sich hinaufgeschwungen und kletterte wie ein Eichhörnchen von Ast zu Ast empor . „ Das wird hübsch ! “ rief Johannes , den der Vorfall ungemein belustigte , — „ also doch am Ende eine ver ­ kleidete Dryade ? Nein , einen solchen Fang darf man sich nicht entkommen lassen , es hätte mir freilich nicht geträumt , als ich heute mein Examen bestand , daß die erste Tat des neuen Herrn Doktors sein würde , einem eigensinnigen kleinen Mädel auf die Bäume nachzuklettern — indessen ist die Episode immer noch poetischer , als meinen alten Examinatoren Trepp auf , Trepp ab nach ­ zusteigen und Kratzfüße zu machen . “ Er hatte wahrend dieses Selbstgesprächs den Rock ausgezogen und schwang sich nun mit einem Satze auf den Baum . Aber als er Ernestine ergreifen wollte , rückte sich diese an die äußerste Spitze des Astes hinaus , auf dem sie saß . Nun war sie für Johannes unerreichbar , auf den dünnen Ast konnte er ihr nicht nach , denn dieser krachte und schwankte unter der geringen Wucht des Kindes schon so bedenklich , daß Johannes den Moment nahen sah , wo er brechen mußte . Aus dem Scherz war ihm banger Ernst geworden ; wenn die Kleine fiel , so stürzte sie die doppelte Höhe herab — die des Baumes und die des Hügels , auf dem er stand . Schnell besonnen gab Johannes seine Verfolgung in den Zweigen auf und sprang herab , um sich unter den Baum zu stellen und Ernestine wo ­ möglich in seinen Armen aufzufangen ; da sah er erst , wie hoch es oben war und der Schatten , den eine vor den Mond getretene Wolke warf , ließ ihn die Gestalt und Richtung , welche sie im Sturze nehmen konnte , nicht genau erkennen , das erhöhte seine Angst . Die Verantwortung für ein Menschenleben war ihm plötzlich in ihrer ganzen Schwere aufgebürdet ; wenn er das fallende Kind nicht erhaschte , so mußte es entweder als eine Leiche oder doch mit zerschlagenen Gliedern unten liegen . Dazu erschwerte es ihm noch der abschüssige Hügel , einen festen Stand zu fassen — wie er sich stemmte , er rutschte immer wieder . Das Blut stieg ihm siedend heiß ins Gesicht , sein Herz schlug hörbar , mit ausgebreiteten Armen starrte er in qualvollster Spannung zu dem Kinde hinauf , das über ihm hing , ohne an die Gefahr zu denken , in der es schwebte . „ Kleine “ , rief er atemlos , „ der Ast , auf dem Du sitzest , trägt Dich nicht , klettere schnell zurück , sonst gibt ’ s ein Unglück ! “ „ Ich komme nicht eher herunter , als bis Sie mir versprechen , mich nicht aufs Schloß zu führen ! — Ich falle nicht ! “ rief sie keuchend herab und griff nach einem starkem Zweige über ihr , aber dieser schnellte empor und sie behielt einige Reiser in der Hand . „ Ich verspreche Dir Alles , Alles , was Du willst ! “ schrie Johannes in höchster Angst , „ nur rasch zum Stamm zurück — schnell , schnell ! “ Jetzt krachte der Ast , — mit einem Ruck hatte sich die Kleine dem Stamme zugeschwungen , wahrend unter ihr der Zweig geknickt herabfiel . In tödlichem Schrecken hielt sie nun den stärkeren Stumpf umklammert , der noch aus dem Stamm herausragte und als Johannes emporkletterte , um sie zu holen , und sie endlich seine Schulter erreichen konnte , da schlang sie zitternd und willig die dünnen Ärmchen um seinen kräftigen Hals . Mühselig stieg Johannes mit dem Kinde wieder herab und kam mit wundgeritzten Armen und zerfetzten Hemdärmeln unten an . Er stellte Ernestinen vor sich auf den Boden und trat , sie stumm betrachtend , einen Schritt von ihr weg , dann trocknete er sich den Schweiß von der Stirn und begann endlich , nachdem er sich gesammelt und tief Atem geschöpft hatte , ernster als bisher : „ Weißt Du , was ich jetzt täte , wenn ich Dein Vater wäre ? “ Ernestine blickte fragend zu ihm auf . „ Ich gäbe Dir tüchtig die Rute , — dann würde Dir ’ s schon vergehen , die Leute in solche Angst zu bringen , um Deines leidigen Eigensinnes willen ! “ Diese Worte , die der junge Mann in Unmut über die ausgestandene Qual hinwarf , hatten eine furchtbare Wirkung auf das Kind . Es stieß einen durchdringenden Schrei aus und warf sich verzweifelnd zur Erde : „ O , schlagen , schon wieder schlagen — der auch , der auch ! — O , wer schlägt mich denn nicht , wer tritt mich den nicht mit Füßen , wer hat denn Erbarmen mit mir ? “ schluchzte sie immer wilder ausbrechend . „ Guter Gott “ , sagte Johannes halb mitleidig , halb unwillig , „ was für ein Kind bist Du ! Erst kletterst Du mit Todesgefahr auf die Baume , um Deinen Eigensinn durchzusetzen , und dann wirft Dich ein einziges tadelndes Wort zu Boden . Ist mir schon so etwas vorgekommen ? ! “ Dabei hob er sie auf und hielt sie mit beiden Händen vor sich in der Luft , sie im Mondschein betrachtend , wie man etwa ein seltenes Tier oder sonst eine absonderliche Naturerscheinung betrachten würde . „ Das ist nun ein Ding “ , sagte er mehr zu sich selbst als zu Ernestine , „ ein Ding , so klein und zart , daß man es mit einem Griff zerdrücken könnte ; aber in dem dünnen Hirnschädelchen sitzt ein so starker Wille , daß man trotz aller Überlegenheit gezwungen wird , ihr zu gehorchen , und das enge Brustkästchen birgt ein so wild schlagendes , ungestümes Herz , daß man unwillkürlich mit fortgerissen wird . Nun soll mir Einer sagen , wie das zugeht , welch seltsame Mischung dieses Menschen-Exemplar hervorgebracht hat . Weine nicht