daß Gelehrte und Denker , wie dieser englische Geschichtsschreiber , daß unzählige Menschen mit ihm , die einstige Kriegsvergötterung verloren hatten , welche - wie sie eine Phase meiner Kindheit gewesen - in diesem Buche auch als eine Phase aus der Kindheit der Gesellschaft dargestellt war . Somit hatte ich in Buckles Geschichtswerke eigentlich das Gegenteil von dem gefunden , was ich gesucht . Dennoch empfand ich diesen Fund als einen Gewinn - ich fühlte mich dadurch gehoben , geklärt , beruhigt . Einmal versuchte ich mit meinem Vater über diese neugewonnenen Gesichtspunkte zu reden - aber vergebens . Auf den Berg hinauf wollte er mir nicht folgen - das heißt er wollte das Buch nicht lesen - also war es aussichtslos , mit ihm von Dingen zu reden , die man nur von dort oben aus wahrnehmen konnte . Nun folgte das Jahr - zweite Phase - , da die Trauer in Melancholie übergegangen war . Jetzt las und studierte ich noch fleißiger . Das erste Werk Buckles hatte mir Geschmack am Nachdenken gegeben und die Freuden eines erweiterten Weltausblickes kosten gemacht . Davon wollte ich nun noch immer mehr und mehr genießen , und so ließ ich diesem Buche noch viele andere , im gleichen Geist verfaßte , folgen . Und das Interesse , die Genüsse , welche ich in diesen Studien fand , trugen dazu bei , die dritte Phase eintreten - nämlich die Melancholie schwinden zu machen . Als aber die letzte Wandlung mit mir vorging , das ist , als die Lebenslust von neuem erwachte , da wollten mir auf einmal die Bücher nicht mehr genügen ; da sah ich auf einmal ein , daß Ethnographie und Anthropologie und vergleichende Mythologie und sonstige -logien und -graphien unmöglich meine Sehnsucht stillen konnten ; daß für eine junge Frau in meiner Lage das Leben noch ganz andere Glücksblüten bereit hielt , nach welchen ich nur die Hand auszustrecken brauchte ... Und so kam es , daß ich im Winter 1863 mich anbot , meine jüngeren Schwestern selber in die Welt einzuführen und meine Salons der wiener Gesellschaft öffnete . Martha Gräfin Dotzky , eine reiche , junge Witwe . Unter diesem vielversprechenden Namen stand ich auf dem Personenverzeichnis der » große-Welt « -Komödie . Und ich muß sagen , die Rolle sagte mir zu . Es ist kein geringes Vergnügen , von allen Seiten Huldigungen zu empfangen , von der ganzen Gesellschaft gefeiert , verwöhnt , mit Auszeichnungen überschüttet zu werden . Es ist kein geringer Genuß , nach beinahe vierjähriger Weltabgeschiedenheit plötzlich in einen Strudel von allerlei Vergnügungen zu gelangen ; interessante , bedeutende Menschen kennen zu lernen , an fast jedem Tage ein glänzendes Fest mitzumachen - und dabei sich selber als den Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit zu fühlen . Wir drei Schwestern hatten den Spitznamen » die Göttinnen vom Berge Ida « bekommen und die Erisäpfel lassen sich nicht zählen , welche die verschiedenen jungen Parisse unter uns verteilten ; ich natürlich - in meiner oben erwähnten Theaterzettelwürde » reiche , junge Witwe « war gewöhnlich die Bevorzugte . Es galt übrigens in meiner Familie - und auch ein klein wenig in meinem eigenen Bewußtsein - als ausgemachte Sache , daß ich mich wieder vermählen würde . Tante Marie pflegte in ihren Homilien nicht mehr auf den Verklärten anzuspielen , der » dort oben meiner harrte « , denn wenn ich in den kurzen Erdenjahren , die mich vom Grabe trennten , mir einen zweiten Gatten angeeignet - eine von Tante Marie selber gewünschte Eventualität - so war dadurch die Gemütlichkeit des himmlischen Wiedersehens mit dem ersten stark beeinträchtigt . Alle um mich herum schienen Arnos Existenz vergessen zu haben - nur ich nicht . Obwohl die Zeit meinen Schmerz um ihn geheilt hatte - sein Bild hatte sie nicht verlöscht . Man kann aufhören um seine Toten zu trauern - die Trauer hängt auch nicht vom Willen ab - aber vergessen soll man sie nicht . Ich betrachtete dieses von meiner Umgebung geübte Todschweigen eines Verstorbenen als eine zweite nachträgliche Tötung und vermied es , den Armen auch noch totzudenken . Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht , täglich zum kleinen Rudolf von seinem Vater zu sprechen , und in seinem Abendgebet mußte das Kind stets sagen : » Gott , laß mich gut und brav sein , meinem geliebten Vater Arno zu Liebe ! « Meine Schwestern und ich » amüsierten « uns köstlich - ich gewiß nicht minder als sie . Es war ja sozusagen auch mein Debut in der Welt . Das erste Mal war ich als Braut und Neuvermählte eingeführt worden ; da hatten sich selbstverständlich alle Kurmacher von mir fern gehalten , und was ist des » Welt « -Lebens höchster Reiz , wenn nicht die Kurmacher ? Aber sonderbar : so sehr es mir behagte , von einer Schar von Anbetern umgeben zu sein , keiner von ihnen machte einen tieferen Eindruck auf mich . Es lag eine Schranke zwischen ihnen und mir , die schier unübersteiglich war . Und diese Schranke hatte sich durch die drei Jahre meines einsamen Studierens und Denkens aufgerichtet . Alle diese glänzenden jungen Herren , deren Lebensinteressen in Sport , Spiel , Ballet , Hofklatsch und , wenn es hoch ging , in Berufsehrgeiz ( die meisten waren Militärs ) gipfelten , die hatten von den Dingen , die ich in meinen Büchern von ferne erschaut und an denen mein Geist sich gelabt , auch nicht die entfernteste Idee . Jene Sprache , von der ich freilich auch nur die Anfangsgründe kennen gelernt , von der ich aber wußte , daß in ihr durch die Männer der Wissenschaft die höchsten Fragen beraten und einst gelöst werden ; jene Sprache war ihnen nicht nur » spanisch « , sondern - patagonisch . Unter dieser Kategorie junger Leute würde ich mir keinen Gatten wählen - das stand fest . Überhaupt hatte ich keine Eile , meine Freiheit , die mir so wohl gefiel