Deich beinah gebrochen und nur einen Meter breit stehengeblieben war . Wie da die haushohen Wellen herüberschlugen und die Menschen , die sich hinauswagten , wie Papierfetzen herumflogen . - Dann kam das rote Deichwärterhaus mit dem kleinen , sonnenverbrannten Garten , der Bootschuppen , das Dock , wo alte Schiffe zum Ausbessern lagen . Dicht beim Hafen begegneten sie vielen Spaziergängern , immer die gleichen , die jeden Abend hier herausgingen , all die bekannten Gesichter aus der kleinen Stadt . Das Grüßen nahm kein Ende , hier und da mußten sie auch stehenbleiben und ein paar Worte sprechen , bis sie endlich in die schmalen Hafenstraßen einbogen , über den Markt unter dem Rathausbogen durch und schließlich die dunkle Kastanienallee zum Schloß gingen . Ein paar Tage später , als Ellen zur Stadt war , ging die Mutter in ihr Zimmer hinauf : » Ich muß doch einmal sehen , was sie da immer treibt , wenn sie allein ist « , dachte sie . - Ellen hatte vergessen wegzuräumen , da standen drei Bilder von Editha mit Blumen davor , auf dem Tisch lag ein langer , angefangener Brief an die Freundin , der bittren Weltschmerz atmete und endlose Klagen über Ellens elendes Los . Und daneben ein dickes , ledernes Buch mit selbstgeschriebenen Gedichten , das die Mutter noch nie gesehen hatte . Sie nahm es mit ins Wohnzimmer , setzte ihre Brille auf und las den ganzen Nachmittag . Als Ellen nach Hause kam , warf Mama ihr das Buch vor die Füße . » Du hättest es verdient , daß ich es dir um die Ohren schlage . Was ist das für ein unerhörtes Zeug ? Schämst du dich denn nicht , so was zusammenzuschmieren ? Das hört jetzt auf , verstanden ? - Und was du da an deine Editha schreibst - du meinst wohl , daß dir arges Unrecht geschieht , wenn du nicht all deinen verrückten Einbildungen folgen sollst . Von jetzt an lese ich all deine Briefe , verlaß dich darauf . « Ellen stand zuerst wie versteinert . Wie konnte Mama sich das herausnehmen , in ihren tiefsten , innersten Geheimnissen herumwühlen - ja , jetzt schämte sie sich allerdings - ihr war , als ob man ihr alle Hüllen von der Seele gerissen hätte und dann kam eine sinnlose Wut über sie . - Sie schrie der Mutter alles ins Gesicht , was an Groll in ihr aufgespeichert war . » Ich wollte , ich wäre Gott weiß wo , nur nicht mehr bei euch , in dieser Hölle . Aber ich laß es mir nicht mehr gefallen . Lieber lauf ich fort oder bring mich um . « Einen Augenblick war es ganz still im Zimmer - Ellen hatte den Arm erhoben in drohender Abwehr : » Rühr mich nicht an , Mama ! « Denn die Mutter hatte sie schlagen wollen . Ellen kam wieder fort von zu Hause . Der Vater hatte sie zu sich rufen lassen und lange mit ihr darüber gesprochen . Ihr ganzer Trotz zerfloß in Tränen - sie hatte nie geglaubt , daß Papa so gut wäre , so vieles verstehen konnte und ihr helfen wollte . So wurde sie denn auf längere Zeit zu ihrer Tante Helmine Olestjerne geschickt . Es war eine jüngere Schwester des Freiherrn , die für sich allein in ihrem eignen Haus und Garten lebte und eine besondere Vorliebe dafür hatte , sich bedrängter Jugend anzunehmen . Bei ihr konnte Ellen frei heraus mit allen ihren Beschwerden und unruhigen Wünschen . Schon am ersten Abend , als sie bei Tante Helmine in dem gemütlichen Wohnzimmer mit altväterischen Möbeln und Familienbildern saß , erzählte sie all ihre Erlebnisse zu Hause und in der Pension . Die Tante hörte aufmerksam zu : » Ja , mit deiner Mama ist es sehr schwierig - ich habe sie auch manchmal nicht verstehen können . Du bist ja jetzt groß genug , daß man mit dir darüber reden kann . Aber bei mir sollst du dich nun einmal wirklich wohl fühlen und soviel Freiheit haben , wie ich dir mit gutem Gewissen geben kann . Es ist eine Malerin hier , bei der du Stunden nehmen kannst , wenn du so große Lust dazu hast . « Ob sie Lust hatte ! Ellen riß beinahe das Tischtuch mit Lampe und allem herunter und fiel der Tante um den Hals . » Und wenn die sagt , daß du Talent hast , lassen sie dich vielleicht auch zu Hause dabei . Dann hast du wenigstens eine Arbeit , die dir Freude macht . « Ellen bekam ein Zimmer als Atelier eingerichtet und warf sich gleich vom ersten Tage an mit Heißhunger auf die Arbeit , mit ihrer vollen , gesunden Jugendkraft , die sie bisher fast wie etwas Überflüssiges gedrückt hatte und jetzt mit einemmal in ihr aufjauchzte , weil sie ein Ziel bekam und das Ziel , das ihr glühendster Wunsch war . Am liebsten stand sie die ganzen , langen Sommertage vor der Staffelei oder streifte mit dem Skizzenbuch draußen herum , statt mit der Tante auf Besuche zu fahren oder Vergnügungen mitzumachen . Ihre Lehrerin betete sie etwas scheu und aus der Ferne an - eine Künstlerin , die in Paris und München gewesen war , ein Wesen aus einer ganz andern Welt , von der Ellen nichts geahnt hatte und alles mit staunender Glut verschlang , was sie jetzt erfuhr . Sie schämte sich ihrer bodenlosen Unwissenheit - hatte noch nie ein richtiges Bild gesehen , nicht einmal gewußt , daß man nach lebenden Modellen malte , und tat so dumme Fragen , daß Fräulein Hunius oft lächelte . Und wie die da herumging zwischen all den beschränkten , engherzigen Leuten - nur ihrer Kunst lebte . Nur der Kunst leben . Ellen fing an zu ahnen , was das sein müßte . Wenn die Lehrerin zur Stunde kam , stand sie bebend hinter ihr und folgte jedem