wenn dann Abend war , öffnete sie das Fenster und sah hinaus , und eine müde , schmerzlich-süße Sehnsucht überkam sie . Wonach ? Wohin ? Dorthin , wo das Glück war und die Liebe . Ja , die ... Und Gestalten kamen und zogen an ihr vorüber und grüßten sie und fragten sie ; aber sie waren es alle nicht . Und zuletzt kam Martin – Martin , der drüben in der Kammer schlief und immer rot wurde , wenn der alte Sörgel in Scherz oder Ernst ein Wort sagte . War er es ? Nein ; ja ... und dann wieder nein . Und es war wieder Herbst ; die Berglehnen standen in Rot und Gelb , und die Sommerfäden zogen wieder wie damals , wo Hilde vor nun gerade zehn Jahren ins Haus gekommen war . Aber es dachte niemand mehr daran , auch Hilde nicht , die sich heute , weil es des Heidereiters Geburtstag war , nicht nur in aller Frühe schon herausgemacht , sondern auch in dem noch taufeuchten Garten eine große Girlande von Astern , mit reichlichen Levkojen und Reseda dazwischen , geflochten hatte . Die war nun fertig , und Hilde horchte vom Flur her , ob drinnen in der Stube noch alles ruhig sei . Wirklich , er schlief noch . Und so holte sie leise einen Schemel , öffnete noch leiser die Tür und hing den Girlandenkranz an dem inneren Rahmen auf . Nicht lange , so war auch der Heidereiter in Staat , und alle Hausinsassen erschienen , um ihm ihre Glückwünsche zu bringen : erst Grissel mit einem Lebenslichte , dann Martin mit einer aus Tannäpfeln und Eichenborke zusammengeklebten Eremitage , zuletzt aber Joost mit einem Händedruck und einem einfachen : » Ick möt doch ook . « Und weiter kam er nicht , was auch Baltzer schon wußte . Dieser gehörte zu denen , die solche Huldigungen ebensosehr fordern wie rasch wieder davon loszukommen wünschen , und stotterte , bloß um etwas zu sagen , ein mehrmals wiederholtes Bedauern heraus , daß er gerade heute nach Ilseburg hinüber müsse , wegen der Knappschaft . Aber in der Dämmerstunde komme er wieder , und dann wollten sie sich einen guten und frohen Tag machen . Einen recht lustigen . Und er freue sich sehr darauf , was auch natürlich sei . Denn es sei sein letzter Geburtstag , den er noch als ein Vierziger feiere ; mit fünfzig aber sei Spiel und Tanz vorbei . Und nachdem er dies und ähnliches immer hastiger und immer verlegener gesagt hatte , weil es ihm umgekehrt eigentlich lieb war , an solchem Tage nicht zu Hause zu sein , gab er Ordre , daß der kleine Jagdwagen vorfahren solle . Ja , es war ihm lieb , an solchem Tage nicht zu Hause zu sein , aber seinen Hausgenossen war es noch lieber . Immer , auch wenn er sich freundlich zeigte , wurde seine Gegenwart als ein Druck empfunden , und wenn dies schon an gewöhnlichen Tagen der Fall war , so doppelt an solchen , die mit einer gewissen Gewaltsamkeit gemütlich verlaufen sollten . Da war immer Not und Verlegenheit , und als heute mit dem Glockenschlage neun der kleine Jagdwagen vorfuhr und Baltzer im nächsten Augenblicke die Leinen in die Hand nahm , wurden alle Gesichter angeregter und zuversichtlicher , und jeder freute sich nun wirklich auf den Abend . Denn der Abend war kurz . Ein ganzer Tag aber war lang . Und danach ging ein jeder an seine Geschäfte , die für Hilde nicht viel was anderes als ein süßes Nichtstun waren , auch jetzt nicht , wo » die Milchwirtschaft , die Leinwand und die Wäsche « , wie der Heidereiter bei jeder Gelegenheit aufzuzählen liebte , von ihr besorgt oder doch wenigstens beaufsichtigt werden sollten . Und so setzte sie sich in die Vorlaube draußen und streute Körner für all die Vögel aus , die noch in dem umstehenden Buschwerk trotz vorgerückter Jahreszeit ihre Nester hatten . Als aber die Körner aufgepickt waren , legte sie den Kopf zurück und sah auf den wilden Wein ihr zu Häupten , von dem sich einzelne Zweige losgelöst hatten . Ihre rechte Hand hing herab , und eine Schwarzdrossel , die zahmer war als ihre Genossen , hüpfte vom Gezweig auf die Bank und von der Bank auf die steinerne Tischplatte . Martin war in den Wald gegangen , um bei den Holzknechten nach dem Rechten zu sehen , Grissel aber hatte sich mitten in den Hof gestellt und scheuerte , dem Geburtstag zu Ehren , ihre Kessel . Ihr zur Seite stand Joost , einen großen Holzbock vor sich , auf den er die Wintersielen gelegt hatte , und war emsig bemüht , unter abwechselnder Anwendung von Federbart und Bürstenstummel das hartgewordene Leder einzuölen und wieder geschmeidig zu machen . Es ließ sich erkennen , daß sie wie gewöhnlich über Hilde sprachen , und zwar nicht allzu freundlich , denn Grissel unterbrach sich öfters in ihrer Arbeit und guckte durch den Bretterzaun , um zu sehen , ob der Gegenstand ihres Gespräches noch in der Vorlaube säße . » Se kümmt noch nich « , sagte sie . » Se sitt noch . Un wenn ook nich , se hürt joa nich und seiht joa nich . Un is ümmer as in Droom . « » Joa « , bestätigte Joost . » Un ick weet nich , wo ' t ehr sitten deiht . « » Wo ' t ehr sitten deiht ? In de Oogen sitt et ehr . « » Gott « , entgegnete Joost , der wohl wußte , was Grissel gern hörte , » se hett joa goar keen ' un pliert man ümmer . Un ick weet nich , hett se se upp oder hett se se to . « » Dat is et joa groad . Un all sünn , wo keen ' een weten deiht , wo se