auswärtiger Häuser sei , könne nur Jemandem erklärt werden , der wie er in der Welt herumgekommen sei und nicht immer zu Hause gesessen habe . Dieser Mann lernte des Pfarrers Schwester , die Friederike hieß , bei einem winterlichen Tanzvergnügen in der kleinen Stadt kennen und faßte gleich eine heftige Zuneigung zu dem Mädchen ; und da er selbst auch etwas ganz Absonderliches war , und vornehmlich weil er einen bösen Ruf hatte , so erwiderte diese die Zuneigung in kurzer Zeit und ohne daß er viele Mühe aufwenden mußte . Dem guten Pastor wurde wohl hinterbracht , daß die Zwei Heimlichkeiten miteinander hatten ; aber der lachte bloß und sagte , die Friederike sei ein Kind , und er kenne sie besser wie alle andern . Indessen ließ den Amerikaner sein böses Blut nichts auf ordentlichem Wege betreiben , und deshalb ging er nicht zum Bruder , wie es sich gehörte , ihm seine Pläne und Verhältnisse mitzuteilen , sondern er beredete die kleine Friederike , daß sie mit ihm heimlich entfloh , bis sie beide nach Hamburg kamen ; und wie sie inzwischen Besinnung erlangte , so schrieb sie von da einen traurigen Brief an den Pastor , bat ihn um Verzeihung für das Leid , das sie ihm zugefügt , und gab als einzige Entschuldigung an , wie er ihr die Flucht vorgeschlagen habe , da sei es ihr gewesen , als ob sie ihm folgen müsse , und über nichts habe sie mehr nachdenken können , was solche Flucht denn bedeute und nach sich ziehe . Der gute Bruder reiste gleich und traf die beiden auch in der großen Stadt , wie sie auf ihr Schiff warteten . Da hatte er mit dem Amerikaner eine Unterredung , wie es nun mit ihm und Friederike werden solle ; und zeigte sich , daß der Mensch gar nichts hatte , wovon er selbst und seine künftige Frau leben konnten , denn er war als ein Habenichts auf dem Zwischendeck nach Deutschland zurückgekommen , und jetzt lebte er von dem , was er von seiner Mutter mitgenommen , die ihm hatte sein geringes Erbteil auszahlen müssen . Er entschuldigte sich aber , indem er sagte , nachdem ihn das Schicksal als einen armen Menschen in die Welt geworfen , dürfte ihm doch niemand Vorwürfe machen , wenn er wenigstens Liebe begehre , auf die doch jeder Mensch Anspruch habe . Dem frommen und treuherzigen Pastor war es recht schwer , sich in die Geistesverfassung des anderen hineinzudenken , indessen fand er , daß er selbstsüchtig sei ; wie er aber das Friederike sagte und sie mit Tränen in den Augen bat , sie solle mit ihm zurückkehren , wurde die gekränkt über den geringen Vorwurf , den er dem Amerikaner machte , und sagte , wenn ihr Liebster arm und unglücklich sei , so sei ihr Platz erst recht an seiner Seite , und sie wolle ihm schon helfen und ihn fördern . Dergestalt erreichte der treue Bruder nichts , außer daß er sie wenigstens noch vor ihrer Abreise nach Amerika trauen durfte , nachdem sie sich vor dem Standesamt zusammengetan hatten . Es verging nur eine ganz geringe Zeit , da kam aus Amerika ein schmerzensreicher Brief von der armen Friederike , und machte sich der Pastor wieder auf , fuhr selbst über das Wasser und holte sein Schwesterchen nach Hause , denn jetzt folgte sie ihm willig . Sie sah krank aus , wie sie kam , mit hohlen Backen und ungesund glänzenden Augen ; die Haare trug sie kurz , denn ihre schönen Zöpfe hatte ihr der schlechte Mensch abgeschnitten und verkauft . Bald gab sie einem Kinde das Leben , einem gesunden und starken Jungen , der gleich recht unbändig schrie ; aber von dem Kinde erholte sie sich nicht wieder , und nach einigen Monaten starb sie in gänzlicher Erschöpfung aller Lebenskräfte ; wie sie im Letzten lag , rief sie in Liebe und Sehnsucht immer nach ihrem bösen Mann und bat , er solle ihr verzeihen , sie habe ihn lieb gehabt . Den Jungen behielt der Pastor und zog ihn auf , in Liebe nach Spuren von seiner Mutter Wesen in ihm suchend , und in Furcht , daß seines Vaters Art auf ihn vererbt sein könne . Dieser Junge war Karl Gleichen , der mit Hans zusammen in des Pastors Studierstube saß und die Anfänge des Lateins lernte . Karl Gleichen wird den Hans Werther eine lange Weile begleiten , deshalb ist so ausführlich über seine Eltern geredet ; denn aus deren Schuld und Art entstand sein Wesen , das in allem anders war wie Hansens Wesen . Karl war ein anmutiges und liebenswürdiges Kind , jeder Güte zugänglich und leicht nachgebend bei scharfem Zureden , offenherzig und gutmütig , und gern hätte er Allen geschenkt ; sein Verstand faßte leicht auf und behielt schnell , und ohne Mühe zog er Schlüsse : jeder hatte ihn lieb und war gütig gegen ihn , weil er ein so begabtes , gut geartetes und sonniges Kind schien ; aber er war erzeugt durch Schwäche und Selbstsucht , und ein ernster Mann hätte in seinen Vorzügen vielmehr Fehler gesehen . Seine Güte entsprang nicht aus einer Stärke , sondern aus einer Kraftlosigkeit , weil er sich nicht wehren konnte gegen den Einfluß fremden Willens und schnell gerührt wurde und mitlitt ; seine leichte Auffassung entstand dadurch , daß in ihm selbst nichts Eigenes und Starkes war , das sich gegen die fremden Gedanken wehrte , sondern leicht hielten diese fremden Gedanken bei ihm ihren Einzug , nahmen Besitz von den Kammern seines Verstandes und zeugten hier Kinder ; zwar blieben sie immer nur Fremde , und wenn eine neue Einwanderung kam , so mußten sie bald weichen . So geschah es , daß er selbst Auswendiggelerntes nach längerer Zeit , wenn er es nicht gebraucht , plötzlich spurlos verloren hatte , als habe er es nie gehabt . Seine Offenheit hatte denselben Grund