Weise schon vorher besorgt - also spitze die Ohren , das ist das einzige , was Dir noch zu thun übrig bleibt und höre : Ich bin zum ersten Feiertag bei Oberstleutnants eingeladen . « Sie betonte jedes Wort einzeln und setzte einen dicken Gedankenstrich zwischen jede Silbe . Lotte richtete sich nun doch in die Höhe und sah Lena ungläubig an . » Geh doch , Du machst Dir einen Witz mit mir , Lena . Dafür bin ich heut nun gerade nicht aufgelegt . « Lena packte die Schwester bei den Schultern . » Aber nein , aber nein . Du kannst mir ' s schon glauben . Heut in der Pause kamen die beiden Fräulein von Strehsen ganz feierlich an - die Bemerkung von damals , weshalb all ' ihre Brüder zum Militär müssten , wenn kein Geld dazu da sei , hat Fräulein Clementine , wie ich damals gleich vermutete , mir längst vergeben - und fragten , ob ich am ersten Feiertag abends ihnen das Vergnügen meines Besuches schenken wollte . Du siehst , Lotte , ich avanciere schneller als Du . « Dabei riss sie die Schwester an sich und küsste sie übermütig auf den Mund . Lotte seufzte , machte sich los und vergrub den heissen Kopf wieder in den Kissen , während Lena , das Ende ihres Zopfes zwischen den schimmernden Zähnen , lustig weitersprach . » Es wird nur ein kleiner Kreis beisammen sein - sonst könnte ich ja auch , der Trauer wegen , nicht hingehen . Ein paar junge Mädchen , zwei der Brüder , ein Kadett und ein Leutnant , und ein paar Freunde des Leutnants , simple Zivilpersonen . Ihr Vater , so habe Elisabeth , die zweite Strehsen , ihr erzählt , sei zwar sonst gar nicht für die Geselligkeit , aber zu Weihnachten werde allemal eine Ausnahme gemacht . Na , was sagst Du nun , Lotte ? « Dabei liess Lena , die inzwischen ihre Nachttoilette beendet hatte , ihren Zopf wieder frei , zog die Strümpfe von den flinken kleinen Füssen und schlüpfte neben Lotte unter die Decke ihrer eigenen schmalen Bettstatt . » Wenn die in unserem Nest zu Hause das hören , die platzen vor Neid . Bei einem wirklichen adligen Oberstleutnant , mit Leutnants , Assessoren und sonst noch was . « Lena zitterte förmlich vor Vergnügen . » Du , sag ' ' mal , Lotte , was zieh ' ich blos an ? Mein schwarzes wollenes so ohne ein bischen weiss sieht ganz abscheulich aus . Schwarz steht mir überhaupt scheusslich , Dir viel besser , weil Du helleres Haar und zartere Farben hast . Meinst Du , ich könnte einen weissen Umlegekragen und einen schwarz und weiss karrierten Shlips dazu nehmen ? « » Aber Lena , Muttchen ist doch kaum ein Vierteljahr tot ! « » Freilich - aber - schliesslich - hier wo das Niemand so genau weiss - und dann , ich muss Dir sagen , die schwarzen Kleider machen am Ende auch nicht die wahre Trauer aus . Bei uns hört man so manches , was in schwarzen Trauerkleidern gesündigt wird . « Lotte fühlte sich schwer getroffen . Was hatte sie selbst nicht heut auf ihr Gewissen geladen ! Sie dachte an die schwüle Stunde in der Konditorei und an Herrn Schmittleins Kuss . Gewissensbisse peinigten sie . Gewiss , wie viel schlimmer war das alles , als ein weisser Kragen und ein karrierter Shlips ! . Und während ihr wieder heisse Ströme durchs Blut jagten , als sie der vergangenen Stunden gedachte , sagte sie , ihren Kopf aufs neue vor Lena verbergend , kleinlaut : » Eigentlich hast Du recht . Nimm ruhig einen weissen Kragen und einen karrierten Shlips . Und nun bitte , lösch ' das Licht aus . Mein Kopf thut schrecklich weh . « Lena war im Umsehen eingeschlafen , während Lotte noch stundenlang in fieberhafter Erregung dalag . Sie konnte die wilden , heissen Worte in Gerharts Liedern nicht vergessen , den seltsamen Ausdruck nicht , mit dem seine Augen dabei auf ihr geruht hatten . Würde sie das alles jemals ganz verstehen lernen ? - Die vierzehn Tage bis Weihnachten gingen wie im Fluge dahin . Beide Schwestern hatten alle Hände voll zu thun . Neben den Berufsarbeiten sollten noch Weihnachtsgeschenke für zu Haus und gegenseitige kleine Ueberraschungen angefertigt werden . Und dabei kam Lotte nicht von der Stelle . Die Glieder waren ihr schwer wie Blei , und wie zerschlagen schlich sie umher . Bei der Arbeit sanken ihr die Hände traumverloren in den Schoss . Mit fragendem , suchendem Ton murmelte sie dabei einzelne Stellen aus Gerhart Schmittleins Liebesliedern vor sich hin , unablässig darüber grübelnd , was er mit ihrer Erlösung und der freien Liebe gemeint habe . Ihn selbst hatte sie seit jenem Abend nicht wiedergesehen . Jeder Möglichkeit einer Begegnung ging sie sorgfältig aus dem Wege . Sie machte nur die notwendigsten Gänge und die zu Stunden , von denen sie wusste , dass er im Geschäft festgehalten war . Die Weihnachtsbesorgungen überliess sie Lena . Trotzdem Lotte so träge und zerstreut gearbeitet hatte , war zwei Tage vor Weihnachten alles fertig . Die Hüte für ihre Kundschaft sowohl , als das Hauskäppchen für den Vater , ebenso die kleinen Aufmerksamkeiten für Lena und Frau Wohlgebrecht . Lotte war gerade dabei , das Postpacket für zu Hause zu packen , als es draussen an der Flurthür klingelte . Sie fuhr zusammen und wurde kreidebleich . Mein Gott , wenn er es wäre ! Es war schon spät , fast neun Uhr , und sie war ganz allein . Zögernd ging sie , um zu öffnen . Ein Stein fiel ihr vom Herzen , als sie Frau Wohlgebrecht vor sich sah , trotzdem die kleine Frau ein grimmiges Gesicht machte und heftig auf Lotte einschalt . » Was fällt Ihnen denn ein , Sie kleines Ungeheuer , sich gar nicht