regierenden jungen Kaiser Kwang Hsü im Palast » zur glücklichen Erziehung « unterrichtet hatte und der seither viel Einfluß auf seinen einstmaligen Schüler besitzen sollte . Ihm stand als Führer der Nordpartei der ebenfalls sehr gelehrte Hsütung gegenüber . Der war der Lehrer des vorherigen Kaisers Tungtschi gewesen , des Sohnes der alten Kaiserin-Witwe Tzü Hsi , und es hieß , daß er viel bei dieser gelte . Nach diesen Freundschaften der beiden Allerhöchsten im Lande belegte man die Nördlichen mit dem unehrerbietigen Spitznamen » Alte-Mutter-Sippe « , die Südlichen dagegen nannte man » Kleine-Knaben-Sippe « . Tschun hielt es in seinem Herzen mit den kleinen Knaben . Die standen ihm ja auch näher . Dabei war er erstaunt , zu sehen , daß die fremden Gesandten diesen Strömungen merkwürdig gleichgültig gegenüberstanden , obschon die Südpartei eigentlich lauter Dinge einführen wollte , die sie selbst seit Jahren anempfohlen hatten . Aber es war beinah , als hätten die Fremden allmählich eine Erweckung Chinas als aussichtslos aufgegeben und sich mit den Zuständen abgefunden , wie sie nun einmal waren . Mit praktischem Sinn nahmen sie von den zwei ringenden Gruppen nur insofern Notiz , als sie zu ergründen suchten , zu welchem ihrer eigenen Länder jede der beiden Parteien neige , und wem sie daher den Sieg wünschen sollten . Die chinesischen Lehrer meinten , daß die Nördlichen es mit Rußland hielten , dessen Gepflogenheiten und Regierungsmethoden ihnen wohl am verwandtesten erschienen , während die Südlichen eine Anlehnung an das fortschrittliche Japan wünschten sowie Einführung aller dort angenommenen Reformen . Die Entscheidung über all das stand bei dem jungen Kaiser . Mehr noch vielleicht bei seiner Tante , der alten Kaiserin-Witwe Tzü Hsi , deren Name » die Mütterliche « und » Glückverheißende « bedeutet . Offiziell freilich kümmerte sie sich nicht mehr um Staatsgeschäfte , sondern hatte die Regentschaft niedergelegt und dem Kaiser die Regierung übergeben , und seitdem lebte sie , wie sie es selbst in gelegentlichen Edikten nannte , » in der tiefen Abgeschlossenheit « ihres Palastes I ho yüan , » der dem vom Himmel gesandten Alter Ruhe und Frieden Spendende « . Wunderdinge hörte Tschun von den prunkvollen Theateraufführungen und den Bootfahrten auf dem Kung Ming See , mit denen sie scheinbar ihre Tage verbrachte . Aber in Wirklichkeit , so wurde gemunkelt , war sie , die des Herrschens Langgewohnte , der Untätigkeit müde und neidete dem Neffen die Wonne der Macht . Neidete sie um so heftiger , als sie mehr und mehr in ihm den Gegner erkannte . Schon in den Tagen seiner Kindheit sollte das begonnen haben , als er ihr offensichtlich die sanfte Mitregentin Tzü Ann vorzog , die dann , wie so manche derer , die Tzü Hsi im Weg gestanden , ebenso plötzlich wie opportun gestorben war . Tzü Hsis Schwester , die Kwang Hsüs Mutter gewesen , war dann noch manchmal vermittelnd zwischen beide getreten , aber auch sie hatte den Drachen zur weiten Reise bestiegen , und seither waren die Fäden zerrissen . Und wenn Tzü Hsi einstweilen auch noch nicht mit offenkundiger Feindschaft hervortrat , so empfand man doch ihre Gegenwart dunkel hinter allen Dingen , und man ahnte , daß sie nicht zaudern würde , sich in kritischer Stunde das Recht der endgültigen Beschlüsse mit starkem Griffe wieder anzueignen . Allmählich gestaltete sich vor Tschun ihr Bild zu der Vision eines von den Schauern des Geheimnisvollen umgebenen Wesens , einem Wesen , das noch hoch über dem Kaiser thronte . Denn er , der Sohn des Himmels , mußte ja , bei den religiösen Zeremonien der höchsten Festtage , sich neunmal vor ihr , der als » alter Buddha « Verehrten , anbetend niederwerfen . So konnte es Tschun in der Pekinger Zeitung beschrieben lesen . - Stückweise , aus begierig aufgeschnappten Worten , stellte er sich die ganze Geschichte ihrer langen Regentschaft zusammen . Die war voll von spannendsten Momenten , wo alles von ihrem eisernen Willen , ihrer stets bereiten Entschlußkraft abgehangen hatte . Aller Feinde , aller Schwierigkeiten war sie stets Herr geworden , oft durch die grausigsten Mittel . Aber dafür verstand sie es auch , sich Anhänger zu erwerben , denn nie versäumte sie , es denen zu lohnen , die treu zu ihr gestanden . Sie hielt es offenbar mit Konfuzius , der sagt : » Wie sollte man denn Wohltaten lohnen , wenn man das Böse mit Gutem vergelten wollte ? Man soll das Böse mit Gerechtigkeit und nur Wohltaten mit Wohltaten erwidern . « Das aber , was Tzü Hsi in Fällen , wo sie sich beeinträchtigt oder gar gefährdet dünkte , Gerechtigkeit nannte , war Ausrottung des Gegners auf die schnellste , sicherste Art. Ein unheimliches Gruseln kroch Tschun am Rücken entlang bei allem , was er von der Gewaltigen hörte . Er konnte kaum glauben , daß solch ein Wesen wirklich lebe . Es klang alles wie ein schauerliches Märchen . Und doch wünschte er sich sehr , sie nur ein einziges Mal zu sehen . Inzwischen ward es Sommer . Die Lotosblätter , die an hohen Stielen aus den Teichen stiegen , hatten sich aufgerollt zu breiten grünen Schirmen , und zwischen ihnen standen die ersten großen rosa Traumesblüten . Aber in den Straßen wateten die Menschen durch fußtiefen Staub ; allerwärts stiegen ekle Gerüche auf , die des Winters Eis gnädig verborgen hatte , und über der ganzen Stadt lagerte eine schwere Schicht schwülen Dunstes . Da beschloß die Taitai dem schmutzigen Käfig , wie sie Peking nannte , zu entfliehen und für die heißesten Wochen einen der Tempel zu beziehen , die die Gesandtschaften alljährlich in den nahen Hügeln als Sommerwohnung zu mieten pflegten . Tschun sollte auch mitkommen . Vorher ging er sich von den Verwandten mit vielen Verbeugungen zu verabschieden . Beim greisen Großonkel Lin te i fand er verschiedene der Vettern versammelt . Auch sie sprachen von den beiden sich bekämpfenden Parteien . Wang pao , der fortschrittlich Gesonnene