neulich wieder einmal sein Herz ausgeschüttet und gesagt , es ginge einfach nicht , daß man ihm das Sanatorium so auf den Kopf stellt . Wir wären doch alle keine richtigen Patienten : Henry käme nur zu den Mahlzeiten wie ein Tourist , Balailoff betränke sich fortwährend , trotz seiner Abstinenzkur , und es liege auf der Hand , daß wir ihm dabei Vorschub leisteten - ich habe ihm von Anfang an einen fragwürdigen Eindruck gemacht , zum Beispiel die Geschichte mit Gottfried ... kurz , er ist sehr besorgt , daß wir seine Anstalt diskreditieren . Bei jedem von uns liegt aber irgendein Grund vor , weshalb er ihn eben doch dabehalten möchte . An Henrys Terrainspekulationen ist er stark interessiert , Balailoff bringt ihm mit den vielen Zimmern , die er innehat , mit Extrapavillons und Gefolge ein Bombengeld ein , und bei mir muß er eben warten , bis Geld da ist . Nur Lukas sei durch und durch ein Ehrenmann , hat er gesagt , und es sei geradezu unbegreiflich , daß er ausschließlich mit uns verkehre . Baumann ist nun auf den guten Gedanken gekommen , ihm zu raten , er solle die ganze Gesellschaft etwas mehr von den normalen Patienten isolieren . So hat man uns in einem entlegenen Teil des Gebäudes untergebracht , was sehr viel für sich hat . Gegen den Idioten hat Baumann auf unsere Bitte , aber vergeblich , zu intrigieren versucht . Er hat infolge seines vertrottelten , aber äußerst gesitteten Benehmens einen ganz besonderen Stein im Brett , und der Professor erklärte ihn , im Gegensatz zu uns anderen , ebenfalls für einen Ehrenmann . Es ist aber wenigstens erreicht worden , daß er sein bisheriges Zimmer behalten hat und nicht mit in den Separatflügel gekommen ist . Er steht sich zu gut mit dem Professor und hätte beständig spioniert . Statt dessen habe ich jetzt Balailoffs friedlichen alten Priester als Nachbarn . Unser Flügel hat einen Ausgang , durch den man über einen wenig frequentierten Seitenhof auf die Straße gelangt . Es ist eine große Wohltat , nicht mehr wie Pensionszöglinge aufpassen zu müssen , ob man kontrolliert wird . Es haben sich im Lauf der Zeit allerhand Privatinteressen ergeben , die bisher nur unter großen Schwierigkeiten verfolgt werden konnten , jetzt aber um so eifriger gepflegt werden . Baumann ist uns gewissermaßen als ärztlicher Aufseher gesetzt worden . Da er nun selbst eine kleine Freundin in der Stadt hat , läßt er mit sich reden . Henry und ich haben ebenfalls einige Bekannte unter den Schauspielern des Sommertheaters ( etwas anderes gibt ' s hier nicht ) . Man ist natürlich sehr vorsichtig , hält auf den Ruf der Anstalt und auf den eigenen , und ich finde , man sollte das anerkennen , anstatt uns , wie es leider von verschiedenen Seiten geschieht , schief anzusehen . Schade , daß Du nicht auch hier bist ... das heißt - verzeih mir diesen Egoismus und begreife ihn - es hat so viel für sich , die einzige Frau in einem Kreise zu sein , daß ich doch nicht gerne teilen möchte . Bitte , mißverstehe das nicht . Die vorhin erwähnten Privatinteressen bringen es mit sich , daß unser Familienleben intakt bleibt , und eben dadurch ergibt sich eine sympathische Atmosphäre , die einen Stich in alles mögliche hat . Lukas ist sozusagen stiller Teilhaber , er ist noch nicht lange und sehr glücklich verheiratet und steht auch in dieser Beziehung auf demselben Standpunkt wie mit der wirtschaftlichen Basis . Dabei läßt er , wenn nicht mit sich reden , so doch mit sich zanken , denn es ist klar , daß weder Henrys noch meine Privatinteressen Gnade vor seinen Augen finden . Meines ... ja siehst Du , Maria , die hiesigen Möglichkeiten beschränken sich eben auf die Mitglieder des kleinen Theaters , das nur für ein paar Monate hier gastiert - - und ich muß beschämt gestehen , daß es sich um einen Tenor handelt . Seine Stimme reicht kaum hin , um ihn zu rechtfertigen , und seine Mitteilungen geschehen manchmal auf wild marmoriertem , manchmal auf azurblauem Briefpapier mit eingepreßtem weißem Schwan . Das mag schlimm sein , aber ich kann mir nicht helfen , es hat für mich etwas Ergreifendes , und im übrigen ist er wirklich , was man einen lieben Kerl nennt . Seine Manieren sind zum Ärger der anderen , die ihn nicht billigen , völlig einwandfrei ... er weiß eben von der Bühne her , wie man sich unter Leuten von Welt zu benehmen hat , denn bei dem Mangel an Personal spielt er auch die Lebemänner in modernen Stücken . Henry , der sich mit der jugendlichen Heroine in gleicher Verdammnis befindet , hat immer noch das nötige Verständnis dafür , aber die Blicke unseres Privatdozenten , wenn er persönlich auftritt oder wieder eines seiner Schwanenbilletts morgens neben meinem Teller liegt , sind unbeschreiblich . Ich gebe gerne und willig zu , daß es eine Verirrung ist , aber das reizt ihn nur noch mehr . Ja , er greift in blindem Eifer zu den stärksten Mitteln , um mich davon abzubringen , und meinte neulich : als Jugendtorheit könne so etwas ja noch hingehen , aber für eine Frau , die - Verlegenheitspause - über dieses Stadium doch allmählich hinaus sein dürfte ... Ich konnte darauf nur erwidern , man sei nun einmal nicht mehr jung , und tausendmal wichtiger sei es , die dritte , vierte , fünfte und so weiter Jugend auszukosten , als die erste und zweite . Er war etwas entwaffnet und genierte sich nachträglich , daß er umsonst und ohne jeden Erfolg eine Taktlosigkeit gesagt hatte . Natürlich hat auch Lukas den üblichen Alterskomplex ... von einer bestimmten Grenze an soll man vorsorgen , Leibrenten kaufen und stetiger in seinen Neigungen werden . Ich halte das für einen Irrtum und sehe gerade den einzigen Vorzug des Älterwerdens darin , daß