies – diese trügerische Decke über bodenlosen Abgründen ! ... Mit dem letzten Rest von Energie und Kraft , der meiner gebrochenen Seele geblieben ist , habe ich dies Kind dem Boden , dem es durch die Geburt angehört , entfremdet , ja entrissen , in treuer Fürsorge um sein Glück , aber auch – aus Rache für mich ! ... Die letzte Zweiflingen tritt in bürgerliche Verhältnisse , wo ich weiß , daß man sie auf Händen trägt , aber die Welt wird auch sagen : › Da seht , welch elender Scheinen der Nimbus des Namens ist , wenn der Besitz fehlt ! ‹ – ein willkommener Beleg für die moderne Anschauungsweise , die einen Stein nach dem anderen aus dem Fundament der Aristokratie reißt ! « Sie brach zusammen . » Und nun entfernen Sie sich ! « gebot sie mit erlöschender Stimme . » Es würde der bitterste Schluß meines zertretenen Lebens sein , wenn ich verurteilt wäre – in Ihrer Gegenwart zu sterben ! « Einen Moment noch blieb der Minister zögernd stehen ; allein es breitete sich ein Etwas über das aschfarbene Gesicht der Kranken , das , wenn auch oft in seinen Anfängen noch unverstanden , doch der Umgebung eine unwillkürliche Scheu einflößt : das Siegel des Todes ! ... Während Jutta , einen gewöhnlichen Krampfanfall der Leidenden voraussetzend , mit zitternden Händen Medizin in einen Löffel goß , schritt Baron Fleury geräuschlos nach der Tür . Auf der Schwelle blieb er stehen und wandte den Kopf zurück nach dem jungen Mädchen – noch einmal begegneten sich die vier Augen – , Jutta ließ erbebend den Löffel sinken , und die dunkeln Arzneitropfen ergossen sich über das weiße Tischtuch ... Der Mann dort an der Tür lächelte und verschwand . Auch draußen über die hallenden Steinfliesen glitt sein erst so fest und gebieterisch auftretender Fuß fast unhörbar . Er schritt nicht nach der Haustür , über deren Schwelle die Herrin des Waldhauses unerbittlich ihn verwiesen hatte – der Sturm heulte grimmiger als je da draußen und rüttelte an den eichenen Bohlen der Tür , als verlange er ein heraustretendes Opfer , um es zerschmetternd gegen die Stämme der Waldbäume schleudern zu können ... Der Minister wartete in Sieverts wohlgeheizter Stube , bis der alte Soldat , der bei den Pferden geblieben war , zurückkehrte . Mit ihm kamen einige Lakaien aus Arnsberg ; sie trugen große Laternen , um vorausschreitend die schmale , gefahrvolle Waldstraße zu erhellen : Mittels frischer Pferde hatte man den Wagen bereits aus den Geleisen gehoben – und fünf Minuten später lag das ungastliche Haus wieder einsam und verlassen inmitten der brausenden Waldwipfel ... Noch vor Mitternacht schritten zwei Boten durch den beschneiten , aber nun totenstillen Wald nach dem Orte Greinsfeld , um den dortigen Arzt zu holen – ein Arbeiter vom Hüttenwerk und Sievert . In der Hüttenmeisterwohnung tobte der junge Bertold Ehrhardt in rasenden Fieberphantasien – er wehrte unter Verwünschungen unausgesetzt die weißen , bittend gefalteten Hände der Gräfin Völdern von sich ab , die er vor sich auf dem Boden liegen sah mit dem lang nachschleppenden gelben Haar und dem feinen Blutbächlein , das von der Schläfe herab über den schneeigen Hals und Busen rieselte . Im Waldhause aber lag eine , für die der Gang durch den Wald umsonst gemacht wurde . Sie kämpfte den letzten schweren Kampf fast mühelos . Die erkälteten Hände lagen unbeweglich im Schoße ; in immer längeren Zwischenräumen säuselte ein fast unhörbarer Atemzug über die Lippen , und die halb zugesunkenen Lider zuckten und zitterten im letzten leisen Krampf – um den Mund aber zog sich bereits jenes stille Lächeln , das wir so gern als das Merkmal süßen Ausruhens und innigster Befriedigung bezeichnen ... Wo war die Seele , die vor wenigen Stunden noch mit allen ihren Wunden , und noch einmal auf den Gipfel emporbrausender Leidenschaft sich erhebend , aus den nun gebrochenen Augen gefunkelt hatte ? ... Jutta lag am Boden und preßte die Stirne auf das Knie der Sterbenden . In den dunkeln Locken hingen noch die Tazetten , die welkend ihre weißen Blätter falteten , und die prachtvolle blaue Seidenrobe floß über die groben Dielen – sie mahnte mit jedem leisen Knistern und Rauschen grausam an den letzten Schmerz , den die Tochter dem mütterlichen Herzen zugefügt hatte und der sich nicht mehr abbitten , nicht mehr sühnen ließ . 4 Auf dem kleinen , von einer halbzerfallenen Lehmmauer eingefriedigten Kirchhof zu Neuenfeld waren Frau von Zweiflingens sterbliche Überreste vor wenigen Tagen eingesenkt worden . Hier sah man freilich nicht ein einziges jener graubemoosten Zeichen , wie sie in aristokratischen Familiengrüften mit steinerner Zunge reden von ewigen Vorrechten und unübersteiglichen Schranken zwischen den Menschenkindern . Ganz entgegengesetzt dem Zwecke dieses Bilderschmuckes , der selbst