er keines ein , er ist zu keck « , gab sie zur Antwort . Sie erkundigte sich kaum nach dem , was für ihn geschah , obwohl Lisette dem hergelaufenen Gast eine ganz merkwürdige Teilnahme bezeigte . Es war ihm eine kleine Wohnung im Hause einer Hegerswitwe angewiesen worden , das am Saume des Waldes und doch nahe genug am Dorfe lag , um den täglichen Besuch des Arztes zu ermöglichen . Diesen , einen sehr gutmütigen und sehr neugierigen ältlichen Herrn , beehrte Lisette mit ihrem Vertrauen . Sie saßen nebeneinander am Bette des Kranken , der in den ersten Tagen aus stumpfer Bewußtlosigkeit nur auffuhr , um in Fieberphantasien zu verfallen , in denen er lachte und schwatzte und alle Geheimnisse seiner armen , verkommenen Seele ausplauderte . Der Doktor trank förmlich jedes seiner Worte . » Fräulein Lisette « , sagte er einmal , » da werden verborgene Familienverhältnisse vor uns enthüllt . « Sie lächelte : » Bin eingeweiht , Herr Doktor , und brauche mir darauf nichts einzubilden . Wer das Haus kennt , kennt diesen wilden Sprößling , der in Wolfsberg zur Welt gekommen ist . Wäre auch schwer zu verleugnen gewesen bei der Ähnlichkeit und bei dem impertinenten Spektakel , den seine Mutter vor der Hochzeit des Herrn Grafen gemacht hat - als ob nicht viele andere dieselben Ansprüche ... Na , darüber ist nichts zu sagen ... « brach sie plötzlich ab . » Sagen Sie doch , Fräulein , genieren Sie sich nicht und sagen Sie doch ! « Lisette erwiderte mit einem kleinen Achselzucken voll Koketterie : » Können sich selber denken . So ein Herr wie unser Graf , so eine Schönheit , kann der was dafür , daß ihm die Weiber nachlaufen ? - ' s ist ihre Sach und ihre Schuld . So ein Herr wird sich nicht auf den heiligen Aloisius hinausspielen . « Doktor Weise stimmte bei . Er hätte gern einen recht nichtsnutzigen Witz gemacht , um auf das alte Fräulein den blendenden Eindruck eines Don Juan hervorzubringen . Weil er aber von Natur ein keuscher Mann war , wollte ihm nichts Frivoles einfallen . Lisette erneuerte den feuchten Umschlag auf Wolfis Stirn . » Ein so hübscher Bursche und soll schon sterben « , seufzte sie . » Recht traurig , aber im Grunde doch das Beste für ihn und auch für die anderen . « Der Doktor sah seinen Patienten , der jetzt ruhig atmete und sanft zu schlafen schien , prüfend an : » Gut gebaut , kräftig , kann sich noch eine Zeitlang wehren . « » Wie lange zum Beispiel ? « » Schwer zu erraten - möchte mich nicht vor Fräulein blamieren « - er verbeugte sich galant - , » ich glaube nur , bei vortrefflicher Pflege - in dieser gesunden Luft - vielleicht noch zwei Jahre . « Der Kranke schlug die Augen auf und blickte ihn zornig an : » Esel « , sagte er , so laut er konnte , » merken Sie nicht , daß ich wach bin ? « » Ich merke , daß Sie Ihre Besinnung wieder haben , und gratuliere « , sprach der Arzt , nicht im geringsten beleidigt . » Zwei Jahre - wieviel Tage sind das ? ... rechnen ... « Wolfi begann langsam zu zählen , seine Stimme wurde immer schwächer , er schlief wieder ein . » Schon bei Besinnung « , flüsterte Lisette , » das hätte ich nicht geglaubt . Das ist eine schöne Kur von Ihnen , Sie reißen ihn am Ende gar noch heraus . Aber dann ist das erste « - diese Worte wurden von einer bezeichnenden Gebärde begleitet - , » abreisen . « » Wird schwerlich dazu kommen , Fräulein « , erwiderte der Doktor und verbeugte sich noch galanter als vorhin . Lisette aber warf einen Blick in den kleinen Spiegel , der an der Wand über dem Schranke hing , und sagte zu sich : Ich weiß eigentlich nicht , warum ich so altmodische Hauben trage . Zur selben Stunde war Maria im Schloß an ihren Schreibtisch getreten mit der Absicht , den letzten Brief Wolfsbergs zu beantworten . Ein Brief , reich an ernsten und eigentümlichen Gedanken , voll tiefer Empfindung und Zärtlichkeit , den sie mit Stolz und innerster Herzensbefriedigung gelesen und wieder gelesen . Nie hatte ihr Vater so liebreich zu ihr gesprochen , wie er an sie schrieb ; jetzt fürchtete er nicht mehr , sie zu verwöhnen . Am Tische Platz nehmend , bemerkte sie , daß die Kassette aus dem Nachlasse ihrer Mutter neben die Mappe gestellt worden war . Eine alte Bekannte ! Wie oft hatte Maria sie stehen gesehen , immer auf demselben Platz im Zimmer ihres Vaters , und ihre feinen Ornamente betrachtet . Jetzt holte sie den kleinen Schlüssel , dessen Griff ihr in ähnlicher Weise durchbrochen und verziert geschienen hatte , aus der Emaildose und steckte ihn in das Schloß . Er paßte , wollte sich aber nicht drehen lassen . Viel Geduld und Geschicklichkeit mußte angewendet werden , bevor es gelang , der Deckel aufsprang und der Inhalt zum Vorschein kam . Der bestand aus einem zerrissenen Heft , dessen vergilbte Blätter mit einer zarten , feinen Schrift dicht bedeckt waren , und aus alten , mit einer verblaßten Schleife zusammengebundenen Briefen . Maria zog einen derselben hervor . Ihr Vater hatte ihn als Bräutigam an ihre Mutter gerichtet , und die glühendste Leidenschaft sprach sich darin mit hinreißender Beredsamkeit aus . Wie mußten die Beteuerungen , diese Schwüre überzeugt und beseligt haben ! Wie reich war das Leben , das durch die Liebe eines solchen Mannes geschmückt worden ! Und wenn auch früh erloschen , es hatte den köstlichsten , den seltensten Inhalt gehabt - ein volles Glück . Maria griff nach einem der Blätter , auf denen sie die Schrift ihrer Mutter erkannt hatte . Es hing mittelst eines Seidenfadens lose