. Ehe er sich zum Schreibtisch setzte , trat er ans Fenster . Von hier aus sah er ein hübsches Bild : Im Schatten der alten Linde , unter der Hut eines Mädchens in russischem Bauernkostüm , die rosa Wiege seines Sohnes und eben aus einer Nebenallee herbeieilend , in ihrem flatternden weißen Kleide , Beatrix . Nun war sie zur Stelle und beugte sich über das Wägelchen . Rudolf blieb beim Fenster stehen und schaute der kleinen Familienszene zu . Am liebsten wäre er hinuntergegangen , um sie durch seine Gegenwart zu vervollständigen . Aber er war ja da , um zu arbeiten . Zögernd verließ er die Fensternische und sein Blick fiel - am anderen Ende des » Harlekinzimmers « - auf den Arbeitstisch des Landwirts , worauf ein Paket lag , das er nicht kannte - da mußte er doch nachsehen : vielleicht etwas Dringendes Er ging hin , nahm das Päckchen zur Hand - es war inzwischen von der Post gekommen - , entfernte die Hülle und fand - was er bestellt hatte - einige kleine Modelle von Dresch- und Säemaschinen . Die Dingerchen interessierten ihn lebhaft . Schon wollte er die Klingel ziehen , um den Verwalter rufen zu lassen ; doch rechtzeitig besann er sich , daß es jetzt anderes zu tun gab . Nichts Geringeres als ein Programm aufzusetzen , das den Ausgangspunkt seiner öffentlichen Laufbahn bilden sollte . Nachdenklich schritt er zum Schreibtisch des » studio « zurück . Zum erstenmal stieg ihm ein Gedanke auf , der in der Folge sich oft einstellen sollte : » Man kann nicht zween Herren dienen . « Und gar dreien : die Familie , die Landwirtschaft und ein Apostolat . Dazu noch alles , was mit seiner Lebensstellung zusammenhing : der Umgang mit den Standesgenossen und die daraus erwachsenden geselligen Pflichten , die Nachbarschaften mit ihren Besuchen , ihren Jagden ; die Jagden auf der eigenen Domäne , bei welchem Anlaß Brunnhof sich mit Gästen füllte und wobei die Tage und Abende nur mit Sport und Billard- und Kartenspiel gefüllt waren ; ein Gesellschaftskreis , dessen Interessen und Begriffe von den Interessen und Begriffen , die seine Lebensaufgabe abgaben , durch einen Abgrund getrennt waren . Doch , den Gedanken : » man kann nicht zween Herren dienen « suchte Rudolf abzuschütteln ; man hat eben einen ganzen Kreis von Pflichten und muß allen gerecht werden können ... alles zu seiner Zeit ... und das Leben will auch genossen sein ... ich werde doch den Freuden , die mir von meinem häuslichen und geselligen Leben geboten werden , nicht allen entsagen sollen ... und auch die den nächsten Kreisen schuldigen Rücksichten darf man doch nicht außer acht lassen , wenn man in der Öffentlichkeit wirken wollte . Man muß nur in den Stunden , die man einer gewissen Sache widmen wolle , auch ganz bei der Sache sein ... An die Arbeit ! Er legte ein weißes Blatt vor sich hin und nahm die Bleifeder zur Hand . Die Stirn in die linke Hand gestützt , blieb er lange in Nachdenken versunken . Mechanisch führte die rechte Hand Arabesken auf dem oberen Rand des unbeschriebenen Blattes aus . Seine Gedanken zogen weite Kreise . Den ganzen Komplex seiner Einsichten , Schlüsse , Sehnsuchten umfaßten sie . Den Untergrund bildete das Bewußtsein , im Besitz einiger großer , im politischen Leben und in sozialen Einrichtungen noch ganz neuer Wahrheiten zu sein . Die mußten deutlich herausgekehrt , die mußten formuliert werden . Damit theoretische Wahrheiten sich in politische Institutionen , in soziale Sitten umwandeln , dazu müssen sie in die Köpfe der Leiter und der Massen dringen . Zu der Ausführung weittragender Ideen ist dem einzelnen Abgeordneten freilich keine Macht gegeben ... Werkstätte ist das Parlament ja nicht , aber eine Tribüne ist es . Der Predigt in einer Kirche lauscht nur eine kleine Gemeinde ; die Parlamentsrede , von allen Blättern wiedergegeben , dringt ins ganze Land und über die Grenzen hinaus . Und nun begann er zu schreiben . Einzelne Hauptworte , durch Punkte getrennt . Gewissermaßen Leitmotive , Absteckpfähle . Gemeinwohl . Gerechtigkeit . Versöhnung . Und noch eine ganze Reihe so fort . Als er die Liste überlas , fiel ihm auf , daß diese Worte , die bei der Niederschrift mit ganzen Begriffsketten und Bilderreihen seine Seele erfüllt hatten , voll Größe und voll Verheißung - - daß diese Worte abgegriffene Münzen , schlimmer noch : falschen Spielmarken glichen ; denn seit Jahren und Jahren und immer wieder , bei jeder neuen Programmrede , in jedem Wahlaufruf wurden solche und ähnliche Worte vorgebracht , - wie sollte da mit das Neue und Erhabene , das ihm vorgeschwebt hatte , würdig ausgedrückt werden ? Goldechtes Gold war ' s , was er seinen Mitmenschen hätte bringen wollen ; wenn er ihnen aber auch nur diese alten , verbogenen Messingmarken brachte , wie sollten sie Vertrauen fühlen - wie den verheißenen Schatz erkennen ? Freilich - Gerechtigkeit , Versöhnung und Gemeinwohl ; besseres könnte ja ein Volksvertreter nicht versprechen ; das traurige ist nur , daß es noch von allen jenen versprochen worden , die das Gegenteil verfolgen , die statt der Gerechtigkeit - der Gewalt Vorschub leisten , die statt Versöhnung - Verhetzung betreiben ; die das Wohl der Parteifraktion über alles andere stellen . Für die meisten bedeutet Politik eben gar nichts als : Kampf der Klasseninteressen . Oder auch ein Sprungbrett für persönlichen Ehrgeiz , ein günstiger Posten zur Erlangung eigenen Vorteils . Und die ausgegebene Parole heißt immer » Gerechtigkeit , Gemeinwohl « . Rudolf suchte nach einem andern Wort . Was not tut , ist nicht das Herzählen der in allen Morallehren , allen Katechismen , allen Festansprachen wimmelnden Tugendnamen ; was not tut , ist - jetzt hatte er das Wort : Verwirklichung . Er tat einen tiefen Atemzug . Wie eine Welle der Energie und des Tatendranges hatte es ihm durch die Brust geflutet .