mit vorbeigegangen , ohne zu weilen , ohne zu denken , und er hatte sich daran gewöhnt wie an den Schatten auf der Erde . Ein Ungefähr , das ihn nicht hemmte , konnte nicht zum Erlebnis werden . Jetzt war sein Auge reif für diese Vision . Er sah hin . » Caspar « , lispelte er . Das Drinnen antwortete : Ich . Da waren Caspars Mund und Wangen und die braunen Haare , die über Stirn und Ohren gekräuselt waren . Nähertretend , schaute er in spielerisch-zweifelnder Neugier hinter den Spiegel gegen die Mauer ; dort war nichts . Dann stellte er sich wieder davor , und nun schien ihm , als ob hinter seinem Bild im Spiegel sich das Licht zerteile und als ob ein langer , langer Pfad nach rückwärts lief , und dort , in der weiten Ferne stand noch ein Caspar , noch ein Ich , das hatte zugeschlossene Augen und sah aus , als wisse es etwas , was der Caspar hier im Zimmer nicht wußte . Daumer , gewohnt , das Betragen des Jünglings zu beobachten , lauerte gespannt herüber . Da , ein seltsames Geräusch ; es surrte etwas in der Luft und fiel neben dem Tisch zu Boden . Es war ein Stück Papier , das von draußen hereingeflogen war . Frau Daumer hob es auf ; es war wie ein Brief zusammengefaltet . Unschlüssig drehte sie es zwischen den Fingern und reichte es dem Sohn . Der riß es auf und las folgende , mit großer Schrift geschriebene Worte : » Es wird gewarnt das Haus und wird gewarnt der Herr und wird gewarnt der Fremde . « Frau Daumer hatte sich erhoben und las mit ; ein Frösteln lief über ihre Schultern . Daumer jedoch , indes er schweigend auf den Zettel starrte , hatte das Gefühl , als sei vor seinen Füßen ein Schwert , die Spitze nach oben , aus der Erde gewachsen . Caspar hatte von dem Vorgang nicht das mindeste wahrgenommen . Er verließ den Platz vor dem Spiegel und ging wie geistesabwesend an den beiden vorüber zum Fenster . Dort stand er besinnend , beugte sich besinnend vor , immer weiter , völlig selbstvergessen , ganz vom Willen des Suchens erfüllt , bis die Brust auf dem Sims lag und seine Stirn in die Nacht hinaus tauchte . Caspar träumt Am andern Morgen übergab Daumer das unheimliche Papier der Polizeibehörde . Es wurden Nachforschungen angestellt , die aber natürlich fruchtlos blieben . Der Vorfall wurde auch amtlich an das Appellationsgericht gemeldet , und nach einiger Zeit schrieb der Regierungsrat Hermann , der mit dem Baron Tucher befreundet war , an diesen einen Privatbrief , in welchem er unter anderm die Meinung vertrat , man solle nicht ablassen , den Hauser scharf zu bewachen und auszuforschen , denn es sei wohl möglich , daß er durch eine tief eingepflanzte Furcht gezwungen sei , manches ihm bekannte Verhältnis zu verschweigen . Herr von Tucher suchte Daumer auf und las ihm diese Stelle vor . Daumer konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken . » Ich bin mir wohl bewußt , daß ein Mysterium , von Menschenhand gewoben , hinter allem dem liegt , was mit Caspar zusammenhängt « , sagte er mit leisem Widerwillen , » ganz abgesehen davon , daß mir auch der Präsident Feuerbach unlängst darüber geschrieben hat , und zwar in höchst eigentümlichen Wendungen , die auf etwas Besonderes schließen lassen . Aber was heißt das : ihn ausforschen , ihn bewachen ? Hat man darin nicht schon das Äußerste versucht ? Ärztliche Vorsicht und menschliches Gefühl befehlen mir jetzt ohnehin die äußerste Behutsamkeit gegen ihn . Ich wage es ja kaum , ihn von der einfachen Kost zu entwöhnen und ihn so zu ernähren , wie es durch die veränderte Lebenslage bedingt ist . « » Warum wagen Sie das nicht ? « fragte Herr von Tucher ziemlich erstaunt . » Wir sind doch übereingekommen , ihn endlich zum Genuß von Fleisch oder wenigstens von andern gekochten Speisen zu bringen ? « Daumer zögerte mit der Antwort . » Milchreis und warme Suppe verträgt er schon ganz gut « , sagte er dann , » aber zur Fleischkost will ich ihn nicht ermuntern . « » Warum nicht ? « » Ich fürchte Kräfte zu zerstören , die vielleicht gerade an die Reinheit des Blutes gebunden sind . « » Kräfte zerstören ? Was für Kräfte vermöchten ihn und uns für die Gesundheit des Leibes und die Frische seines Gemüts zu entschädigen ? Wäre es nicht vielmehr ratsam , ihn von der Richtung des Außerordentlichen abzulenken , die ihm früher oder später verhängnisvoll werden muß ? Ist es gut , einen andern Maßstab an ihn zu legen , als es einer natürlichen Erziehung entspricht ? Was wollen Sie überhaupt , was haben Sie mit ihm vor ? Caspar ist ein Kind , das dürfen wir nicht vergessen . « » Er ist ein Mirakel « , entgegnete Daumer hastig und ergriffen ; dann , in einem halb belehrenden , halb bitteren Ton , der für einen Weltmann wie Tucher verletzend klingen mußte , fuhr er fort : » Leider leben wir in einer Zeit , in der man mit jedem Hinweis auf Unerforschliches den plumpen Alltagsverstand beleidigt . Sonst müßte jeder an diesem Menschen sehen und spüren , daß wir rings von geheimnisvollen Mächten der Natur umgeben sind , in denen unser ganzes Wesen ruht . « Herr von Tucher schwieg eine Zeitlang ; sein Gesicht hatte den Ausdruck abwehrenden Stolzes , als er sagte : » Es ist besser , eine Wirklichkeit völlig zu ergreifen und ihr genugzutun als mit fruchtlosem Enthusiasmus im Nebel des Übersinnlichen zu irren . « » Rechtfertigt mich denn die Wirklichkeit noch nicht , auf die ich mich berufen kann ? « versetzte Daumer , dessen Stimme leiser und schmeichelnder wurde , je mehr das Gespräch ihn erhitzte . » Muß ich Sie an Einzelheiten