verrammelten Türen und Fensterladen wacker jeden fremden Eindringling abwehrten , so konnten sie doch nicht verhindern , daß sich die Celloklänge aus dem Turmzimmer durch ihre Ritzen stahlen und als hinreißende Melodieen durch Lilli ’ s Stübchen rauschten . Das waren andere Klänge , als die gestern Abend gehörten ! Bald erhoben sie sich im wilden Jubel und rissen die Seele des Hörers mit in ihren berauschenden Strudel , dann irrte es wieder klagend durch die Saiten , in jedem Ton aber bebte und glühte die Leidenschaft . … Lilli hatte die Fensterflügel geöffnet und preßte ihre heiße Stirn an den Laden . Sie fühlte fort und fort das große , feurige Auge des Blaubartes auf sich ruhen , und inmitten all der geheimnißvoll flüsternden oder entfesselt dahin brausenden Töne hörte sie seine Stimme in jenem seltsamen Gemisch von Scherz und Bitterkeit , wie sie vom verlorenen Frieden sprach . Es war gut für Lilli ’ s eigentümlich aufgeregten Seelenzustand , über den sie selbst keine Klarheit erlangte , daß nun Tage der Zerstreuung folgten . Visiten in Tante Bärbchens sehr ausgedehntem Bekanntenkreise und Gegenbesuche füllten beinahe den ganzen Tag aus ; auch wurden Ausflüge in die Umgegend gemacht . Die öftere Abwesenheit vom Hause , der Verkehr mit Altersgenossinnen und das Wiederbetreten alter , entfernter Lieblingsplätze , all dies schwächte allmählich die Eindrücke der ersten Tage ab und gab ihr [ 466 ] wenigstens zum Teil die frühere Unbefangenheit zurück . Das konnte um so leichter geschehen , als sie nicht viel an die Nachbarschaft erinnert wurde . Die Hofrätin hielt unverrückbar fest an ihrem Ausspruch , daß mit ihrem Willen kein Ziegel an dem Pavillon fortgerückt werden solle , betrat nie jenen Teil des Gartens und erwähnte den Vorfall mit keiner Silbe . Sie hatte die Absicht , den Feind sein Zerstörungswerk vollenden zu lassen , so weit das Recht ihm zustand , und dann den Rest des Häuschens durch eine Rückwand zu stützen und zu erhalten , somit meinte sie , nach Kräften der Pietät zu genügen . Aber der alte Sauer , der hier und da nachsah , erzählte Lilli heimlicherweise , daß das Loch in der Wand sich nicht vergrößere ; er könne sich gar nicht denken , was daraus werden solle , und dabei käme es ihm vor , als steige öfter Jemand durch die Wandöffnung , denn der Schutt auf dem Fußboden sähe ganz zertreten aus , und draußen auf dem Kiesweg fände er immer frische Kalkspuren , die nur an den Füßen dahin getragen sein könnten . Der Turm schaute freilich nach wie vor herüber in den Garten , aber hinter den vier Fenstern , die ihn früher völlig durchsichtig gemacht hatten , hingen plötzlich dichte , schwerseidene Vorhänge . Manchmal , wenn die Fensterflügel offen standen , konnte Lilli von der Frühstückslaube aus sehen , wie sich diese Damastfalten leise bewegten ; ja es sah aus , als erschiene ein schmaler , dunkler Spalt in Mitte derselben , und das junge Mädchen dachte dann an die verhangenen Fenster im Orient , hinter denen die Augen der Odalisken sprühen , und sah im Geiste jene zwei zarten Hände , „ die wie von Marzipan , und an denen es blitzte wie Karfunkel “ , die knisternde Seide lauschend und vorsichtig Teilen ; sie vermutete , daß die Fremde jetzt den Turm bewohne . Das Cello hatte sie nicht wieder gehört . Sonderbar , schien es doch fast , als ob sich die Töne vor lautem Geräusch und lebhafterem Menschenverkehr versteckten ! Seit Lilli ’ s Besuchen in der Stadt brachte beinahe jeder Abend eine Schaar junger Freundinnen , die den Tee bei Tante Bärbchen tranken ; dann brannte bei einbrechendem Dunkel die Lampe in der Frühstückslaube , und man blieb , ganz gegen die Hausordnung der Hofrätin , meist bis um elf Uhr zusammen . In diesen Kreisen wurde der Name des Nachbars nie genannt , man respectirte streng Tante Bärbchens Wünsche ; nur hier und da fragte wohl eines der jungen Mädchen flüsternd , ob Lilli den verrufenen Einsiedler nebenan noch nicht gesehen , eine Frage , deren Beantwortung sie geschickt zu umgehen wußte . Freilich wurde damit auch stets seine Erscheinung vor ihr inneres Auge heraufbeschworen , und obwohl sich ihr Gründe genug aufdrängten , in ihm einen Schuldbelasteten zu sehen , zuckte doch jedes Mal ein geheimes Weh durch ihr Inneres , und sie hatte mit einer Art von schmerzlicher Entrüstung zu kämpfen , wenn ein fremder Mund seinen Namen mit Verachtung nannte . Aber sie grübelte mit Recht nicht über diese ihr neuen , seltsamen Empfindungen , und wer sie sah , wie sie mit dem ganzen Behagen des Kindes ihre kleinen Füße in den hohen Graswuchs der Wiesenplätze versenkte , oder im Wettlauf den Berg hinaufflog , der ahnte nicht , daß im Grunde ihrer Seele ein verschwiegenes Etwas liege , aber so tief , tief drunten , daß nicht einmal die Augen einen Strahl davon wiederspiegelten . Ein beträchtliches Stück des Buchenwaldes , der hinter dem Hause begann und welcher die von da an ziemlich steil in die Lüfte steigende Bergwand bedeckte , gehörte zu Tante Bärbchens Besitzung . Sauer hatte unter unsäglichen , jahrelangen Mühen einen Schlangenpfad durch das wildverwachsene Unterholz gebahnt , und dieser Weg war mit der Zeit sein Steckenpferd geworden . Wie die Hofrätin behauptete , hatte er die Massen großer , hübsch abgerundeter Bachkiesel , die den Weg befestigten , allmählich in den Rocktaschen hinaufgetragen . Der Pfad mündete hoch droben unter einer schönen Buche , an deren Stamm eine sehr dürftige , aus Aesten zusammengenagelte Bank stand . Dies Gesammtwerk seiner Hände und Ausdauer nannte Sauer stets mit unbeschreiblichem Pathos „ die Anlagen “ . Sein schmunzelndes Gesicht ließ sich nur schwer wieder in die ursprünglichen , würdevollen Falten bringen , wenn er sah , daß die jungen Damen vor dem Teetrinken erst noch einmal auf seinem Weg den Berg hinaufeilten , um frische Bergluft zu atmen und Jubelrufe hinauszuschicken