es nicht , Mama ? Er war ganz klein mit einem großen Bart , so wie die Zwerge immer sind , Mama . « Fräulein Begas warnte zuweilen : » Das ist nicht gut , Frau Josy , das Rösli phantasiert so viel zusammen , Sie als Mutter sollten das nicht dulden . « Dann lächelte Josefine . » Lassen Sie doch . Das Kind ist glücklich . Ich freue mich über seine schöne Mitgabe für das schwere Leben . « » Ich freue mich nicht ! Das Rösli wird konfus und unzuverlässig . Es lügt ganz ruhig , gerade ins Gesicht . « » Ach , Fräulein Helene , Sie sind Mathematikerin ! Lassen Sie dem Rösli sein harmloses Spiel . Das Leben ist so grau - - « Zum Schlusse fiel Fräulein Begas über Laure Anaise her : » Auch Laure Anaise ist nicht klar . Sie macht Ausflüchte , wenn sie was pecciert hat . Und den ganzen Tag sind die Kinder mit der zusammen . « Dann ward Josefine gereizt . » Sie verstehen das nicht , liebe Helene , Sie können Laure Anaise nicht begreifen . Das Mädchen ist wie ein Stückchen Natur , und mir sagt sie immer die Wahrheit . Ich habe Laure Anaise sehr lieb , und die Kinder hängen an ihr . Was wollen Sie weiter ? « Einmal nach solchem Gespräch kam Laure Anaise ins Zimmer . Sie brachte ein Körbchen voll zarter Herbstzeitlosen in dunkelgrünem Moos und strahlte vor Freude . » Ach , die sind ja giftig ! « rief Fräulein Begas unzufrieden . In Josefines müdem Herzen aber erwachte ein Sturm von Zärtlichkeit . Sie nahm das zierliche Mädchen in die Arme , preßte sie an sich und küßte ihre glänzenden Kirschenaugen , in die das krause Haar hineinhing . » Ich bin froh , daß du da bist , Laure Anaise . « Hinter der Portiere stürzte Hermann hervor : » Mich auch , Mama ! Mich auch küssen , Mama ! « Rösli aber hatte sich zwischen den Vorhangfalten verkrochen und beobachtete stumm und gespannt ihre Mutter und Laure Anaise , die Hermann vergeblich wegzudrängen suchte . Röslis dunkle Augen glühten , ihr kleines leidenschaftliches Gesicht zuckte in verhaltenem Weinen . Und dann , als Josefine hinausgegangen war , ohne sie zu beachten , ohne sie zu sich zu rufen , stampfte sie mit den Füßen und brach in unstillbare Tränen aus . Über den Flur schrie und wimmerte es : » Papa ! Papa ! Papa ! « Fräulein Begas suchte die Kleine zu beruhigen , es gelang ihr nicht . » Was ist euch ? Was fällt euch ein ? Wollt ihr schweigen ! « rief Josefine zornig hereinstürmend . Die Kinder blickten trotzig zur Seite . Sie saßen auf einem Bänkchen , hielten sich umfaßt und schrien um die Wette . » Wir wollen zum Papa , « sagte Hermann ; sein Gesicht hatte einen so bekannten Ausdruck , daß Josefine zusammenschrak . » Wir wollen nach Afrika , wo Papa ist ! « Da kam es wie ein Entsetzen über Josefine . Sie fühlte eine Kälte herwehen von dem Plätzchen , wo die Kinder saßen . Sie entgleiten mir , dachte sie , ich kann sie nicht halten . Ich gebe mein Leben für sie , und sie entgleiten mir . Sie wollte niederknien , die Kinder umfassen , mit ihnen weinen , ihre Tränen trocknen , aber sie blieb stehen , starr aufrecht , tränenlos , mit geballten Händen . Sie sah auf einmal fremde Kinder vor sich , die ein ihr unbekanntes Weh weinen machte ; - sie sah sich selbst einem unbekannten Ziel nachrennen auf unbekannten Wegen . Die Wege führten sie weit , weit fort von jenen fremden weinenden Kindern . In diesem selben Augenblick - was ist das ? Woran denke ich ? Denke ich an die interessante Anamnese von heute morgen oder denke ich an die Kinder ? Ein Schleier zerriß , sie fühlte die Leere um sich wie eine scharfe , bis ins Mark fressende Kälte . Ist alles Betrug ? Wozu leb ich ? Leb ich nicht für sie ? Bin ich ganz allein ? Ist jeder so allein wie ich ? Sie konnte die Kinder nicht ansehen . Sie fühlte : Es sind seine Kinder . Meine nicht . Ich liebe sie nicht genug . Zwickys laute , lärmende Stimme tönte über den Flur . Hermann erhob den Kopf und schüttelte seine Schwester : » Onkel Zwicky soll uns reiten lassen , komm . « Mit furchtsamen Blicken nach der Mutter , die in müder Haltung in einem Stuhl hing , schlichen die Geschwister hinaus . Rösli schluchzte noch eine Weile , bis sie sich beruhigte . Mit Laure Anaise aber wollte sie den ganzen Tag nichts zu tun haben . Abends noch beim Auskleiden stieß sie mit den Füßen nach ihr . » Unsinn ! « sagte sich Josefine , als sie die kleine Gesellschaft lachen und jauchzen hörte , » die Kinder entbehren nichts . Meine Sentimentalität meldet sich wieder . Die schlauen Schelme haben bemerkt , daß ich unruhig werde , wenn sie nach dem Papa schreien , und nun probieren sie ' s immer von neuem . Ich gebe den Kindern jeden freien Augenblick . Dies Kopfzerbrechen über unabänderliche Dinge ist ein schädlicher Zeitvertreib . Und ich habe nicht einmal Zeit . Ich habe Besseres zu tun . Ich arbeite , um den Kindern eine Existenz zu schaffen . Wenn ich die Kinder nicht gehabt hätte , hätte ich das Leben nicht auf mich genommen . Jetzt ist es mir recht , daß ich es getan habe . Es ist der Mühe wert , gelebt zu werden , solch ein Arbeitsleben . Man wird stark davon . Die Kinder werden einmal einsehen , wie schwer das war . Wenn ich die Kinder nicht hätte , wie unendlich viel einfacher läge alles . Dann könnte ich mich ganz dem