war ein barsches Kommando gewesen ... Und wie blitzschnell war sie vorhin mit dem Entschluß , ihr einziges Kind zu enterben , fertig geworden ! – ja , zu schnell , selbst für eine augenblickliche Eingebung ! – Das war wohl schon vorher gedacht worden ! – Und jetzt kroch ein finsterer Argwohn schlangengleich an dies arglose , bis dahin im idealen Vertrauen förmlich aufgehende Herz des Jünglings heran und packte es wie ein Dämon . Wie , wenn der Familienfanatismus seiner Mutter so weit ging , daß ihr der Vorwand nicht unwillkommen gewesen war , ihr großes Erbteil den Wolframs wieder zuzuwenden ? Er lief , wie von Harpyien verfolgt , im Giebelzimmer auf und ab .... Nimmermehr ! Ein solch entsetzlicher Verdacht entwürdigte ihn selbst ; es war eine Befleckung seiner eigenen Seele , eine Art von unedler Rache , die ihm die Schamröte auf die Wangen trieb ... Da lag noch das Schreibeheft auf dem Tische ; das Verzeichnis der aufgeschlagenen Blattseite bewies unwiderleglich die treue Sorge , mit der die Mutter seiner Zukunft gedacht hatte – freilich war die verzeichnete Wäsche nur für den Ausstattungsschrein einer jungen Frau im Sinne der Majorin , einer vornehmen Beamtentochter oder der Erbin eines reichen Fabrikherrn , bestimmt gewesen – aber das tat doch der Sorge um ihn keinen Abbruch . Und dort im Fensterbogen hing das Bild ihres Sohnes – wenn sie arbeitend am Tische saß , mußte sie bei jedem Aufblick in sein Gesicht sehen . Nein , liebeleer war ihr Herz nicht , wenn auch ihre starren Vorurteile , ihre geradezu männliche Strenge gegen sich selbst und ihre Angehörigen ihr den Anschein innerer tödlicher Kälte gaben . Zögernd griff er nach seiner Ledertasche und warf den Riemen über die Schulter – er war zum Fortgehen gerüstet . Dennoch blieb er stehen und horchte gespannt , ob nicht wohlbekannte Schritte über den Vorsaal kämen ... Es verstand sich von selbst , daß er das Klostergut auf Nimmerwiederkehr verließ ; aber schmerzbewegt gestand er sich , daß es ihm unmöglich sei , von seiner Mutter für immer zu gehen , ohne ihr gesagt zu haben , wie ihm seine leidenschaftliche Heftigkeit ihr gegenüber leid tue ; er mußte sie noch einmal sehen , selbst – wenn sie sein Abschiedswort in verächtlichem Schweigen anhören und nicht erwidern sollte . Es war sehr schwül geworden . Am südlichen Himmel stieg eine schiefergraue Gewitterwolke auf ; sie rückte allmählich wie mit bleierner Schwere vor , Linie um Linie erstickte das glanzvolle Abendlicht hinter ihr , und in die Häuser sank ein immer tieferes Dämmern , als bräche eine frühe Nacht herein . Drunten im Vorderhofe herrschte jetzt beruhigende Stille . Das große Tor war geschlossen ; seine Wölbung sah aus wie bekränzt durch die Kleebüschel , die das bröckelnde , zerklüftete Mauerwerk vom hochbeladenen Fuder weg an sich gerissen . Auch das Rasseln des Mauerpförtchens schwieg , nachdem der letzte verspätete kleine Kunde mit seinem ängstlich behüteten Milchtopf das Klostergut verlassen hatte . Vor dem Hühnerstall lag der Riegel , die Pfauen und Truthühner hockten auf ihren Stangen unter niederem Dache , und nur auf dem Rand des Brunnentrogs flatterten noch badelüsterne Tauben . In der Platanenallee des Schillingshofes rührte und regte sich auch kein Leben mehr ; alle farbenbunte und blinkende Ausstattung der eisernen Möbel war fortgeräumt , und die Baumhalle erhob sich mit ihren unbewegten Wipfeln und den regelmäßig aufsteigenden Stämmen wie aus dunklem Stein geschnitten unter den hochgetürmten Gewitterwolken . Von den blühenden Bosketten her aber wogte der Duft über die efeubewachsene Mauer in den Klosterhof , der in alten Zeiten , da noch die Mönche auf den Steinbänken unter den Linden saßen , auch ein undurchdringliches Dickicht von Heckenrosen , Weißdorn und Flieder , voll singender und brütender Vögel , in seinen tiefen , geschützten Ecken beherbergt hatte . Eine Viertelstunde um die andere verging , und noch wanderte Felix wartend im Giebelzimmer auf und ab ... War es wohl je so grabesstill im alten Klosterhause gewesen , wie jetzt , wo er mit schwerbeklommenem Herzen und hämmernden Schläfen auf ein Lebenszeichen horchte ? ... Wieder trat er an das offene Fenster und sah in die Abenddämmerung hinaus – da , endlich kam es die Treppe herauf , über den Vorsaal her ! Die Tür wurde geöffnet , und der Luftzug hob leise das Lockenhaar an der Schläfe des jungen Mannes ; aber er wandte sich nicht um , er zögerte , in das zürnende Gesicht seiner Mutter zu sehen ... Ein schwaches Rauschen , als streife ein Vogel mit flatterndem Flügel an den Wänden hin , huschte hinter ihm über die Dielen , der Luftzug brachte plötzlich einen köstlichen Rosenhauch mit – dann legten sich samtweich und kühl , wie Blumenblätter , zarte Finger auf die heißen Augen des Aufhorchenden , und – sein Herz stand still , ein lähmender Schrecken machte ihn vom Wirbel bis zur Sohle erstarren – » Lucile ! « stieß er schwach , wie mit verlechzender Kehle hervor . Im Nu waren seine Augen befreit , und das reizendste Elfenkind , das je die Welt gesehen , hing wie ein Kobold lachend an seinem Halse ; hinter der Tür aber , die sich eben schloß , sah er noch das schmunzelnde , breite Gesicht der Stallnymphe verschwinden – sie hatte » den Besuch « heraufgeführt . » Um Gotteswillen , Lucile , was hast du getan ! « rief er außer sich . Die weichen Mädchenarme glitten augenblicklich von seinem Nacken , und das liebliche Gesichtsoval der jungen Dame verlängerte sich in namenloser Betretenheit – sie sah ihn mit halb erschrockenen , halb bösen Augen an . » Was ich getan habe ? « wiederholte sie trotzig und schmollend . » Durchgebrannt bin ich ! Ist das so schlimm ? « Er schwieg und horchte angstvoll nach dem Vorsaal hin – jetzt durfte seine strenge Mutter nicht kommen ! Ihm war , als sei sein Kleinod , sein Abgott in eine Löwengrube