hat recht . « Ihr aber , unsere Freunde , ihr wissenden Männer , die ihr so tief eingedrungen seid in die Kräfte und Schwächen der Menschennatur , ihr weisen Männer , die ihr dieser schwachen , kaum aus der Tierheit erwachten Natur alle guten und großen Einrichtungen abgerungen habt , die das Zusammenleben erst möglich machen , ihr starken Männer , die ihr mit mächtigem Willen , euch selber zu bekämpfen , das , was einem andern Wesen schädlich , in euch zu bekämpfen vermögt , die ihr das Raubtier in euch unterjocht und gebändigt habt , seht einmal her auf die unzählbaren Scharen meiner verachteten , gefallenen , mit Schmach und Hohn bedeckten Schwestern , von denen eine hier vor euch steht ! Wer hat sie , die einmal rein waren , wie eure eigenen Schwestern , in den Staub gezogen ? Wer hat sie einen Augenblick ans wankelmütige Herz gepreßt und sie im nächsten mitleidlos zerfleischt ? Hört es , das leise Aechzen , das jammervolle Stöhnen der Verachteten , der mit Schande Bedeckten , hört es und verkündet es laut und deutlich : » Das alte Dogma des Sündenfalles mit der kläglichen Entschuldigung Adams : das Weib hat mich verführt , erscheint unserm reiferen Verstande als unwürdig und feig . Ja , feig ! feig ! feig ! Unsäglich schwach und verächtlich ist uns der Mensch , der seine Schuld auf einen andern abwälzen möchte , noch dazu auf einen , dessen Schwachheit und Machtlosigkeit er in jedem andern Augenblick als zweites Dogma verkündet ! Unsäglich feig ist uns der starke Mann , der das schwache Weib beschuldigt . Wir brechen mit diesem Dogma . Wir wollen von heute an ehrlich und offen mit euch Frauen verfahren . « Hat es euch , meine Freunde , nicht schon lange geekelt vor dieser Feigheit ? Seht , da ist ein starker , großer Junge , übermütig und der Herr der Welt , aber , wenn er unartig gewesen ist und die Strafe auf sich nehmen soll , dann fängt er an zu heulen und zu klagen : » das kleine Mädchen hat mich verführt , das dumme , schwache Ding , das ich für eine Null ansehe , hat mich verführt ! sie muß die Schuld , sie muß die Strafe tragen ! « Und er geht straflos aus , sie aber trägt die Strafe . Seht hin , wie sie sie trägt ! Seht , wie sie mit zerrissenen Kleidern im Staube sich schleppt ! Unglückliche Eva , warum warst du so lieblich ? Warum blühten deine Lippen wie reife Früchte ? Sie schämen sich ihrer selbst , und darum nennen sie dich die Sünde . » Eva ist die Sünde . « » Eva ist das böse Prinzip ! « Ihr , meine Freunde , ihr starken und weisen Männer , zu denen wir ewig aufsehen werden , brecht offen mit diesem feigen Dogma , und eine andere , bessere , gerechtere Zeit wird kommen ! Dies Dogma steht im Wege . Nach diesem Dogma wird die » Gefallene « mit Hohn und Schande bedeckt ! Es ist Zeit , sich zu erinnern , daß wir Menschen sind , alle miteinander , daß Natur mächtig ist in uns allen , und daß dieses Recht des Stärkeren , zu verachten , was er vernichtet , überlebt , daß es für uns heute kein Recht , sondern ein Unrecht ist ! Es ist Zeit , offen zu bekennen , daß es unschuldige Leiden giebt , und daß dort , wo Eva die Rolle der lockenden Frucht gespielt hat , unschuldiges Leiden ist . Wir haben aufgehört , Krankheit und Armut als Himmelsstrafen anzusehen , hört auch auf , Unglück als eine Strafe begangener Sünden zu betrachten . Müßt ihr aber doch verachten , müßt ihr Unglück strafen und verachten , gut - so verachtet auch mich ! Denn jene » Gefallene « und ich , wir sind Schwestern , und es ist nur mein Glück , daß ich nicht an ihrer Stelle stehe ! So will ich von diesem bevorzugten Platze heruntersteigen und die Wohlthat eurer Achtung dankend ablehnen ! Verachtet mich auch ! Laßt mich mit ihr gehen , mit der Gefallenen , der Geschlagenen , denn sie ist meine Schwester , und in ihrer Brust klopft mein eigenes Herz . Sie verstehe ich ! Euch versteh ' ich nicht ! Nur mein Glück ist es , nur mein Glück , nicht mein Verdienst , daß ich nicht an ihrer Stelle bin ! - - - Schweißgebadet , mit wildem Herzklopfen bin ich aufgewacht ! Lange konnte ich mich nicht besinnen , - immer horchte ich auf Töne , auf Rufe aus jener plötzlich meinen Sinnen entzogenen Welt . » Freigesprochen ? « » In liebevolle Arme geschlossen ? « Wer hat das gesagt ? Ging die eine hinab ? Oder durfte die andre hinaufsteigen ? Den ganzen Tag summt mir diese Frage im Ohr , ich höre garnichts andres . Die schöne Portia glich dir , meine geliebte Mutter ! dir , ganz allein dir ! Sie war so kraftvoll und so voll Liebe . Mir glich sie gar nicht . Ich bin schüchtern wie eine Fledermaus und rede nur in Monologen . Aber der Traum hat mich so beglückt . Ich fühle - er ist Wahrheit . Einmal wird er Wahrheit werden ! Einmal wird sie kommen , die schöne Portia , die lauter Kraft und Liebe ist , und ob sie dann hinabsteigt zu der verachteten Schwester , oder ob sie sie emporhebt - das wird das Gleiche sein . Die Hauptsache ist , daß sie sie anerkennt , daß sie , die schöne Portia , die lauter Kraft und Liebe ist , die Verachtete , Gefallene als ihre Schwester anerkennt . Sofort wird der Makel der Verachtung von ihr abfallen . Im selben Augenblick wird jeder sonnenklar erkennen , daß jene nur deshalb verachtet wurden , weil wir , die Glücklichen ,