kaum verstand , und die ihm so fremd waren , wie die Neger an den Strömen Afrikas . Aber eines war gewiß . Er durfte den Erlaß seiner vorgesetzten Regierung nicht einfach beiseite legen ; er mußte Eifer zeigen . Nach längerer Überlegung hatte er das vertrauliche Schreiben an die Pfarrer seines Bezirkes gerichtet , betreffend Gemeindewahlen . Mit der Bitte , die Leute namhaft zu machen , welche sich in der Agitation für den Bauernbund hervortaten oder von denen solches zu erwarten stand . Das Ergebnis war befriedigend . Otteneder konnte einen umfangreichen Akt anlegen , der als Beweis für einen bereitwilligen Fleiß gelten durfte . Nicht jeder Pfarrer schickte eine Liste . Aber der Ausfall wurde gedeckt durch den Eifer der anderen . Die längste kam aus Erlbach . Von 106 Gemeindebürgern mußte Herr Jakob Baustätter leider 59 als schlechtgesinnt bezeichnen . Sein Bericht begann mit der Erklärung , daß nicht etwa seit kurzem eine betrübende Abneigung gegen die Kirche und jegliche Autorität zu bemerken sei . Diese wäre bereits zutage getreten , als der hochachtungsvollst Unterfertigte den Bau eines neuen Turmes beantragte . Was damals von einem königlichen Bezirksamte vielleicht nicht so gewürdigt worden sei . Natürlich in wohlmeinendster Absicht . Nach dieser Einleitung kam das Verzeichnis der Abtrünnigen ; bei jedem Namen eine Randbemerkung . Der Schluß lautete wörtlich : » Einem hohen Bezirksamte kann ich nicht umhin , noch eine sehr wichtige Mitteilung zu machen . Es verlautet , daß in diesem Jahre Andreas Vöst Bürgermeister werden soll . Dieses wäre von den schwersten Folgen begleitet . Vöst ist die Seele des Aufruhres und ein rachsüchtiger Mensch . Ich möchte hinweisen , daß ich zur rechten Zeit gewarnt habe , wenn sich ein unermeßlicher Schaden ergibt . « Otteneder übersah die anmaßliche Bosheit nicht , welche in diesem Satze steckte . Er mußte ihn ernst nehmen ; nicht , weil er den Andreas Vöst , sondern , weil er den Jakob Baustätter scheute . Den Herrn Pfarrer von Erlbach , welcher ihm zu verstehen gab , daß er die Welt mit Lärm erfüllen werde , wenn sein Wunsch kein Gehör fände . Und Otteneder wußte jetzt , daß die Umfrage ein Fehler war . Indem er diese Herren um Auskunft anging , gab er ihnen ein Recht , Ratschläge zu erteilen . Indem er sie um einen Dienst für das allgemeine Wohl ersuchte , verschaffte er ihnen Gelegenheit , ihre persönlichen Interessen hinein zu mengen . Er hatte sie im voraus zu Richtern über den Ausfall der Wahl bestellt . Wenn er es recht überlegte , blieb ihm nur mehr ein Weg offen . Er mußte mit dem Klerus gehen und sich den Anschein geben , als wenn er seine Wünsche teile . Es geschah ihm das gleiche wie der Staatsregierung . Er wollte die Geistlichkeit für seine Zwecke benützen und diente unversehens den ihrigen . Wer Freude am Herrschen hat , unterwirft sich aber nicht gerne , und deswegen war Franz Otteneder schlechter Laune . Er stand wieder auf und stellte sich an das Fenster . Die Bürger kamen gerade aus der Brauerei . Prantl schüttete eine Prise Tabak auf die Hand und schnupfte . Der Melber Wimmer schaute in die Sonne und gähnte herzhaft . » Das ist ein Volk , « sagte Otteneder , » das frißt und sauft den ganzen Tag . « Sechstes Kapitel Zu Allerseelen konnte man sehen , wer in Erlbach Geld hatte . Die Gräber der reicheren Leute waren schön geschmückt mit Kränzen aus Strohblumen , an denen Glasperlen hingen . Große Laternen mit roten und blauen Gläsern warfen ein auffälliges Licht auf die steinernen Engel und die Kreuze und Anker . Es konnte keiner daran vorbeigehen , ohne zu sagen : » Da liegt der Paulimann oder der alte Hahnrieder . Es ist eine Pracht , wie sie das Grab hergerichtet haben . « Auch die Ruhestätte der Anastasia Vöst war in gutem Stande . Ihr Name prangte mit neuen goldenen Buchstaben unter dem des ehrengeachteten Johann Vöst , welcher zu Lebzeiten ihr Ehemann gewesen war . Daneben sahen die Gräber der kleinen Leute noch einmal so dürftig aus . Die hölzernen Kreuze waren verwittert und die Inschriften so unleserlich , daß unser Herrgott Mühe haben mußte , wenn er die kleinen Häusler und Ehehalten nicht verwechseln wollte . Da waren keine künstlichen Blumen und keine Kränze mit Glasperlen , sondern Tannenreisig und Stachellorbeer . Hier und dort war eine windschiefe Stallaterne aufgestellt , in der ein Lichtlein brannte , so kümmerlich und unansehnlich , wie das Leben dessen war , der hier auf die Auferstehung wartete . Das Seelenamt war zu Ende , und aus der Kirche kamen in feierlicher Prozession alle Gläubigen mit dem Pfarrer an der Spitze . Sie gingen an den Gräbern entlang , und alle zwei Schritte hielten sie . Dann tauchte der Pfarrer den Wedel in das geweihte Wasser und sprengte es nach links und rechts . Über die Ruhestätten der Reichen ging ein Regen nieder ; man hörte ihn auf den Kränzen und Blumen rauschen ; die Armen , welche weiter entfernt lagen , bekamen nur ein paar Tröpflein . Aber sie waren auch damit zufrieden , und die kleinen Lichter in den Stallaternen erschauerten ehrfürchtig vor dem Segen . Der Kooperator schritt hinter dem Pfarrer einher und respondierte seinem Gesange . » Requiescat in pace ! « Er spitzte bei den lateinischen Worten den Mund und machte ihn rund und zierlich . Er sah zum Himmel auf ; demütig und doch mit stolzem Vertrauen . Als wollte er dem , der über den Wolken thront , sagen , er könne vollauf zufrieden sein mit diesem seinem Geschöpfe Aloysius Sitzberger . » Requiescat in pace ! « Der Kooperaror ließ seine Augen wieder auf irdischen Dingen haften , und plötzlich richteten sie sich stechend auf einen Punkt . Er beugte sich vor und flüsterte dem Pfarrer einige Worte zu . Der hochwürdige Herr wendete das Haupt und blickte ebenfalls