leeren Stangen forttragen wollte , denn sonst war nichts unten auf den Trockenstätten . Jetzt aber hörte der Leopold gedämpfte Stimmen , die immer näher und näher heraufkamen . Was das Tier für ein feines Gehör hat , dachte er verwundert und streichelte das weiche Fell des Schuftl . Nun lachten und plauderten die Leute unten lauter , und ein heiserer Mensch jauchzte plötzlich so schrill , daß der Lauscher zusammenschrak . » Singen ! singen ! « grölte einer , dessen kurzer raspelnder Ton dem Leopold bekannt war , aber er dachte nicht darüber nach , denn das Jauchzen und Schreien wurde immer wilder . » Na ja . Aber jetzt kusch ! « überschrie das Gelärme eine kräftige Mädchenstimme , und es wurde auch jählings still . Leise hub nun eine sanfte Stimme zu singen an , wie für sich allein , so sacht und weich . - Es waren schier schwermütige Laute , die aus einer jungen Kehle emporstiegen und wie Wellen dahinschwammen , die ganze Luft schien erfüllt von dem flüsternden süßen Gesang . » Aha , die Marie ! « murmelte der Lauscher . Die unsichtbaren Begleiter der Sängerin schrien und klatschten in die Hände , bis wieder der kräftige Ton dareinfuhr : » Still ! Weißt , Marie , wir singen jetzt miteinander das Mariahilfer G ' läut . « Nun begannen die zwei Mädchen gleichzeitig und sangen eines jener wortlosen Lieder , die nur die kleinen Leute , die an den äußersten Enden der großen Stadt wohnen , erfinden , aus der Luft holen und ein paar Wochen lang in die Luft hinaussingen und pfeifen . Richtig , die Strohschneidermädeln , dachte der Leopold , hielt dem Hund die Schnauze zu , damit er nicht knurren oder bellen konnte , grub sein Gesicht in das wollige Fell des Schuftl und horchte . Der Gesang hub wieder an , ernst , fast melancholisch , die beiden Stimmen erklangen wirklich wie abgetönte Glocken , abwechselnd schwang sich jetzt eine über die andere , immer reiner , immer höher , immer fröhlicher , und nun einigten sie sich in einem letzten kecken Hinaufwirbeln und schlossen mit einem hellen Jauchzen jäh ab . » Heiß ich singen « , sagte beistimmend der Grölende , und der Leopold erkannte jetzt , da die Schar schon näher herankam , den Laternenanzünder . » Was fallt nur dem ein , daß er mit der Gesellschaft herumzieht ? « Er wußte nicht , daß auch der alte Dragoner heute sein Teil zu tragen hatte und daß die lustige Bande eine Gefälligkeit für die andere begehrte . Sie hatten geduldig seine Auseinandersetzung über das neue Licht angehört , ihm beigestimmt und zugetrunken , ihn aber dafür durch alle Straßen geschleppt , hinter den anrüchigen Strohschneidermädeln her , sie hatten Staat gemacht mit dem würdigen Laternenanzünder und führten ihn , den der Gesang verlockte , in dieselbe Schenke , in welcher vor Wochen der Leopold die ganze Nacht gelumpt und gezecht hatte . Die fröhlichen Menschen zogen an dem einsamen Mann vorüber , er drückte sich enger an das Tier , damit sie ihn nicht sehen mögen , und als er nach einer Weile den Kopf erhob , gingen sie schon seitwärts die Straße entlang und jauchzten , daß die leichtbewegte Luft das Echo wiedergab . Das eine der beiden Mädchen lachte und kicherte herausfordernd , die Stimme der anderen tönte mild , schier beruhigend hinüber zu dem Lauschenden . » Mitten dahinein in den Trubel , das wäre vielleicht das beste ! - - Ganz den Herrn zeigen , vielleicht hilft die Grobheit mehr als die dumme Lieb . Sie hat Respekt gekriegt vor dem einen Arm und kriegt vielleicht mehr Respekt vor dem Mann , der jetzt nicht heimkriecht und um Verzeihung bittet « , so grübelte der Leopold , während er noch den lustigen Menschen nachhorchte . » Ich könnt ihr heut nicht in die falschen Augen schauen , ob sie mich wieder so anblitzen täten oder verweint wären ... Verweint ? ... Es ist doch eine schmutzige Sache , so auf ein wehrloses Frauenzimmer hinschlagen wie auf einen Lumpen , der einen bei der Nacht anfallen will ... Es ist eine Schand ! Ja ... es ist eine Schand ! « Jetzt war es totenstill um ihn , ein kühler , schwerer , trauriger Herbstabend brach an ; weit drüben lag ein leichtgeröteter Nebel , unter dem die Stadt steckte , und die tausend und tausend Lichter gossen das feine Rot auf die schwere Nebelhülle . Lange starrte der einsame Mann dahin , wo seine Arbeitsstrecke war , dahin sollte er morgen wieder mit einem ruhigen Gesichte gehen , die Lene mußte wenigstens nicht unter die Leute , wenn sie nicht wollte , aber er . - Zwischen der Nebelmauer und dem Platze , wo er jetzt saß , wurde es immer schwärzer , die Öllämpchen der Vorstadt verschwanden ganz , nur in der Nähe , unten vor der Blauen Gans , da glitzerten ein paar Lampen rötlich , wie verkommene Sternlein ohne Rand und Strahlen . - - - Wie traurig erschienen ihm die karg erleuchteten Fenster des Hauses . » Was soll jetzt draus werden ? ... So etwas geschieht da unten alle Tage , und die Leute leben vergnügt weiter . Der Laternanzünder hat der Seinigen auch den Kopf zurechtgesetzt ... Aber die Seinige ist halt anders als die Meinige , das zarte junge Weib . Und bin ich so einer wie er ? « Der Leopold wies mit dem Daumen hinter sich , der Schenke zu . » Ei , hol ' s der Teufel , das Nachdenken macht ' s nur noch schlimmer . « Er sprang auf , schüttelte die Erdklümpchen von seinen Kleidern , strich sich die Haare zurecht und ging langsam den Weg , der hinauf in die Schenke führte . - Der Mond guckte mit halbem Gesicht über die Berge hervor , und sein mattes Licht rann über den Nebel