liebe kleine Hanne , komm übermorgen Nachmittag zu mir . Nimm Dir aber vor , stark zu sein , denn Du wirst den treffen , nach dem Dein Herz verlangt . Ich möchte beinahe glauben , daß Schüler in Dich verliebt sei . Kaum sprach ich Deinen Wunsch aus , als er auch schon Schritte that , ihn zu erfüllen . Hüte Dich vor Ernst . Er thut nichts umsonst ..... « Im ersten Moment sagte sich Johanne : nein , ich gehe nicht hin . Dann , als der Tag anbrach , da sie hingehen sollte , faßte sie eine verzehrende Neugierde , eine Hoffnung , eine Rührung . Vielleicht kam Gutes aus der Begegnung mit diesem Manne , der doch kein niederer Mensch sein konnte , nach all dem , was er geschrieben hatte . Sie zog ihr bestes Kleid an und ging zu Schülers . Alice war am Theetisch beschäftigt ; um sie gruppiert saßen drei Herren . Zwei von ihnen kannte Johanne . Es waren Mink und Babinsky ; der dritte war ein kleiner , verwachsen aussehender Mensch mit wulstigen Lippen , einer birnenförmigen Nase , rötlichem Haar und klugen , spähenden Augen . » Herr Tage , Fräulein Grün « , stellte Alice die beiden einander vor . Alle schwiegen und blickten auf das junge Mädchen . Sie wurde rot und blaß ; dann sagte sie , die innere Belustigung der Andern ahnend , zu Tage : » Gerade so habe ich Sie mir gedacht « . Alice lachte und zog die Angekommene neben sich auf das Sopha . Tage , der sich neben den Freunden niederließ , blickte ironisch auf die Andern . » Wie schlecht müssen meine Gedichte sein « . Mink schlug ihm auf die Schulter . » Sag doch lieber : was muß ich für ein prächtiger Junge sein , denn daß deine Gedichte vortrefflich sind , bist du ebenso überzeugt wie wir « . Es flogen einige Wortwitze hin und her ; dann reichte Alice den Thee herum . Tage wandte sich an Johanne und zog sie in ein Gespräch . Er hatte etwas Feines , Wählendes in seiner Sprache , etwas überaus Beruhigendes . Jedes Wort schien , ehe es ausgesprochen war , wohl überdacht zu sein . Auch seine Art sich auszudrücken war ungewöhnlich . Man sah , daß er mit Leuten aus der Gesellschaft zu verkehren pflegte . Er war nicht der Mann , wie ihn Johanne aus seinen Gedichten erwarten konnte , aber sie war nun schon gewohnt , alles anders zu finden , als sie gehofft hatte . Im Laufe des Gesprächs fiel ihr auf , daß er gewisse gelehrte , nach Litteraturgeschichte riechende Phrasen wieder und wieder gebrauchte ; auch daß die beiden andern jungen Leute ihn mit besonderer Zuvorkommenheit behandelten . Sie konnte nicht recht klug aus ihm werden . Indes sie nach und nach ihre natürliche Lebendigkeit und Anmut wiederfand und ihre Augen den gewöhnlichen treuherzigen , warmen Ausdruck erhielten , fühlte er sich von Wort zu Wort , das sie sprach , mehr gefesselt . Seine Stärke war es ja , solche kinderreine , liebliche Mädchengestalten zu zeichnen , Mädchen mit blauen Bändern im Haar , voll süßer thörichter Einfalt . Und weil jeder Mann in jeder Frau nur das sieht und hört , was er in sie hineinlegt , so spürte Tage nichts von all dem Starken , Ringenden in dieser jungen Seele . Er hörte nur ihre Unschuld und Sehnsucht reden . Alice unterhielt sich mit Mink und Babinsky , indes sie von Zeit zu Zeit einen forschenden Blick auf die beiden miteinander Sprechenden warf . Als Johanne endlich aufstand - sie fühlte , wie ihre Wangen zu brennen begannen - erhob sich mit ihr zugleich Tage . » Sie gehen ? Darf ich Sie geleiten ? « » Bitte « sagte sie einfach . Die Dichterfreunde erhoben sich ebenfalls . Auf der Straße trennten sie sich von Johanne und ihrem Begleiter . Die Beiden gingen eine zeitlang schweigend hin , dann sagte Tage : » Dichter besitzen etwas , was man poetische Licenz nennt , das heißt : die Freiheit , zu sagen , was andere nicht sagen dürfen . Und wenn ich nun von diesem meinem Rechte Gebrauch mache , werden Sie mir hoffentlich nicht zürnen , nichtwahr nein ? « Sie schwieg verlegen . » Sie sind ein wunderbares Geschöpf . Sagen Sie , haben Sie eigentlich schon einmal geliebt ? « Sie fühlte einen schmerzlichen Stich durch ihr Herz gehen . Sie geliebt ? Wen etwa ? Sie die ganz Einsame . » Nein , ich - ich ging immer allein « . Klang es nicht wie das Bekenntnis eines mittelalterlichen Gretchens : Ich ging immer allein ? » Geben Sie mir doch Ihren Arm « bat er , » es geht sich so besser in dem Gedränge « . Sie legte schüchtern ihre Hand auf seinen Arm . Sie gingen durch elektrisch beleuchtete Straßen , mit herrlichen Schaufenstern , tausenden von Menschen , einem Gewimmel von Wagen , die sich des riesigen Verkehrs wegen nur stockend fortbewegen konnten . Sie fühlte , wie er sie ansah , wie er von Zeit zu Zeit ihren Arm inniger an sich drückte . Ein leiser Taumel ergriff sie . Als ob sie träumend dahinschwebe ... Als sie endlich bei ihrem Hause hielten , sagte er leise : Fräulein Johanne , wann gehen Sie immer nach dem Fröbelhaus ? Würden Sie zürnen , wenn ich - Ihnen begegnete ? « Sie antwortete nicht , sondern schüttelte nach Kinderart den Kopf . Er sah ihr einen Moment lang starr in die Augen , zog ihre Hand an seine Lippen , öffnete ihr die Hausthür und verschwand im Gewühl der Straße . Sie schritt langsam hinauf , berührte kaum ihr Nachtessen , und begab sich zu Bette . Lange Stunden lag sie mit offenen Augen da und lauschte in sich hinein in heimlicher Verwunderung ...... Am andern Tag , als