litt manchmal heimlich geradezu wie an einem Narrenzwange und mußte sich richtig besinnen , daß er sich solche Tollheiten nur eingebildet . Aber alles , was der Meister so hinstellte , als müßte man nicht leben , sondern erst sterben , um es zu erlangen , machte ihn rundweg übermütig . So standen sich hier zwei Welten stumm und fern gegenüber . So einfältig die Kohlenaugen Einharts noch immer auch herausblickten auf den frommen Meister und die nußharte Frau Meisterin hin , so kindlich auch und mit Begehren die kleine Berta Einhart zulachte und die erwachsenere Helene schon mit kecker Lockung . Helene war in Einhart gleich verliebt gewesen . Sie kam häufig in seine Stube , vornehmlich Sonntags , und hockte sich zusehend nahe , wenn er dann dasaß und für sich etwas zu zeichnen oder zu malen versuchte . Einhart fand sie immer nur sehr albern . Schon weil sie ein Gesicht hatte , das nie ein Lächeln richtig sanft zeigen konnte und gleich nur wie ein Altes ausbrach . Wobei ihm immer wie Lieblichkeit durchs Träumen das Lächeln ging , mit dem Zigeunerdirnen aus stummen Glutaugen lächeln , » wie wenn Blumen oder Birkenbüsche lachen und flüstern im Winde « , dachte dann Einhart so hin . Diese Helene war jung und derb entwickelt , blond ohne goldnen Schein , blauäugig und doch nichts vom Himmel drin . Wie ein blauer , kalter Kattun war das Auge , leer nur und lüstern . Wenn sie ihn preßte oder seine Hände in die ihren nahm : Nichts tat er , gleichgültig lächelnd war er . Er knipste sie mit dem Finger an die Nase . Er dachte und träumte wahrhaftig andere Dinge , als nur so graues Handwerksleben . Er lebte die Woche mit sich und lief dann irgendwo hinaus , am Sonntagnachmittage , und lag über der Stadt hoch oben am Walde . 2 Es waren mehr als dreiviertel Jahre vergangen , seit Einhart beim Meister Kallinich eingezogen war . Die daheim hatten immer gute Nachrichten erhalten . Der Meister selber rühmte Einharts Anlagen für den Beruf und vor allem , daß er ausgezeichnete Entwürfe lieferte , Ideen selbständiger Art und viel Lust zu derlei reger Phantasiearbeit hätte . Meister Kallinich gab sich alle Mühe , sich Herrn Geheimrat gegenüber mit vollendeter Sachkenntnis auszudrücken . Herr Selle war es jedesmal sehr zufrieden . Aber Einhart hatte auch geschrieben an Mutter und an Rosa . Wie Einhart war . An Vater wohl nur einmal gleich im Anfang und noch unter dem Gefühl der Schuld , die er an ihm begangen . Dann immer nur allerlei drollige Dinge an Rosa hauptsächlich . » Weiße Ziegen weiden hier nicht an dem See . Aber schwarze Bergleute laufen Tausende auf der Straße . Und dann , was das Weiden anlangt , das tun hier so recht sanft und fromm nur die hellen Augen der Frau Meisterin , die jede Ungehörigkeit von Lehrling und Gesellen öffentlich gleich mit Strunk und Stiel abbeißt , und jede Ungehörigkeit des frommen Meisters heimlich . Ich selber weiß von solcherlei , was nicht paßt , schon kein Wort mehr , und wenn ihr mich sehen würdet , dächtet ihr einfach , ich wäre Einhart Kallinich , so renne ich herum zwischen Presse und Tisch und zu allen Kunden und blicke auf , wie ein richtiger Apportierhund . Ich glaube , ich habe auch so helle Augen bekommen , wie die feste Helene , der frommen Meisterin freches Ebenbild . Ach woher nur , eben sehe ich in den Spiegel , und erkenne , daß ich das nur muß geträumt haben . So leicht verfärbt man sich nicht . Aber lachen kann ich garnicht mehr . Eben versuche ich es im Spiegel . Die Augen glotzen mich an , dunkel wie Rosas sanfte , schwarze Kirschenblicke , aber lachen - nichts davon . Es gibt hier nichts zu lachen . Zum Lachen muß ich Sonntags allein auf den Berg gehen . Es ist ein Eichengehölz . Da liege ich manchmal , und auch jetzt im Frühling , wenn die Sonne noch durch das lose , lustige Knospenwerk fällt und nicht vollen Schatten , nur feine Schattennetze auf den Boden wirft . Da merke ich überhaupt immer erst wieder , daß die Welt den Himmel , nicht die niedrige Stubendecke über sich hat , und man nicht nur Steindrucktafeln machen braucht zum Zeitvertreib , auch aus den Stubenwänden hinausfliehen und die ferne , weite Welt ringsum anstaunen kann und Leben fühlen . « Der Brief war , wie ihn nur Einhart schreiben konnte . Er ging aus dem Hundertsten ins Tausendste und nahm kein Ende . Und hatte am Eingang ausgelassene Neckereien und am Ende Einfälle . Und ein Denken an daheim kam nur noch wie eine leere Formel nachgehinkt . Denn Einhart war gesunden Blutes . Daß die daheim krank seien , daß es ihnen nicht wohl sein könnte , daran dachte er mit keiner Silbe . Und daß er Grüße wirklich anfügte , hatten nur die Lehrer verschuldet . Und Einhart tat es mit dem Gefühle , daß er sich am Schlusse des Briefes doch auch einmal vor Vater verneigen müßte , wenn der Vater den Brief oder einiges daraus zufällig zu hören wünschte . Aber Herr Selle bekam dann auch plötzlich wieder einen Brief von Einhart , der zunächst einige Aufregung ins Haus trug . Man hatte erwartet , man könnte nun Jahre ruhig sein , und Einhart würde so , ein gutmütiger Lehrling , allmählich zum Gesellen erwachsen und ein ehrlich-frommer Steindruckmeister werden . Wenn Rosa alle Briefe gezeigt , hätte von solchen Erwartungen nicht die Rede sein können . In einem hatte gestanden : nein , nicht im Briefe - in einem Zettel , der danebensteckte , und auf den er geschrieben : » Ich schreibe das nur auf das Zettelchen , denn das darfst Du einstweilen niemand sagen , auch der geliebten Mutter nicht , die sich nur ängstigt . « Da